Verdi-Chef nennt Lindners Pläne "krass ungerecht"

  12 Auqust 2022    Gelesen: 373
  Verdi-Chef nennt Lindners Pläne "krass ungerecht"

Finanzminister Lindner plant Steuerentlastungen für 48 Millionen Bürger. Darunter sind auch Besserverdienende, die das nicht unbedingt nötig hätten, kritisieren Ökonomen und Gewerkschafter. Während Stimmen von Günen und SPD vor einer sozialen Schieflage warnen, ist die Union für das Vorhaben.

Die Kritik an den Steuerentlastungsplänen von Bundesfinanzminister Christian Lindner reißt nicht ab. Ablehnung kommt unter anderem von der Gewerkschaft Verdi. Deren Vorsitzender Frank Werneke beklagte, profitieren würden in allererster Linie jene, die hohe Einkommen beziehen und vom Spitzensteuersatz betroffen sind. "Diejenigen, die auch jeden Tag hart arbeiten, aber eher niedrige Einkommen beziehen und derzeit am meisten unter der Preissteigerung leiden, würden kaum profitieren - das ist krass ungerecht", sagte Werneke der "Rheinischen Post".

Der Gewerkschaftschef forderte ein umfassendes Steuerkonzept, in dem Veränderungen am Einkommensteuertarif mit einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes und einer Übergewinnsteuer ausgeglichen würden, die Firmen zahlen sollten, die in der Krise überproportional Gewinne erzielten. "Beschäftigten, die keine hohen Gehälter beziehen und angesichts der Preisentwicklung in echter Not sind, nützt ein Herumdoktern am Steuertarif nichts. Es braucht stattdessen ein weiteres Entlastungspaket mit direkten Zahlungen - gezielt für Menschen mit geringen bis mittleren Haushaltseinkommen", sagte Werneke.

Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum befand, es sei "derzeit einfach nicht die Zeit", alle Einkommensbereiche zu entlasten. "Angesichts der steigenden Inflation bräuchten wir eine Umverteilung von oben nach unten, nicht umgekehrt", sagte er dem "Spiegel". Ähnlich hatte sich bereits die Wirtschaftsweise Veronika Grimm geäußert. Eine Reform, bei der nominal die Besserverdienenden mehr gewinnen, komme zum falschen Zeitpunkt, kritisierte sie.

Scholz spricht von "gutem Aufschlag"

FDP-Chef Lindner hatte seine Pläne am Mittwoch vorgestellt. 48 Millionen Bürger sollen ab 2023 profitieren, es geht um mehr als zehn Milliarden Euro Entlastung. Prozentual werden Geringverdiener demnach deutlich stärker entlastet als Topverdiener - in absoluten Zahlen sieht das aber anders aus. Politiker der Koalitionspartner Grüne und SPD sehen eine soziale Schieflage. Bundeskanzler Olaf Scholz signalisierte aber bereits Entgegenkommen und bezeichnete Lindners Pläne als "guten Aufschlag" und Teil eines Gesamtpakets mit weiteren Entlastungen.

FDP-Fraktionschef Christian Dürr verteidigte die Pläne seines Parteichefs und rief zu deren Unterstützung auf. Es sei ein "wichtiger Schritt für mehr Steuergerechtigkeit", sagte Dürr. "Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind eine echte Entlastung für die breite Mitte unserer Gesellschaft, die unseren Staat und unsere sozialen Sicherungssysteme Tag für Tag am Laufen hält", sagte Dürr. "Meine Bitte an alle Kritiker lautet: das Vorhaben von Christian Lindner zu unterstützen."

Union wünscht Lindner mehr Gehör

Die Union muss er offenbar nicht überzeugen. CDU-Generalsekretär Mario Czaja sagte der "Bild"-Zeitung: "Eine steuerliche Entlastung der breiten Mitte durch die Abmilderung der kalten Progression finden auch wir grundsätzlich richtig. Dadurch werden vor allem kleine und mittlere Einkommen entlastet". Czaja rief Kanzler Scholz auf, dazu eine Entscheidung am Kabinettstisch herbeizuführen. Der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stefan Müller, kritisierte: "Selbst minimale Entlastungen führen in der Ampel zu Aufschrei. Die Ampel ist eine linke Regierung, in der die FDP untergeht", sagte Müller der "Bild".

Vor allem die explodierenden Energie- und stark steigenden Lebensmittelpreise machen vielen Menschen zu schaffen. Kanzler Scholz erwartet aber deshalb keine sozialen Unruhen, wie er am Donnerstag deutlich machte. Der Armutsforscher Christoph Butterwegge warnte gleichwohl in der "Rheinischen Post": "Die wahrscheinlich auch künftig steigenden Energie- und Nahrungsmittelpreise dürften bis in die Mitte der Gesellschaft hinein zu sozialen Verwerfungen führen. Möglicherweise muss auch manche Mittelschichtfamilie die Hälfte ihres Einkommens für die Warmmiete ausgeben. Daher wird sich die Armut weiter ausbreiten."

Die Grünen-Parteichefin Ricarda Lang sagte der Zeitung, zur Verhinderung einer Armutswelle seien kurzfristige Maßnahmen nötig, um gezielt im Herbst und Winter jene zu entlasten, die am stärksten von den steigenden Preisen betroffen sind. Lang forderte aber zugleich eine "grundsätzliche Debatte über Gerechtigkeit, die wir auch in der Regierung führen müssen."

Quelle: ntv.de, ino/dpa


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