Grüße vom Mont Blanc

11:48   12 Januar 2017    310

Die Franzosen werben massiv für die am Mittwochabend mit dem Spiel gegen Brasilien beginnende Handball-WM. Ihre Nationalmannschaft will mit Anführer Nikola Karabatic wieder hoch hinaus bei einem Großturnier.

Den Veranstaltern der Weltmeisterschaft ist kein Weg zu weit oder besser: zu hoch gewesen, um für das große Turnier in acht französischen Städten zu werben. Bis auf den 4810 Meter hohen Mont Blanc trug eine Delegation des Gastgebers den WM-Pokal und wies dort auf den Slogan der 25. Titelkämpfe im Welthandball hin - „Phénoménal“. Nur ein paar Monate nach der Fußball-Europameisterschaft findet wieder eine sportliche Großveranstaltung in Frankreich statt; in Rouen, Albertville, Brest, Lille, Metz, Montpellier, Nantes und Paris werden die Spiele ausgetragen, an deren Ende der neue Weltmeister gekrönt werden soll. Der vielleicht der alte ist?

Frankreich hat eine sensationelle Bilanz bei den vergangenen Großturnieren vorzuweisen - vier Mal wurde die „Les Experts“ genannte Mannschaft seit 2001 Weltmeister. Hinzu kommen im gleichen Zeitraum drei kontinentale Titel und die Olympiasiege 2008 und 2012. Nichts anderes als die Titelverteidigung ist deshalb das Ziel des Teams um den Handball-Superstar Nikola Karabatic. Diese Mission startet für die Mannschaft des ehemaligen Abwehrchefs und jetzigen neuen Trainers Didier Dinart an diesem Mittwochabend (20.45 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker und im Livestream mit dem Spiel gegen Brasilien in Paris.

Es ist Dinarts erstes Turnier als Cheftrainer. Ihm assistiert der ehemalige HSV-Profi Guillaume Gille. Der Vater der großen Erfolge, Claude Onesta, bleibt dem Verband als „General Manager“ erhalten. Schon bei den Olympischen Spielen von Rio durfte Dinart testen, wie sich die Chefrolle anfühlt - Onesta hielt sich beinahe komplett im Hintergrund. Doch ob Onesta oder Dinart auf der Bank, eines wird sich nicht ändern: Der Anführer auf dem Feld bleibt Nikola Karabatic.

Der inzwischen 32 Jahre alte Regisseur von Paris Saint-Germain hat unzählige Werbeauftritte für die WM hinter sich gebracht. Überhaupt gab es gefühlt jeden Tag mehrere Spots und Nachrichten zur WM im eigenen Land, berichtete jüngst Dominik Klein. Der ehemalige Linksaußen des THW Kiel spielt inzwischen beim Tabellenzweiten in Nantes - und hat dem übermächtigen PSG im Ligaspiel die bisher einzige Niederlage beigebracht. Klein hat im ganzen Land eine große Vorfreude auf die WM festgestellt.

Dass Handball populär ist, liegt in Frankreich vor allem an Nikola Karabatic. Längst ist er eine Sport- und Gesellschafts-Ikone Frankreichs, und er füllt diese Rolle charmant und sicher im Auftritt aus. Inzwischen Familienvater, spürt Karabatic die Verantwortung, die bei diesem Turnier auf ihm lastet. Er war öfter mal verletzt in den vergangenen Monaten, hat in Paris schwächere Spiele abgeliefert und war nicht mehr der ganz große Dominator. Das konnte man auch in Rio beobachten, als Karabatic wegen seiner chronischen Ellbogenprobleme kaum Tore warf. Die Silbermedaille holten die „Experten“ trotzdem. Doch zur WM hat er versprochen, vollkommen fit zu sein.

Die Handball-WM in Frankreich beginnt: Nikola Karabatic ist der Star im Gastgeberteam
Zur Not versetzt sein Wille immer noch Berge. Stets in seinem Schatten, hat sich sein „kleiner“ Bruder, der 28 Jahre alte Luka, zum Abwehrchef gemausert. Wenn es überhaupt eine Schwachstelle in diesem ausgebufften Team gibt, dann ist es die rechte Rückraumposition. Valentin Porte fehlt es an Größe und Wurfkraft; Supertalent Nedim Remili hat in Paris von Trainer Noka Serdarusic viel gelernt, steht mit 21 Jahren jedoch vor seinem ersten großen Turnier. Endlich mehr als den Joker möchte Kentin Mahé geben. Der schnelle Regisseur der SG Flensburg-Handewitt leidet immer unter seiner Vielseitigkeit und wird zwischen der Mitte und Linksaußen hin und her geschoben. Er selbst würde im sich abzeichnenden Umbruch gern mehr Verantwortung übernehmen mit jetzt 25 Jahren.

Handball-WM statt Fußball-EM

Das Organisationskomitee um die Brüder Edouard und David Donnelly verfolgt mit diesem Turnier eine Doppelstrategie. Zum einen soll zwischen dem 11. und dem 29. Januar eine neue Generation an Spielern vorgestellt werden, die nach dem erwarteten Rücktritt der Stars wie Thierry Omeyer, Daniel Narcisse, Luc Abalo und Michael Guigou in den Startlöchern steht. Ein Zuschauererfolg soll die WM auch werden. „Im Gegensatz zur Kartenlotterie im Fußball können die Menschen sicher sein, ihre Tickets auch zu bekommen“, sagte Marketingchef David Donnelly der „Handballwoche“, „einer unserer Slogans war: Ihr habt die Fußball-EM verpasst? Dann kommt zur Handball-WM!“ Bei Ticketpreisen von nur neun Euro pro Spiel auf normalen Plätzen ist Handball in Frankreich ein preiswertes Vergnügen.

Auch deswegen werden die Hallen voll sein, und anders als vor zwei Jahren in Qatar dürfte gute Handball-Stimmung bei einem perfekt organisierten Turnier herrschen. In Lille wird ab dem Achtelfinale gar im Fußballstadion gespielt, was im Falle einer ausverkauften Arena eine stattliche Kulisse von 27 500 Fans bedeuten würde. Der Spielplan des 25. Welt-Championats sieht im Unterschied zu Europameisterschaften übrigens wieder Achtelfinalspiele nach der Vorrunde vor. Dort aber soll für die Franzosen in ihrer relativ schweren Gruppe mit Polen, Russland, Norwegen, Brasilien und Japan noch lange nicht Schluss sein.



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