Chef Schröder, auferstanden aus Anführer-Ruinen

  11 September 2022    Gelesen: 275
  Chef Schröder, auferstanden aus Anführer-Ruinen

Die deutschen Basketballer kämpfen sich am Ende dramatisch ins EM-Viertelfinale, weil Dennis Schröder vom Sündenbock zu einem großartigen Anführer herangewachsen ist. Nach einem Desaster 2019 erleben er und sein Team eine Wiedergeburt - und große Träume könnten plötzlich wahr werden.

Im Sport werden gern Vergleiche herbeigezogen. Teilweise passende, teilweise Hirngespinste. Keine Angst, zu Jesus Christus zieht niemand Parallelen, wenn dieser Tage von Dennis Schröder gesprochen wird. Aber dennoch: Der Kapitän der deutschen Basketball-Nationalmannschaft erlebt bei der Europameisterschaft eine Art Auferstehung. Eine Wiedergeburt für einen, der in der Vergangenheit so oft an seinem eigenen Führungsanspruch gescheitert war. Für einen, der mit seinen Worten Luftschlösser baute, die zu Ruinen zerfielen. Nun ist Schröder der unangefochtene Chef und führt Deutschland mit Leadership und Leistung ins Viertelfinale.

Das DBB-Team wankt. Zur Pause sind es 24 Punkte Führung und alles scheint gemacht für den Achtelfinalsieg in Berlin über Montenegro, doch dann droht die Mannschaft von Bundestrainer Gordon Herbert am Ende noch alles zu verspielen. Aber nicht mit Boss Dennis Schröder. Offensiv wie defensiv reißt der 28-Jährige das Spiel in wichtigen Situation immer wieder an sich, ist der Organisator eines - bis auf die Aufholjagd der Montenegriner - stets mit Engagement auftretenden deutschen Teams. Es sind drei Szenen beim am Ende knappen 85:79-Erfolg, die Schröders gesamte Reinkarnation bei diesem Turnier versinnbildlichen.

"Der, der es am meisten will"

Schröder, der Fighter. 30 Sekunden vor Schluss unterläuft dem Spielmacher ein schlimmer Ballverlust, Montenegro verwandelt den Gegenstoß zum 77:80. Ein Drama bahnt sich an, nachdem Deutschland das gesamte Spiel in Führung liegt. Aber Schröder meckert nicht, frustet nicht, lässt den Kopf nicht hängen, wie er es vor einigen Jahren vielleicht gemacht hätte. Stattdessen erkämpft er sich auf dem Court die perfekte Antwort und verwandelt wichtige drei von drei Clutch-Freiwürfen mit 23 Sekunden auf der Uhr. Der Sieg ist damit perfekt. "Dennis tut uns gut, er trägt uns die ganze Zeit", sagt Center Jonas Wohlfarth-Bottermann nach der Partie. "Er ist immer der, der es am meisten will", fügt Johannes Thiemann zu, "auf und abseits des Courts". Schröder selbst urteilt pragmatisch: "Wer cool bleibt und die richtigen Antworten gibt, gewinnt das Spiel."

Szene zwei: Schröder, der seine Teamkollegen Bessermacher. Gleich zu Beginn der Partie spielt er einen traumhaft schönen No-Look-Steckpass auf NBA-Profi Daniel Theis. Es folgt kurz danach ein spektakuläres Alley-Oop-Anspiel. Der Point Guard setzt früh seine Mitspieler in Szene, damit diese Selbstbewusstsein sammeln und gut im Spiel sind. Immer wieder ruft er Befehle und Anweisungen, motiviert seine Nebenleute. Auch kurz vor Schluss vertraut Chef Schröder seinen Teamkollegen, als er seinen Gegenspieler umkurvt, mit Affenzahn in die Zone unter dem Korb zieht und den Ball an einem heraus eilenden Verteidiger clever vorbei passt. Am Ende des Spiels hat er acht Assists gesammelt. Der gesamte Rest des Teams kommt auf elf.

"Ja, war gut"

Wichtig ist daran, dass die Nationalmannschaft nicht mehr komplett abhängig von Schröders Punkten ist. Er muss offensiv nicht mehr alles stemmen, wie es bei früheren Turnieren oft der Fall war. Erst dank dieses Vertrauens in seine Mitspieler wird er zu dem Anführer, der er etwa bei der WM 2019 noch nicht sein konnte (dazu später mehr). "Wir haben jetzt viele Spieler, die das Team tragen können und sind sehr ausgeglichen", sagt Thiemann. Und Theis erklärt: "Es ist wichtig, dass jeder selbstbewusst spielt. Das zeichnet uns als Team aus."

