Neu im NZZ-Kino: Der Soldat Steve Bannon – „Jeder Tag in Brüssel wird Stalingrad sein“

  17 Mai 2019    Gelesen: 130
  Neu im NZZ-Kino: Der Soldat Steve Bannon – „Jeder Tag in Brüssel wird Stalingrad sein“

Steve Bannon, früherer Berater von US-Präsident Donald Trump, hat der „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) ein Interview gegeben. Darin bestätigt Bannon seine intensive Mitarbeit an einem Bündnis von nationalistisch orientierten Parteien auf EU-Ebene. Bannon äußerte sich amüsiert über eine angebliche russische Gefahr, gab aber auch Befremdliches von sich.

In der Welt der Wissenschaft gibt es eine Grundregel, die das so genannte Ockham Theorem genannt wird. Dieses Theorem besagt, dass immer dann, wenn sich zur Deutung eines Phänomens mehr als nur eine Erklärung anbieten, meistens die nahe liegende Erklärung die richtige ist. Meistens, nicht immer! Da aber über die Persönlichkeitsstruktur von Steve Bannon keine gesicherten und neutralen Informationen vorliegen, müssen naheliegende Erklärungen für die Deutung jenes Interviews herhalten, das Bannon jetzt der „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) gegeben hat. Die Deutungen des Autors dieses Artikels mögen falsch sein, aber es ist nun auch nicht so, als wären Steve Bannon oder die NZZ unbeschriebene Blätter.

Bannon ist sein eigener Mikrokosmos

Das erste oberflächliche Lesen hinterlässt noch einen „normalen“ Eindruck, den man schon oft nach Äußerungen von Steve Bannon hatte. Dieser Mann hält sich offenbar tatsächlich für Gottes Geschenk an die Menschheit und ist nicht im Geringsten daran interessiert, was seine Umwelt von ihm hält. Originalton Bannon: „Ich bin völlig unempfindlich gegen Kommentare.“ Ganz im Gegenteil also. Kritik, Ablehnung oder Empörung gegenüber seiner Person und seinem Auftreten, belustigen diesen Mann bzw. bestärken ihn in seiner Weltsicht, in der er sein eigenes Sonnensystem ist, mit ihm als Zentralgestirn, das von quereinschlagenden Asteroiden bedroht wird.

Bannon und Bolton sind Brüder im Geiste

Es überrascht nicht wirklich, andererseits beunruhigt es auch etwas, dass der gegenwärtige Präsident der USA immer wieder Menschen mit auffälligen Persönlichkeitsanomalien in seiner unmittelbaren Umgebung positioniert. Denn nachdem er Steve Bannon abservierte, berief Donald Trump mit John Bolton einen Menschen zu einem seiner engsten Vertrauten, dessen Welt- und Menschenbild ähnlich eindimensional geeicht ist wie Bannons und dessen Politikstil man auf den Kurznenner „Führe! Folge! Oder Verschwinde!“ bringen kann.

Bannon pfeift auf „Political Correctness“

Das Interview der NZZ mit Steve Bannon liest sich streckenweise, als sei er aufrichtig überrascht, dass der fragende Redakteur allem Anschein nach noch immer nicht für möglich hält, dass Steve Bannon seine mehrfach öffentlich vorgetragene politische Agenda wirklich ernst meint. Weshalb Bannon sogar beginnt, sich über den Interviewer ein wenig lustig zu machen und ihm zu verstehen gibt, dass er auf dessen „political correctness“ pfeift und auch darauf, ob er das gut oder schlecht findet.

Bannon und seine peinlichen sprachlichen Bilder

Wie ernst Steve Bannon bei der Sache ist, auch in Europa und vor allem in Deutschland eine nationalistische Allianz zu schmieden, deren Personal bedenkliche Anknüpfungspunkte an völkische, rassistische oder faschistoide Denkmuster hat, wird klar, wenn er Sätze sagt wie:

„Nach der Wahl wird jeder Tag in Brüssel Stalingrad sein.“

Es hätte in journalistischer Hinsicht überrascht, wenn die NZZ diesen Guillotine-Satz nicht zur Titelzeile ihres Interviews erwählt hätte. Es ist aber aus journalistischer Sicht auch zu befürchten, dass die NZZ immer noch die falschen Schlüsse daraus zieht.

