Wenn Real Madrid spielt, ist Fußball so banal

  11 Auqust 2022    Gelesen: 152
  Wenn Real Madrid spielt, ist Fußball so banal

Eintracht Frankfurt schüttelt die Klatsche gegen den FC Bayern beeindruckend ab - und liefert Real Madrid einen großen Kampf im UEFA-Supercup. Aber zwei defensive Aussetzer und mangelnde Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor verhindern eine nächste magische Nacht in Europa.

Das erste Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften war gigantisch, historisch, heroisch. Das zweite Duell zwischen Eintracht Frankfurt und Real Madrid, 62 Jahre später, war, nunja, belanglos. Eine Erwähnung in den Fußball-Chroniken, keine Erwähnung in den Geschichtsbüchern. Mit 0:2 verliert der Bundesligist, der Europa-League-Sieger der vergangenen Saison, den UEFA-Supercup gegen die reifen Spanier, den Champions-League-Sieger. Der FC Bayern, der 2013 und 2020 die Trophäe holte, bleibt der einzige deutsche Sieger des UEFA-Krönungsspiels. Real schließt mit dem fünften Supercup-Titel zu den beiden Rekordhaltern FC Barcelona und AC Mailand auf. Wen es noch interessiert, das Spiel fand in Helsinki statt. Im Sinne der Nachhaltigkeit war das nicht. Passt also zum Verlauf der Partie. Real darf die Silberware mitnehmen, die Eintracht ein gutes Gefühl.

Das, also das gute Gefühl, war den Frankfurtern ja am vergangenen Freitag fatal gestohlen worden. Vom FC Bayern, der die Eintracht schneller hergespielt hatte, als es jede Polizei erlauben würde. Ein Déjà-vu mit der Geschwindigkeit gab es nun im Olympiastadion der finnischen Hauptstadt nicht. Das war auch nicht zu erwarten gewesen. Denn die "Königlichen" sind eher eine gemächliche Mannschaft. Es sei denn, die Mannschaft wählt die Option Vinicius Junior. Lange war der Brasilianer ein Spielkind auf dem Rasen, erst in der vergangenen Saison fand er den Weg zu Konstanz und Effizienz. Und er macht wenig Andeutungen, dass er diesen Weg verlassen möchte. Wo Vinicius Junior war, da war Gefahr. Er holte die Ecke vor dem 1:0 durch David Alaba mit einem Schuss heraus, den Kevin Trapp phänomenal hielt. Das 2:0 durch Karim Benzema legte er auf.

Die Geschichte dieses Duells lässt sich sehr, sehr schnell erzählen. Real brauchte lediglich ein paar Minuten, um den Mut des Gegners richtig zu kanalisieren. Dann aber saugte das "königliche" Bermuda-Dreieck - Toni Kroos, Casemiro und Luka Modrić - zunehmend die Energie aus der Frankfurter Mannschaft. Die war stets bemüht, spielte gut, war aber in Summe chancenlos. Vielleicht wäre die Sache anders ausgegangen, vielleicht wäre diese Partie spannender gewesen, wenn Daichi Kamada nach einer Viertelstunde die Führung erzielt und nicht an Titan Thibaut Courtois gescheitert wäre? Wer weiß das schon? Der Konjunktiv bleibt der größte Feind in den Erinnerungen eines Fußballers.

Casemiro räumt alle Eintracht-Träume ab

Die Erinnerung an eines der besten Spiele aller Zeiten war in den Tagen von Helsinki beschworen worden. Das Landesmeister-Finale vom 18. Mai 1960 hatte es hierzulande - und auch in Spanien - zur Renaissance gebracht. Mit 7:3 waren die hessischen Adler vom weißen Ballett auf dem grünen Tanzparkett zerrupft worden. In den Heldenrollen damals: Alfredo di Stefano und Ferenc Puskás. In den Heldenrollen an diesem Abend: Vinicius Junior eben und Casemiro. Der Brasilianer ist ein fieser Duell-Partner. Nicht übertrieben unfair, aber sehr robust. Er hat die Fähigkeit, dem Gegner die Lust am Spiel zu nehmen. Das gelang im Olympiastadion von Helsinki vielleicht nicht durchgehend, aber die Art seiner Zweikampfführung schüchterte doch einige Frankfurter ein, Ansgar Knauff etwa. Und manchmal auch den umtriebigen und starken Jesper Lindström.

