Kultur auf dem Scheiterhaufen

  10 Mai 2017    Gelesen: 687
Kultur auf dem Scheiterhaufen

Am 10. Mai 1933 warfen Studenten und SA-Leute in ganz Deutschland johlend Bücher unliebsamer Dichter und Denker in die Flammen. Und bald sollte Heinrich Heines Warnung eintreten: "Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen."

"Übergebt alles Undeutsche dem Feuer. Gegen Klassenkampf und Materialismus. Für Volksgemeinschaft und idealistische Lebensauffassung: Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Karl Marx und Kautsky." So Joseph Goebbels in seiner sogenannten Feuerrede in Berlin am 10. Mai 1933.

Wie in der Reichshauptstadt, so loderten an diesem Tag an vielen Orten in Deutschland die Scheiterhaufen. In erster Linie ereignete sich das in den Universitätsstädten. Rücksichtslos wurde die deutsche Literatur von allem "gesäubert", - wie es damals hieß - was den neuen Herren nicht genehm war. Hundertausende von Büchern wurden im Rahmen dieser Aktion, die sich über mehrere Wochen hinzog, verbrannt. Darunter Werke von Heinrich Mann, Ernst Glaeser, Erich Kästner, Emil Ludwig Cohn und Erich Maria Remarque, um nur einige zu nennen.

Begründung zur Hand: "Eine Umwälzung vom geschichtlichen Ausmaß der nationalsozialistischen Revolution durfte und konnte nicht halt machen vor den Tischen, an denen gedichtet und geschrieben wird; denn ihr jugendlicher Rhythmus klang unüberhörbar auch in die geheiligten Tempel der Muse hinein. Es war daher ganz selbstverständlich, dass die dringlichste Aufgabe nach Ergreifung der Macht in einer radikalen Säuberung des deutschen Schrifttums von artfremden und damit zersetzenden Elementen bestand."

Kaum Widerstand

Die Veranstalter sahen in der Bücherverbrennung einen symbolischen Akt. So, wie man in der Vorzeit dem Feuer eine reinigende, krankheitsaustreibende Wirkung zusprach, sollten in den Flammen die geistigen Grundlagen der verhassten Weimarer Republik vernichtet werden. Damit sollte zum Ausdruck kommen, dass, wie Goebbels damals schrie "in Deutschland die Nation sich innerlich und äußerlich gereinigt hat".

Gegen die Bücherverbrennung regte sich in Deutschland kaum nennenswerter Widerstand. Buchhändler und Verleger reagierten opportunistisch; vom gebildeten Bürgertum wurde sie in Verkennung ihres wahren Charakters und in Verkennung der politischen Lage zum Teil als "studentischer Bierulk" aufgenommen. Auch im Ausland war man eher amüsiert über diesen wie man meinte "Ausdruck studentischen Übereifers".

Zu den wenigen Schriftstellern, die die Situation nicht verkannten und dies auch öffentlich zum Ausdruck brachten, gehörte Thomas Mann, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1929. Schon 1933 emigrierte Mann in die Schweiz, bevor er 1939 in die USA auswanderte. Als ihm die Philosophische Fakultät der Universität Bonn die Ehrendoktorwürde aberkannte, reagierte Thomas Mann mit einem Brief an den Dekan eben dieser Fakultät, in dem es unter anderem heißt: "In diesen vier Jahren eines Exils, das freiwillig zu nennen wohl eine Beschönigung wäre, da ich, in Deutschland verblieben oder dorthin zurückgekehrt, wahrscheinlich nicht mehr am Leben wäre, hat die sonderbare Schicksalsirrtümlichkeit meiner Lage nie aufgehört, mir Gedanken zu machen. Ich habe es mir nicht träumen lassen, (...) dass ich meine höheren Tage als Emigrant, zu Hause enteignet und verfemt, in tief notwendigem Protest verbringen würde."

Zeichen der Zeit

Auch Ricarda Huch schied freiwillig aus der "Preußischen Akademie der Künste" aus. In einem Brief an den damaligen Präsidenten der Akademie schrieb sie am 9. April 1933: "Was die jetzige Regierung als nationale Gesinnung vorschreibt, ist nicht mein Deutschtum. Die Zentralisierung, der Zwang, die brutalen Methoden, die Diffamierung Andersdenkender, das prahlerische Selbstlob halte ich für undeutsch und unheilvoll. (...) Hiermit erkläre ich meinen Austritt aus der Akademie."

Genau zwei Monate bevor Ricarda Huch diesen Brief schrieb, hat sich ein Verbrecher im Berliner Sportpalast auf folgende Weise seinen Landsleuten als Regierungschef empfohlen - Adolf Hitler: "Deutsches Volk: gib uns vier Jahre Zeit, und ich schwöre dir, so wie wir, so wie ich in dieses Amt eintrat, so will ich dann gehen."

Offensichtlich verstanden nur wenige die Zeichen der Zeit. Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 war eines dieser sicheren Zeichen.

Quelle : spiegel.de

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