Warum Patienten Ärzte angreifen

  20 November 2019    Gelesen: 438
Warum Patienten Ärzte angreifen

Jeder vierte Arzt wurde in seinem Berufsleben schon einmal körperlich von Patienten angegriffen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage. Was ist los in deutschen Arztpraxen, wenn Menschen auf der Suche nach medizinischer Hilfe gewalttätig werden?

Vor zehn oder fünfzehn Jahren waren körperliche Angriffe auf Ärzte noch Einzelfälle, erinnert sich Dirk Heinrich. Der HNO-Arzt ist Vorsitzender des NAV-Virchow-Bundes der niedergelassenen Ärzte. "Inzwischen ist Gewalt längst Alltag in unseren Praxen", betont Heinrich im Gespräch mit n-tv.de.

Für diesen Alltag hat sein Verband nun erstmals Zahlen erhoben. Demnach kommt es an jedem Arbeitstag 288 Mal zu körperlicher Gewalt in einer Arztpraxis. "Meist entzündet sich die Gewalt daran, dass Patienten nicht bekommen, was sie wollen", sagt Heinrich. Die Liste der Möglichkeiten ist dabei lang. Es kann ein Nein auf die Frage nach einem baldigenTermin sein oder die Information, dass man leider heute nicht mehr behandelt werden kann. Es kann ein grünes Rezept sein, bei dem man das Medikament selbst zahlen muss oder eine verweigerte Krankschreibung.

Viele Konflikte entzünden sich an ganz normalen Vorgängen in einer Arztpraxis, wenn Sprechstundenhilfen umsetzen, was der Arzt angeordnet hat. Patienten drücken ihre Unzufriedenheit aus, das Praxispersonal versucht zu erklären, die Auseinandersetzung wird lauter, es fallen Beleidigungen. Dann wird der Arzt dazu gerufen, er soll den inzwischen aufgebrachten Patienten beruhigen. Wenn das nicht gelingt, wird der Streit möglicherweise mit körperlichen Mitteln ausgetragen.

Von Schubsen bis K.o.

Heinrich weiß von Berufskollegen, dass die Bandbreite der Angriffe groß ist. Sie reicht vom Schubsen oder Reißen am Arm bis hin zum Würgen. Ein Arzt wurde im Sprechzimmer sogar von einem Patienten K.o. geschlagen. Welche Patientinnen oder Patienten handgreiflich werden, lässt sich kaum vorhersagen. "Das geht quer durch alle Schichten und beide Geschlechter", sagt Heinrich aus eigener Erfahrung.

Der in Hamburg praktizierende Arzt macht vor allem ein stark gestiegenes Anspruchsdenken der Patienten für die Übergriffe verantwortlich. Viele, die mit leichteren oder bereits länger andauernden Beschwerden zum Arzt kommen, hätten die Vorstellung, sie müssten ihr Recht auf sofortige Behandlung  durchsetzen. Früher seien Wartende mit einem Neuankömmling mit blutender Nase oder starken Schmerzen mitfühlend umgegangen. Heute werde daraus schnell eine Konkurrenzsituation mit Eskalationspotenzial.

Dabei betont Heinrich, dass Notfallpatienten natürlich immer Vorrang haben und auch unabhängig vom Termin behandelt werden. Deshalb treffe auch der Vorwurf der schlechten Praxisorganisation häufig nicht zu. Denn ob es Notfälle gibt und wie viel Behandlung sie brauchen, lasse sich beispielsweise kaum vorhersagen.

"Traumatisches Erlebnis"

Viele Ärzte haben inzwischen auf die steigende körperliche Gewalt reagiert. Ganze Praxisteams besuchen Deeskalationstrainings, hinter den Tresen liegen Notfallnummern bereit. Wer kann, arbeitet mit einem Sicherheitsdienst zusammen. Heinrich selbst bringt jeden einzelnen Vorfall zur Anzeige, schon, um seinen Mitarbeitern zu zeigen, "dass ich hinter ihnen stehe". Er beschränkt sich auch längst nicht mehr auf die körperlichen Übergriffe, sondern zeigt seine Patienten auch bei Beleidigungen oder Schmähungen an. "Es geht auch darum, sich nicht erpressen zu lassen."

Heinrich und viele seiner Kollegen fordern, den neuen Straftatbestand für Angriffe gegen Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter auf Ärzte und medizinisches Personal auszuweiten. Eine im vergangenen Jahr in Kraft getretene Strafgesetzbuch-Änderung sieht für diese Angriffe bis zu fünf Jahre Haft vor. Das könnte abschreckend wirken.

Jeder vierte Arzt wurde in seinem Berufsleben schon einmal körperlich von Patienten angegriffen, ergab die Befragung des  NAV-Virchow-Bunds. Für die Mediziner ist das häufig ein "traumatisches Erlebnis". "Diese Kollegen behandeln niemanden mehr, wenn nicht jemand anders mit im Raum ist."

n-tv


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