Was also bleibt hängen von einem Abend, der vor allem die UEFA erfreut haben dürfte, weil er tüchtig Geld einbrachte? Real Madrid darf für sich verbuchen, dass dieses Ensemble in der Sommerpause nichts von seiner bemerkenswerten Abgezocktheit eingebüßt hat. Das Team von Coach Carlo Ancelotti weiß exakt, was es wann auf dem Feld zu tun hat. Der Trainer, der schon so oft und genauso nah an die Rente geschrieben worden war, händelt dieses Ensemble auf väterlich-fürsorgliche Weise. Er dirigiert es zu einer faszinierenden Mischung aus Einfachheit, Klugheit und taktischem Freigeist, der immer wieder gewinnbringend eingesetzt wird. Und mit all der Gelassenheit, noch immer einer der besten Trainer der Welt zu sein, sagt Ancelotti: "Wir haben kein spektakuläres Spiel gemacht, aber es war solide. Wir wussten, dass sie im Umschalten gefährlich sein können. Wir mussten einfach effizient sein und das haben wir geschafft." So einfach ist Fußball.

In dieser Mannschaft steckt auch nach so vielen Jahren und Titeln immer noch eine bemerkenswerte Gier nach Triumphen. Die Ecke vor dem 1:0 ist das beste Beispiel. Über drei Stationen landet der Ball bei Torschütze Alaba. Real ist immer einen Schritt schneller - im für sie ersten Pflichtspiel der Saison. Alle Abgesänge, die seit Jahren in den Schubladen liegen, können weiter unter Verschluss gehalten werden. Das Team zeigt keinerlei Verschleißerscheinungen. Auch, weil der Umbruch sanft ausfällt. Die künftigen Stars werden zugekauft und dürfen sich entwickeln. In der vergangenen Saison galt das bereits für Eduardo Camavinga. Nun soll Aurélien Tchouameni herangeführt werden. Beide spielen im zentralen Mittelfeld, sind also die berufenen (und für teuer Geld verpflichteten) Nachfolger von Kroos, Modric und Casemiro.

Gut gegen die Selbstzweifel

Was darf die Eintracht mitnehmen? Zuallererst darf sie alle möglichen Selbstzweifel verwerfen, die vielleicht in der Nacht vom vergangenen Freitag auf Samstag aufgenommen waren. In jener Nacht nach dem Spiel, das Fußball-Deutschland faszinierte. So stark war der FC Bayern ohne Robert Lewandowski gewesen. Die Eintracht braucht sich keine zu großen Sorgen zu machen, dass auf ein magisches ein tragisches Jahr folgen wird. Wenngleich die vergangene Bundesliga-Saison der ständige Kater nach der rauschhaften Europapokal-Partys war. Auch ohne Filip Kostić, der in Frankfurt zum Sinnbild für Einsatz und Leidenschaft geworden war. Ihn zieht es zu Juventus Turin. Ein Ersatz für den verehrten Dauersprinter soll zeitnah kommen, sagt Coach Oliver Glasner. Der Serbe war übrigens aus beiden Mannschaften der einzige Spieler, der nicht in den Startformationen der Triumph-Truppen stand. Für die Trainer war es eher ein Belohnungs- denn ein Krönungsspiel. Sie schenkten ihren Helden das Vertrauen.

Aber natürlich taugt dieser Abend nicht nur, um sicher zu sein, dass alles gut werden kann. Dieser Abend hat das Aufgabenheft für die kommenden Tage und Wochen gut gefüllt. Das geht es dann um die naiven Fehler und die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Zwar ist Real Madrid die wahrscheinlich cleverste Mannschaft im Spitzenfußball, aber auch andere Teams wissen aus derartig großen Stellungsfehlern und Patzern (beim 0:2 flutschte der Ball an Keeper Kevin Trapp vorbei) ihren Profit zu meißeln. "In so einem Spiel willst du natürlich den Titel holen", sagte Sebastian Rode beim Streamingdienst DAZN. "Das hat halt nicht gereicht heute. Gegen den Champions-League-Sieger musst du die Chancen nutzen, das haben wir nicht geschafft." So einfach ist Fußball.

Quelle: ntv.de


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