Größer als der Hass: Positive Stimmung gegenüber Migranten in Deutschland

  24 September 2018    Gelesen: 567
Größer als der Hass: Positive Stimmung gegenüber Migranten in Deutschland

Gibt die öffentliche Debatte um die Einwanderungsgesellschaft die Stimmung in der Bevölkerung richtig wieder? Das „Integrationsbarometer 2018“ sorgt für Zweifel daran. Es zeigt: Wer im Alltag Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft erlebt, denkt zumeist anders darüber, als Politiker behaupten. Die Soziologin Claudia Diehl erklärt die Stimmung.

Das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft der Bundesrepublik wird von einer Mehrheit der Bevölkerung positiv gesehen. Die Alltagserfahrungen im Zusammenleben werden deutlich besser eingeschätzt, als es der öffentliche Diskurs erscheinen lässt. Das gehört zu den Ergebnissen des kürzlich veröffentlichten „Integrationsbarometers 2018“.

Die Studie hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) durchführen lassen und vorgestellt. Dafür wurden nach 2016 zum zweiten Mal bundesweit Personen mit und ohne Migrationshintergrund zum Stand der Integration befragt.

Ja zu Flüchtlingen

Dabei kam unter anderem heraus: „Menschen mit wie ohne Migrationshintergrund bewerten das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft insgesamt weiterhin positiv. Dies gilt besonders dort, wo kulturelle Vielfalt im Alltag erlebt wird. Dass Menschen im Osten Deutschlands das Zusammenleben skeptischer bewerten als im Westen, lässt sich vor allem mit geringerem Kontakt zu Zugewanderten erklären. Ein niedriger Bildungsstand und/oder Diskriminierungserfahrungen führen eher zu einer negativen Einschätzung. Insgesamt kommen Frauen zu einem positiveren Urteil als Männer. Gegenüber Flüchtlingen ist die Haltung der Bevölkerung differenziert: Die Mehrheit will weiter Flüchtlinge aufnehmen, aber ihren Zuzug begrenzen.“

Es seien 2017 mehr als 9000 in Deutschland lebende Menschen mit und ohne Migrationshintergrund befragt worden, erklärte Claudia Diehl gegenüber Sputnik. Die Soziologie-Professorin an der Universität Konstanz ist Mitglied des SVR.

Andere Alltagserfahrungen
Im Vergleich zur ersten Befragung vor zwei Jahren sei das sogenannte Integrationsklima stabil geblieben, hob sie hervor. Bei der Vorstellung der Studie hieß es: „Damals wie heute überwiegt ein positives Bild vom Zusammenleben in Deutschland. Das gilt insbesondere für diejenigen, die kulturelle Vielfalt im Alltag erleben: Sie bewerten das Integrationsklima unverändert positiv. Eingetrübt hat sich das Integrationsklima in den Jahren 2016 und 2017 dort, wo der Integrationsalltag nicht persönlich erlebt wird. Dies erklärt zu einem erheblichen Teil den Unterschied in der Beurteilung zwischen Menschen im Osten und im Westen Deutschlands.“

Das Klima habe sich auch in Folge der Grenzöffnung für Geflüchtete 2015 nicht verschlechtert, betonte Diehl. Dieser Befund widerspreche der „sehr aufgeregten öffentlichen Debatte“. Diese habe unter anderem Bundesinnenminister Horst Seehofer mit seiner Aussage, Migration sei die „Mutter aller Probleme“, zugespitzt. Die Alltagserfahrungen der Menschen in einem „diversen Land“ wie der Bundesrepublik würden dem widersprechen.

Hass im Osten wie im Westen
Es gebe bei einzelnen Gruppen Unterschiede. So seien Frauen positiver eingestellt als Männer, so die Wissenschaftlerin. Der Unterschied zwischen den Alltagserfahrungen und dem öffentlichen Bild sowie der medialen Debatte habe etwas mit den konkreten Kontakten der Menschen zu tun. „Da läuft alles recht gut, bei allen Herausforderungen.“

Diehl verwies auf besonders skeptische Einstellungen gerade bei Ostdeutschen ohne eigene persönliche Kontakte zu Angehörigen von Minderheiten. Diese seien offenbar der aufgeregten medialen Debatte besonders ausgesetzt. Aufgrund der Daten könnten aber nicht Ereignisse wie die jüngsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz erklärt werden. Hassattacken auf Geflüchtete und Menschen augenscheinlich anderer Herkunft gebe es in Ost- wie in Westdeutschland, stellte die Soziologin klar.

sputniknews


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