Selbstlos im Einsatz: Piloten über Tschernobyl-Reaktor nach Explosion

  26 April 2018    Gelesen: 745
Selbstlos im Einsatz: Piloten über Tschernobyl-Reaktor nach Explosion

Zur Bekämpfung der Tschernobyl-Katastrophe, die sich am Donnerstag zum 32. Mal jährt, haben Militärpiloten wesentlich beigetragen. Nikolai Antoschkin, derzeit Abgeordneter der russischen Staatsduma, leitete damals den Hubschraubereinsatz vor Ort und wurde später für seine Leistungen als Held der Sowjetunion ausgezeichnet.

Antoschkin sagte der Wochenzeitung „Swesda“, nach der Explosion in der Nacht zum 26. April im Atomkraftwerk Tschernobyl (Sowjet-Ukraine) seien Feuerwehrleute im Laufe des Tages nahe dem Reaktor im Einsatz gewesen – trotz der enormen Strahlungswerte: „Doch innerhalb des Reaktors befanden sich mindestens 2.500 Tonnen Graphit, der weiter brannte. Die radioaktive Rauchwolke stieg in eine Höhe von bis zu 600 Metern auf und breitete sich unglaublich schnell in alle Richtungen aus.“

Um diese Ausbreitung zu stoppen sowie näher an den Reaktor heranzukommen und den Einsatz auf dem Boden fortzusetzten, musste laut Antoschkin zunächst der Brand im Inneren der Anlage gelöscht werden, und zwar aus der Luft. Diese Aufgabe übernahmen Hubschrauber, die aus verschiedenen Militäreinheiten kamen.

Die Bevölkerung der benachbarten Stadt Prypjat wurde evakuiert. Anschließend begannen die Piloten damit, Sandsäcke auf den zerstörten Reaktor abzuwerfen, so Antoschkin. Er habe diesen Einsatz damals vom Dach eines Restaurants aus koordiniert. 

Die Verhältnisse beim Einsatz auf dem Boden und in der Luft seien „schlimmer als reale Kampfbedingungen“ gewesen, denn man habe den Feind, also die  Strahlung, nicht unmittelbar sehen können. Neben den enormen Strahlungswerten sei auch die Temperatur an und über dem Reaktor sehr hoch gewesen – mehr als 180 Grad Celsius laut Hubschrauberbesatzungen. Es habe kaum Schutz für die Menschen gegeben.

Es sei nicht möglich gewesen, Wasser aus dem Fluss für die Brandbekämpfung zu nutzen, denn dies hätte eine weitere Explosion im Reaktor verursachen können. Nur der Abwurf von Sandsäcken und Bleiblöcken sei deshalb in Frage gekommen. Unter anderem seien ausgemusterte Bremsfallschirme von benachbarten Militärflugplätzen als eine Art gigantische Beutel für Säcke genutzt worden. In den Produktionswerken von Kiew und anderen Städten seien unterdessen dringend Vorrichtungen gefertigt worden, um den Abwurf effizienter zu gestalten, hieß es.

„Nach zwei oder drei Flügen erbrachen sich viele Piloten. Es kratzte ständig im Hals, im Mund war ein Beigeschmack von rostigem Eisen zu spüren“, so Antoschkin. Wie er aber unterstreicht, wollten die Piloten nach jedem Flug sofort wieder in den Einsatz: „Während meines langjährigen Dienstes bei der Luftwaffe habe ich nirgendwo mehr einen solchen Eifer gesehen.“

Neben dem unmittelbaren Brandlöscheinsatz hätten die Besatzungen auch weitere Aufgaben erfüllt: Sie haben die Strahlungswerte gemessen, die Anlage aus der Luft fotografiert, Fachleute und Mitglieder der Untersuchungskommission an Bord genommen sowie Menschen und Güter transportiert.

Gegen Abend am 30. April wurde das Feuer im Reaktor laut Antoschkin gelöscht, die Einsatzkräfte begannen damit, die Sandschicht aufzustocken. All dies ermöglichte, noch größere und gefährlichere Ausmaße der Strahlenverseuchung zu verhindern.

sputnik.de


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