Nicht nur Vorlagen, sondern auch Punkte kann Schröder natürlich nach wie vor liefern. Und wie. 22, die meisten im deutschen Team, sind es am Ende. Die schönsten beiden sind ein Ausrufezeichen zwei Minuten vor dem Ende der ersten Hälfte und stellen Szene drei dar: Mit zwei, drei schnellen Schritten zieht der Spielmacher rechts an seinem Gegenspieler vorbei, hebt ab - und peng: stopft den Ball mit einem spektakulären Dunking in den Korb! Die Halle in Berlin explodiert. Auf die Aktion angesprochen, grinst er nach dem Sieg nur verschmitzt: "Ja, war gut."

Schröder, der Vollstrecker, der emsige, schnelle, eiskalte Scorer. Der gefühlt in jeder Situation mit seinem Zug zum Korb und mit Mitteldistanzwürfen (sein Dreier fällt auch in diesem Spiel wie so häufig nicht, Schröders wohl größte Schwäche) Punkte liefern kann, um der deutschen Mannschaft einen kleinen Schub zu geben, wenn es besonders wichtig ist. Auch mit diesen Aktionen schultert er das Team und führt es an. Doch das war nicht immer so. Und nicht jeder glaubte an die Leadership-Qualitäten eines Dennis Schröders.

Desaster bei WM 2019 als Wendepunkt

Blick zurück zu WM 2019 in China. Zurück zu dem Grund, warum Schröder überhaupt eine Wiedergeburt benötigte. "Ich bin der Meinung, dass er kein Anführer ist. Er ist der beste Spieler, aber kein Anführer", sagte damals Marko Pesic, der Sportdirektor des deutschen Basketball-Meisters Bayern München. Vorher war das Turnier für Deutschland im Desaster geendet. Nach der peinlich Pleite im zweiten Spiel gegen die Dominikanische Republik waren der als hochveranlagt geltende Schröder und seine Mitspieler schon ausgeschieden.

Viele Hoffnungen ruhten damals auf dem schnellen Spielmacher, der sich selbst zum "Leader" der Mannschaft ernannte. Aber weil der Aufbauspieler die hohen Erwartungen (Deutschland wurde sogar als Medaillenkandidat gehandelt) nicht erfüllen konnte und stattdessen auf dem Feld motzte und schmollte, erntete er harte Kritik und wurde zum Sündenbock. Nun folgt bei der EM die Auferstehung zum Anführer. Endlich zeigt Schröder, was wirklich in ihm steckt. Dass er kämpfen und vorangehen kann.

Dass er auch diese Mentalität besitzt, ist beim in Braunschweig aufgewachsenen Point Guard lange nicht klar. Sein Werdegang klingt ein bisschen wie eine Hollywood-Story. Mit elf Jahren wird er von seinem späteren Co-Trainer der Phantoms, dem damaligen Bundesligaverein seiner Heimatstadt, auf dem Freiplatz entdeckt. Schröder skatet dort mit Freunden - und macht sie im Anschluss beim Basketball auf dem Betonplatz nass. Es folgt ein kometenhafter Aufstieg bis in die Bundesliga, der Spielmacher kann sich dabei stets auf sein reines Basketballtalent verlassen. Möglicherweise ruht er sich ein wenig darauf aus.

"Wir werden nicht jünger"

2013 wird Schröder zum Nike Hoop Summit in den USA eingeladen und misst sich, wie Dirk Nowitzki im Jahr 1998, mit den besten High-School-Talenten. Eine Ehre. Doch damals kreidet man ihm hier und da mangelnden Respekt an. Aber Schröder, der damals sogar noch im Friseursalon seiner Mutter aushilft, beißt sich durch und schafft den Sprung in die NBA und in die Nationalmannschaft. In dieser übernimmt er nun die Verantwortung, die er auch in seiner Familie übernehmen muss, als sein Vater in den Teenagerjahren des Basketballtalents verstirbt und der Heranwachsende auf seine jüngeren Geschwister aufpasst.

Sowohl Schröder als auch das DBB-Team haben somit eine Auferstehung erlebt, haben sich emanzipiert. Gegen Montenegro zeigt sich - auch wenn es am Ende unnötig spannend wird - über weite Strecken ein taktisch variables und selbstbewusstes Gefüge mit einer gesunden Hierarchie. Und so lebt der Traum von der dritten EM-Medaille nach Gold 1993 und Silber 2005 weiter. "Wir wollen irgendwann mal was erreichen mit der Nationalmannschaft. Unser Ziel jetzt ist es, eine Medaille zu gewinnen. Wir werden nicht jünger", sagt Theis noch vor dem Achtelfinale.

Damit der Traum Realität wird, muss Deutschland allerdings im Viertelfinale am Dienstag wohl den Giganten Giannis Antetokounmpo und Griechenland (Favorit im Achtelfinale gegen Tschechien am Abend um 20.45 Uhr) aus dem Weg räumen. "Giannis kannst du nicht eins-gegen-eins verteidigen. Da brauchst du das gesamte Team, die gesamte Defensive", sagt Theis. Gut, dass Deutschland auch dann wieder den auferstandenen Chef Dennis Schröder hat. Den Scorer, den Kämpfer. Den das gesamte Team Bessermacher.

Quelle: ntv.de


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