Bannon wird von der NZZ nicht zu seinem „Stalingrad“-Vergleich befragt

Anders ist es nicht zu erklären, dass der Redakteur einen derart ungeheuerlichen Satz einfach so unkommentiert im Redeschwall untergehen lässt und nicht wenigstens versucht, zu erfahren, was genau Bannon mit einem solchen gespenstischen Satz eigentlich meint, abseits seiner nebulösen Erklärung.

Die Gelegenheit dazu wäre spätestens vorhanden gewesen, als der NZZ-Redakteur im Verlauf des Interviews jenem Pawlowschen Reflex nachgegeben hat, an dem bedauerlicherweise das ganze Blatt krankt, und er eine „große Faszination“ für Russland „bei der AfD, aber auch bei vielen Linken“ unterstellt, mal wieder einer angeblichen russischen Bedrohung das Wort redet oder das Hassobjekt „Nord Stream 2“ aufruft. Es wäre aber nicht nur für russische Augen und Ohren interessant, zu erfahren, was Steve Bannon konkret meint, wenn er orakelt: „Nach der Wahl wird jeder Tag in Brüssel Stalingrad sein.“

Zumal Bannon dies ausgerechnet in der Stadt einem NZZ-Redakteur erzählt, in der Hitler die Auslöschung Stalingrads befohlen hat. Aber vielleicht sind solche journalistischen Standards und geschichtliche Sensibilität für die traditionsreiche NZZ in ihrer derzeitigen Verfassung zu viel verlangt.

Bannon ist ein Kronzeuge des US-Präsidentschaftswahlkampfes - Aber nicht für die NZZ

Am interessantesten und unverständlichsten aber ist die Tatsache, dass der NZZ-Redakteur nicht einen einzigen Versuch unternommen hat, nach den angeblichen oder tatsächlichen russischen Infiltrationen und Manipulationen in die US-Präsidentschaftswahlen zu fragen. Dabei hatte er mit Steve Bannon einen der vielleicht profundesten Zeugen für dieses Thema vor sich sitzen, die es derzeit gibt. Und die NZZ hat bislang noch keine Gelegenheit ausgelassen, sich in einem absolutistischen Tonfall in dieser Sache zu äußern, als hätten die angeblichen russischen Schecks für die Unterstützung Trumps einen Umweg über die Schreibtische der NZZ genommen und die vermeintliche russische Spur sei deshalb erwiesen.

Bannon könnte aufklären, ob Russland mit Marine Le Pen kungelt – Kein Interesse der NZZ

Auch als der NZZ-Redakteur Steve Bannon zu seinen Kontakten mit Marine Le Pen, der Chefin des Front National in Frankreich, vernommen hat, wäre angesichts der bisherigen inquisitorischen Berichterstattung der Zeitung über die angeblichen und tatsächlichen Kontakte des Front und von Frau Le Pen nach Russland zu erwarten gewesen, dass die NZZ ihren exklusiven Interviewpartner auch dazu befragt. Zumal die entscheidenden Stichworte auch hier fielen:

NZZ: „Marine Le Pen hat Ihretwegen Ärger. Man wirft ihr 'geheime Absprachen mit einer fremden Macht' vor.“

Oder:

NZZ: „Haben Sie Marine Le Pen finanziell unterstützt, direkt oder indirekt?“

Vor dem Hintergrund der bisherigen Berichterstattung der NZZ über angebliche russische Aktivtäten zur Destabilisierung des Westens mit Hilfe von Parteien wie der von Marine Le Pen, sind solche Leerstellen aus journalistischer Sicht geradezu fahrlässig, abgesehen davon, dass sie auffallen. Wir Leser erfahren nicht einmal, ob die NZZ wenigstens den Versuch unternommen, Bannon dies aber ausgeschlossen hat.  

