Rettungsring für Bundesligisten

  22 Mai 2018    Gelesen: 697
Rettungsring für Bundesligisten

Wolfsburg darf jubeln: Wieder hat sich der Bundesligist in der Relegation gerettet. Kiels Mittelfeldspieler Dominic Peitz kritisiert den Modus - der Zweitligist wird der ersten Liga wohl lange nicht mehr so nah kommen.

 

Es war der VfL Wolfsburg, der die Relegation für sich entschieden hatte. Nicht Holstein Kiel. Diese Tatsache musste man sich nach dem Schlusspfiff immer wieder ins Gedächtnis rufen. Denn die Bilder, die man im proppevollen Holstein Stadion sah, die wollten so rein gar nicht zum Ergebnis passen.

Die West-Tribüne, der Stehplatzbereich der Kieler Fans, hüpfte auf und nieder, die beiden anderen Tribünenseiten klatschten und sangen, die Stimme des Stadionsprechers überschlug sich. Und das ganze Stadion sang der Gästekurve ein trotziges Liedchen: "Und ihr wollt erste Liga sein?"

So ganz gerecht war das nicht. Denn die Wolfsburger waren nicht nur im Hinspiel, das sie mit 3:1 gewonnen hatten, die bessere Mannschaft. Auch beim 1:0-Sieg im Rückspiel hatten sie so gespielt, wie man spielen muss, wenn man das Hinspiel gewonnen hat: Abwartend, aber konzentriert .

"Wenn hier einer gescheitert ist, dann ist es Wolfsburg"

Dass die individuelle Qualität des Wolfsburger Kaders - wie in beiden Spielen klar zu erkennen - eine andere ist als die der Kieler könnte aber eben auch daran liegen, dass deren Etat dann eben doch ein bisschen größer ist. 60 statt 6 Millionen sind die Zahlen, die da kolportiert werden. Man kann die Dinge da also auch etwas grundsätzlicher angehen.

Etwa so wie Dominik Peitz. Der eloquente Hüne im Kieler Mittelfeld kam als Erster in die Interviewzone, und er hatte viel zu sagen. Die Frage, wie es ihm angesichts des Scheiterns in der Relegation gehe, war genau das richtige Stichwort: "Wenn hier einer gescheitert ist, dann ist es Wolfsburg mit der Idee, eine Mannschaft zusammenzustellen, die in der Bundesliga Erfolg hat", sagte er. Es sei "fragwürdig, eine Relegation stattfinden zu lassen, in der man dem Drittletzten der Bundesliga noch mal einen Rettungsring zuwirft und ihm die Chance gibt, eine katastrophale Saison zu retten."

Da würden zwei Mannschaften aufeinander gehetzt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier das kleine Holstein Kiel, das - man hat das fast schon vergessen - ja vor dieser Saison erst aufgestiegen ist aus der dritten Liga, sofort Herbstmeister wurde und mit mutigem, planvollem Offensivfußball und 71 Toren jedem Freude gemacht hat, den am Fußball auch der Fußball interessiert.

Labbadia packt Anfang am Kragen

Und dort eine Wolfsburger Mannschaft, deren Konzept sich seit Jahren darin erschöpft, für ein Heidengeld Spieler einzukaufen und in immer kürzer werdenden Abständen neue Trainer zu verpflichten. Zweimal in den vergangenen zwei Jahren reichte eine kurze Aufwallung in der Relegation, um eine Katastrophensaison noch zu retten. Insgesamt setzten sich seit 2009 achtmal die Bundesligisten durch. Kiels Peitz scheint nicht zu denen zu gehören, die das Wolfsburger Modell sympathisch finden. Er sprach von "Spielern, die sich das ganze Jahr mit anderen Dingen beschäftigen als ihre Leistung zu bringen. Vielleicht zählen sie ihr Geld."

Wolfsburgs Trainer Bruno Labbadia wäre wohl aus der Haut gefahren, wenn er das gehört hätte. Er hatte schließlich schon den Kollegen Markus Anfang nach dem Schlusspfiff kurz am Kragen gepackt. "Es ging um Respekt", sagte er bei der Pressekonferenz. Anfang wiederum betonte, er habe Labbadia lediglich gesagt, dass Kiel einen Sieg verdient gehabt hätte. Was allerdings auch wirklich eine sehr subjektive Sicht der Dinge war. Wolfsburg war auch im Rückspiel die bessere Mannschaft.

Je später der Abend an der Ostseeküste wurde, desto mehr Wehmut mischte sich allerdings in den anfänglichen Trotz der Kieler Fanschar. Die Branchenmechanismen, die Peitz so eloquent gegeißelt hatte, machen ja nicht Halt vor dem wackeren Aufsteiger. Trainer Anfang, dessen Anteil am Höhenflug man kaum überschätzen kann, trainiert demnächst Köln. Sportdirektor Ralf Becker soll beim HSV im Gespräch sein. Und so mancher Leistungsträger scheint nur noch eine Schamfrist abzuwarten, ehe auch er den Weggang aus Kiel verkündet.

Platz drei wird es wohl nicht mehr werden in der nächsten Saison. Zu stark sind die Kontrahenten, aus der Bundesliga kommen Köln und Hamburg. Und zu klein ist der Etat der Kieler, um dauerhaft oben mitzuspielen. Vielen wurde erst lange nach Abpfiff klar, wie nah sie der ersten Liga gekommen waren.

So nah, wie sie ihr so schnell nicht wieder kommen dürften.

Holstein Kiel - VfL Wolfsburg 0:1 (0:0)
0:1 Knoche (75.)
Kiel: Kronholm - Patrick Herrmann (80. Peitz), Schmidt, Czichos, van den Bergh - Kinsombi - Schindler, Weilandt (76. Janzer), Mühling, Seydel - Ducksch. Trainer: Anfang Wolfsburg: Casteels - William, Knoche, Brooks, Uduokhai - Guilavogui - Malli (76. Camacho), Arnold - Steffen, Brekalo (90.+2 Blaszczykowski) - Origi (84. Dimata). Trainer: Labbadia
Schiedsrichter: Daniel Siebert
Zuschauer: 12.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Patrick Herrmann, Peitz, Ducksch - Uduokhai, Brooks

spiegel


Tags: