Bekannter des Attentäters von Berlin

09:02   20 März 2017    601

Er lebte wochenlang mit Anis Amri in einer Wohnung - und plauderte mit ihm über Lastwagen. Erstmals berichtet nun in Deutschland ein Weggefährte, wie er den späteren Attentäter wahrnahm: "Irgendwie passte das Bild nicht zusammen."

Sein erster Eindruck von Anis Amri? "Ein normaler Junge", sagt Mohamed B.* "Schick gekleidet, sportlich gekleidet." Anis trägt Turnschuhe von Nike, gelt sich die Haare, rasiert sich täglich, geht in Diskotheken. "Ich hatte eher Angst, dass er Mädchen mit nach Hause bringt", sagt B.

Zwei Monate lang lebt Anis Amri in der kleinen Wohnung seines tunesischen Landsmannes in Berlin. Er teilt sich das ehemalige Kinderzimmer mit einem anderen Tunesier, auf dem Boden liegt ein lila Teppich, die Tapete zieren Schmetterlinge, über der Tür hängt eine Uhr mit Pu-der-Bär-Motiv. 350 Euro zahlen die Männer monatlich für 20 Quadratmeter.

Ein Team von SPIEGEL, SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL TV ist den Spuren des Attentäters vom Berliner Breitscheidplatz über viele Wochen gefolgt. Recherchen führten nach Tunesien, Italien und in die dunkle Wohnung in einem Hinterhaus in Berlin-Lichtenberg. Erstmals äußert sich nun in Deutschland ein Weggefährte des Terroristen im Interview: Mohamed B., 47, beschreibt Amris Zerrissenheit und zeichnet das Bild eines Mannes, der zugleich Hedonist und Fundamentalist sein konnte.

Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt führen B. als wichtigen Zeugen. Weil die Ermittler seine Rolle in dem Verfahren zunächst nicht einschätzen konnten und auf Nummer sicher gehen wollten, stürmte ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung des Tunesiers. Noch heute zeugt ein zersplitterter Türrahmen vom gewaltsamen Eindringen der Staatsmacht.

"Ich bin verarscht worden - wie das ganze Land"

B. hatte nach Erkenntnissen der Behörden Kontakt zu dem Tunesier Bilel B. A., der wiederum Amri gut kannte und am Vorabend der Tat noch mit ihm zusammen in einem Restaurant in der Berliner Pankstraße aß. Das Berliner Landeskriminalamt stellte in einem Verfahren gegen Bilel B. A. fest, dass dieser seinen Landsmann Mohamed B. mit Kurierfahrten nach Tunesien beauftragt hatte.

Unklar blieb den Beamten jedoch, was dabei transportiert worden war. Die Ermittlungen gegen Bilel B. A., der nach Amris Anschlag als Gefährder eingestuft wurde, endeten ergebnislos. Inzwischen ist B. A. in seine Heimat abgeschoben worden. Mohamed B. aber lebt immer noch in Berlin, seit 25 Jahren jetzt schon, und er beteuert: Er habe sich nie vorstellen können, dass Anis Amri zu einem Anschlag fähig sei: "Ich bin verarscht worden - wie das ganze Land."

Der Kontakt von Mohamed B. zu Amri entsteht im Herbst 2016 - aus Geldnot. Er sei knapp bei Kasse gewesen, so B., und habe einen Mitbewohner gesucht. Ein Kumpel habe ihm Amri vermittelt, der eines Tages zusammen mit seinem Landsmann Khaled A., 31, bei ihm vor der Tür gestanden habe. Amri und A. hätten sich aus Italien gekannt, so ihr Vermieter B. Amri lebte für einige Jahre in dem Land, ehe er im Sommer 2015 nach Deutschland kam. Amri und A. bezogen gemeinsam das Kinderzimmer der Wohnung - doch als vorbildliche Mieter entpuppten sie sich nicht.

Quelle : spiegel.de

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