Bannon verspottet die NZZ wegen einer angeblichen russischen Gefahr

Aber vielleicht genügten die absurden Beschimpfungen und Unterstellungen Bannons über Russland und die russische Wirklichkeit dem NZZ-Redakteur und er schluckte dafür einen eigentlich für die NZZ schwer verdaulichen spöttischen Satz wie:

„Niemand muss heute noch fürchten, dass russische Panzer übers norddeutsche Flachland rollen.“

Wer weiß, was Bannon so alles erzählt hätte, wenn er auf die angebliche Achse Trump-Putin angesprochen worden wäre?

Bannon wirft ohne NZZ-Gegenwehr Nebelkerzen

Das sind aber nicht die einzigen Merkwürdigkeiten in diesem Interview. Der NZZ-Redakteur ließ Bannon auch dies ohne nachzuhaken durchgehen:

NZZ: „Sie meinen Nord Stream 2, die Gaspipeline, die gerade gebaut wird. Richard Grenell, der amerikanische Botschafter in Deutschland, übt viel Druck aus, damit das Projekt nicht fertiggestellt und in Betrieb genommen wird.“

Steve Bannon: „Grenell steht dem Präsidenten sehr nah.“

NZZ: „Das ist bekannt. …“

Bannon und Breitbart

Ja, das ist es. Aber der NZZ-Redakteur, der Steve Bannon befragte, schrieb am 5.Juni 2018 in seiner Zeitung einen Artikel „Richard Grenell: Der Mann, der Trump in Deutschland vertritt – und dort bereits die Gemüter erhitzt“. In diesem Artikel berichtet der Redakteur darüber, dass in Steve Bannons Breitbart-Portal Richard Grenell am 3. Juni 2018 ein Interview gab, mit dem er vor allem in Deutschland für einen Sturm der Entrüstung sorgte.

In diesem Interview plauderte Grenell unverstellt über exakt die gleichen Pläne, die Bannon seither umsetzt und über die er mit dem Redakteur der NZZ redete. Grenell sagte damals:

“I absolutely want to empower other conservatives throughout Europe, other leaders. I think there is a groundswell of conservative policies that are taking hold because of the failed policies of the left,”

Auf Deutsch: „Ich möchte unbedingt andere Konservative in ganz Europa stärken, andere Führer. Ich denke, es gibt eine Grundströmung konservativer Politik, die sich aufgrund der gescheiterten Politik der Linken etabliert.“

Der NZZ-Redakteur kommt nicht auf die naheliegende Idee, die Namen Bannon und Grenell zusammenzuführen, um Bannons Aktivitäten im rechten parteipolitischen Spektrum in Europa näher zu hinterfragen, obwohl dieser Redakteur darüber zuvor für seine Zeitung berichtet hat, obwohl er den Namen Grenell selbst ins Gespräch bringt und Steve Bannon vor sich sitzen hat. Er lässt sich stattdessen einfach abwimmeln.

Bannon der Goldman Sachs-Mann als Globalisierungskritiker

Auch in einer anderen Richtung glänzt dieses Interview mit einer bemerkenswerten Schieflage. Steve Bannon lässt kein gutes Haar an der Globalisierung und ihren Propheten vor allem in Washington D.C., die er die „Globalisten“ nennt, „die eingebettet sind in das, was ich die 'Party of Davos' nenne. Diese Leute sind völlig entkoppelt von normalen, arbeitenden Amerikanern.“ Dass ausgerechnet ein ehemaliger Goldman Sachs Aspirant so etwas in der NZZ ohne einen Hauch von Widerspruch von sich geben kann, zumal er danach durchaus noch auf seinen Reichtum angesprochen wird, den er nicht mit Schuhe putzen oder Teller waschen erlangt hat … für eine Zeitung wie die NZZ ist das zumindest interessant.

