Weizsäcker: Regieren der Militärmacht ist heute brisanter als im Kalten Krieg

  22 Februar 2019    Gelesen: 562
Weizsäcker: Regieren der Militärmacht ist heute brisanter als im Kalten Krieg

Ernst Ulrich von Weizsäcker sieht in der Finanzmacht, die mehr Einfluss als die Staaten hat, eine Bedrohung für den Frieden. Im Sputnik-Gespräch kommentiert der SPD-Politiker die transatlantische Freundschaft, EU-Beziehungen mit Russland, den Ausstieg aus dem INF-Vertrag sowie neue Herausforderungen.

Laut Weizsäcker hat sich die transatlantische Freundschaft in der letzten Zeit gewandelt, obwohl sie starke Wurzeln aus der Zeit nach 1954 habe und auch weiterhin stabil zu sein scheine, zumindest den Erklärungen der Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz und des Nato-Treffens in Brüssel zufolge. Andererseits habe der gegenwärtige Präsident der USA „keine Freude an Europa und doch Freude daran, ständig die Europäer zu beschimpfen, und das mache die transatlantischen Beziehungen sehr viel schwieriger“.

Solange es den Kalten Krieg gegeben habe, habe es auch eine Art Gleichgewicht der beiden Großmächte – UdSSR und USA – gegeben. Keiner habe es gewagt, einen Krieg zu beginnen. Dies habe zu dem großartigen Abkommen von Reykjavik, dem Mittelstreckenvertrag INF, zwischen Michail Gorbatschow und Ronald Reagan geführt, so der deutsche Politiker.

„Ich halte es für sehr gefährlich und töricht, dass US-Präsident Trump einfach für sich gekündigt hat. Verständlicherweise hat Putin dann ähnlich reagiert. Das ist eine neue Gefahr der Dezentralisierung der Macht und des Regierens der technologisch höchst gerüsteten Militärmacht – das ist brisanter als während der Zeit des Kalten Krieges“, sagte Weizsäcker gegenüber Sputnik am Rande der wissenschaftlichen Konferenz „Wichtige Herausforderungen der modernen Welt: Bekannt und Unbekannt“ in Moskau.

Um Wettrüsten in Europa als Folge des Ausstiegs aus dem INF-Vertrag zu verhindern, müsse Europa zuerst aus der gegenwärtigen Zerrissenheit herausfinden, betont Weizsäcker. Dann werde wieder klar, dass Europa ein großartiges Friedensprojekt gewesen sei, als es gegründet wurde. Die Sticheleien müssten überwunden werden. Das schaffe eine vertrauensvolle Atmosphäre und setze gleichzeitig eine Agenda der wirklichen Friedensorientierung durch.

Die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland bzw. der Europäischen Union kommentiert der ehemalige MdB wie folgt:

„Russland weiß sehr genau, dass es selber eine starke europäische Tradition hat. Die intellektuelle kulturelle Größe von Russland ist zu 90 Prozent europäisch. Ich kenne keinen Russen, der nicht irgendwie eine gute Kooperation mit dem Westen von Europa sucht. Für Deutschland sieht es ähnlich aus. Wir wissen in Deutschland, dass wir mit dem Zweiten Weltkrieg einen ungeheuren Schaden an der damaligen Sowjetunion ausgerichtet haben, und dass dann allerdings eine grausame Teilung Deutschlands eingetreten ist. Und wir sind Politikern wie Michail Gorbatschow unendlich dankbar, die Frieden gesucht haben und nicht Dominanz. Von dieser Tradition, die auch für die heutige deutsche Regierung von Frau Angela Merkel absolut gültig ist, sehen wir die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland, bzw. der Europäischen Union positiv.“

Als Mitautor des sensationellen Berichts des Club of Rome „Come On!“, der scharfe Kritik am Kapitalismus enthält, verwies Weizsäcker darauf, dass es nach dem Ende des Kalten Krieges möglich gewesen sei, die aus dem Wettrüsten freigewordenen Finanzmittel für die Lösung dringender Probleme aufzuwenden. Diese Hoffnungen hätten sich jedoch nicht erfüllt.

„Bis 1990 war Kalter Krieg. In dieser Situation was es unbedingt nötig, sich anständig zu benehmen, um der Welt zu beweisen, dass die freie Marktwirtschaft besser ist als der Kommunismus. Nach 1990 war der Kontrast mit dem Kommunismus weg, nun wurde das Kapital arrogant und hat auf einmal angefangen, nur noch die Kapitalrendite zu erhöhen, überall Steuersenkungen zu fordern, die soziale Marktwirtschaft zu reduzieren und die Umwelt zu ignorieren. Das ist die heutige Form von Kapitalismus, die brutal geworden ist. Jetzt müssen wir wieder zu einem menschenfreundlichen, umweltfreundlichen, sozialen Kapitalismus zurückkehren.“

Als Naturwissenschaftler fordern Professor Weizsäcker und seine Kollegen eine andere Herangehensweise an die Umweltpolitik. Die konventionellen Herausforderungen kenne jeder: Klima, Überbevölkerung, Zerstörung der Artenvielfalt, Verschmutzung der Ozeane, Degradierung der Böden. Neu im Buch „Come On!“ (deutscher Titel „Wir sind dran“) ist, dass man sagt: Mit rein mechanischen politischen Maßnahmen könne man weder Klima, noch Ozeane und Böden sanieren. Man müsse tiefer gehen und eine Art neue Aufklärung in unserer Zivilisation entwickeln.

„Die bisherige dominante Aufklärung aus dem 18.Jahrhundert war großartig für die industrielle Revolution. Aber sie hat die heutige gefährliche Macht der Finanzwelt nicht verhindert, die zum Teil mächtiger ist als die Staaten. Sie hat die Militärentwicklung bis zu Atombomben usw. nicht verhindert. Sie hat nicht verhindert, dass es weiterhin sehr arme und extrem reiche Menschen gibt. Und wir sind der Meinung, dass sich die neue Aufklärung den heutigen Problemen widmen muss“, schließt Ernst Ulrich von Weizsäcker.

sputniknews


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