Bannon und Cambridge Analytica

Aber auch das ist nur ein Aspekt von vielen einer merkwürdigen Gesprächsführung und Prioritätensetzung des NZZ-Redakteurs. Natürlich wird Bannon von ihm nicht mit Fragen zu seinen semikriminellen Aktivitäten mit der vom US-Milliardär Robert Mercer finanzierten Firma „Cambridge Analytica“ behelligt. Oder ob Bannon nicht schon wieder mit so einer Firma am Start ist und mit ihren im Brexit-Referendum und in den US-Präsidentschaftswahlen erfolgreich erprobten Praktiken? Obwohl auch hier die entscheidenden Stichworte in Bannons Antworten wie am laufenden Band gefallen sind:

„Ich werde nicht bezahlt, ich bin kein politischer Berater. Ich bin nur ein Beobachter.“

„Fake-News! Selbst wenn ich für Geld als politischer Berater arbeiten würde, könnte ich tun, was ich jetzt mache. Dutzende Parteien in Europa haben mich angefragt. Ich betreibe aber nur eine NGO. Ich bin ein informeller Berater und Beobachter.“

„Mein Leben ist der Arbeit an diesem populistisch-nationalistischen Projekt gewidmet. Weltweit. Der Grund, weshalb Trump und seine Geldgeber 88 Tage vor der Wahl auf mich zugekommen sind, war sein riesiger Rückstand. Ich verstehe unsere Bewegung ziemlich gut. Ich helfe, wo ich kann.“

Bannon und Trump

Je länger und je öfter man dieses Interview liest, desto mehr schiebt sich ein Verdacht in den Vordergrund. Steve Bannons Rausschmiss aus dem Führungsteam von Donald Trump könnte nur Teil einer strategischen Planung gewesen sein, um Bannon aus der Schusslinie zu nehmen, weil er wichtigere Aufgaben zu erfüllen hatte, die er ohne die ständige Beobachtung durch die Opposition und White-House-Correspondents in Washington effektiver erledigen konnte.

Diese Aufgaben sind:

1. Trumps Wiederwahl sicherstellen,

2. durch die Stärkung („empower“ – Richard Grenell!) von rechtskonservativen und rechtsnationalistischen Kräften in der EU diesen gefährlichen ökonomischen Konkurrenten politisch lahmlegen, damit der sich

3. nicht mit dem wichtigsten „Feind“ der USA verbündet: China.

Und Steve Bannon erzählt es dem NZZ-Redakteur auch freimütig, der das entweder nicht erkennt oder nicht erkennen will:

„Die höchste Priorität in meinem Leben ist, dass Donald Trump 2020 wiedergewählt wird. Das ist absolut existenziell, für die Vereinigten Staaten und für den Westen. Und der beste Ort, an dem ich ihm helfen kann, ist der, an dem ich jetzt bin: außen.“

„Die Nationalisten werden zusammenarbeiten. Durch die Vernetzung wird etwas möglich sein, was ich ‚command by negation‘ nenne: Du kannst deinen Willen nicht durchsetzen, weil du keine Mehrheit hast, aber du kannst Dinge blockieren.“

„Die totalitäre Diktatur in China. Das ist die existenzielle Bedrohung des Westens. Die globalen Eliten wollen das nicht zugeben, weil sie an Chinas Aufstieg gut verdienen.“  

Das Interview der NZZ mit Steve Bannon mag ein Marketing-Erfolg für diese Zeitung gewesen sein, der ihr viele Zitierungen einbringen wird. Aber in journalistischer Hinsicht ist es enttäuschend. Denn die NZZ vergab ein Dutzend von Chancen, endlich eine der Schlüsselfiguren für all die Probleme hartnäckig zu befragen, die doch angeblich den demokratischen westlichen Gesellschaften so zusetzen. Die große Frage ist also, warum hat die NZZ diese Chance an sich vorüberziehen lassen?

sputniknews


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