Ikea-Fahrer leben monatelang im Lkw

21:18   15 März 2017    219

Ikea sieht sich mit dem Vorwurf des Lohndumpings in seiner Lieferkette konfrontiert. Sie lebten wie "Gefangene", sagt ein rumänischer Lkw-Fahrer, der für den schwedischen Möbelriesen fährt.

Die Devise von Ikea lautet: Schöne Möbel sollen für alle erschwinglich sein. Doch zu welchem Preis? Wie die BBC berichtet, verdienen Lkw-Fahrer aus ärmeren osteuropäischen Ländern, die Ikea-Waren durch West-Europa fahren, weniger als 3,40 Euro pro Stunde. Weil sie davon nicht leben können, müssen sie teils monatelang in ihren Trucks campieren.

Ein rumänischer Fahrer namens Emilian, den die BBC befragte, schläft, wäscht und lebt nach eigener Aussage vier Monate lang in seinem Lkw, während er für Ikea unterwegs ist. Zuletzt sei er in Dänemark gewesen, heißt es. Für seine Arbeit bekomme er 477 Euro im Monat. Noch ärmer als Emilian sind seine Kollegen aus Moldavien dran: Sie verdienen im Schnitt nur 150 Euro. Zum Vergleich: Ein dänischer Lkw-Fahrer erhält für die gleiche Arbeit im Schnitt 2200 Euro monatlich.

Ein Lkw-Fahrer hat nach EU-Gesetz zwar Anspruch auf die Arbeitsbedingungen und Mindestlöhne der "Gastgebernationen". Doch diese Vorschriften sind offenbar leicht zu umgehen. Emilian zum Beispiel ist bei einer slowakischen Tochtergesellschaft der norwegischen Lkw-Firm Bring beschäftigt - so als wäre sein Arbeitsort die Slowakei. Arbeiten tut er dort aber nie.

Emilians Tagessatz für Hotels und Mahlzeiten beträgt rund 45 Euro. Weil das nicht ausreicht, schläft er in einem Schlafsack im Führerhäuschen seines Trucks. Gekocht und gegessen wird am Straßenrand. Auf die Frage, wie er sich fühle, antwortet er: "Wie ein Gefangener, wie ein Vogel in einem Käfig". Der Rumäne hält diese Lebensbedingungen weder für die Fahrer, noch für die anderen Menschen auf der Straße für gut. Er sei eine ständige Unfallgefahr.

Emilian ist laut BBC-Recherchen bei weitem kein Einzelfall. Die Logistikunternehmer schert das bislang wenig. Auf dessen Lebens- und Arbeitsbedingungen angesprochen, antwortet Emilians slowakischer Arbeitgeber der BBC nur lapidar, Emilian sei frei, er könne jederzeit nach Hause fahren.

Transporteur in den Niederlanden verurteilt

Ganz so leicht kommen die Vertragspartner von Ikea künftig aber wohl nicht mehr davon. Gegen einige wird inzwischen ermittelt. Anfang des Monats befand ein Gericht im niederländischen Assen ein Transportunternehmen, das Blumen für Ikea nach Großbritannien und Skandinavien lieferte, des Lohndumpings für schuldig. Auch die Lkw-Fahrer von Brinkman Trans Holland kamen aus Osteuropa und lebten zum Teil monatelang in ihren Trucks. Der Grundlohn der ausländischen Fahrer lag etwa achtmal niedriger als der in den Niederlanden fällige gesetzliche Mindestlohn. Der Richter nannte die Lebens- und Arbeitsbedingungen bei der Urteilsverkündung einen "unmenschlichen Sachverhalt".

Nach Ansicht von Edwin Atema von der niederländischen Gewerkschaft FNV ist Ikea über die Bedingungen, in denen die Fahrer lebten, durchaus im Bilde. Die Fahrer seien keine Unbekannten, zitiert ihn die BBC. Ikea müsse das Geschäftsmodell ändern. Zuvor hatte bereits das International Transport Forum (ITF) deutliche Worte für das Sozialdumping in der Lieferkette und der Verantwortung des Möbelriesen gefunden. "Auch die Spitze der Vertragskette muss zur Rechenschaft gezogen werden," sagte Noel Card, Chef des Binnentransports der "Lloyd's List".

Arbeitgeber wie Ikea kontrollierten die Wirtschaft auf den Straßen. Die Transportunternehmen würden von der Spitze der Lieferkette unter Druck gesetzt: Sie hätten nur die Wahl, entweder das Gesetz zu brechen oder den Auftrag verlieren, sagte Card. Ikea müsse das Elend der Lkw-Fahrer endlich beenden.

"Lebt eine Woche lang mit mir. Essen Sie, was ich esse. Und sehen Sie, wie unser Leben aussieht", sagte Emilian auf die Frage der BBC-Reporterin, was er Ikea mitteilen möchte. Das Unternehmen, das sich schon früher schwere Vorwürfe zu Dumpinglöhnen gefallen lassen musste und eigentlich schon vor Jahren Besserung gelobt hatte, reagierte auf den Bericht mit den Worten, man sei über die "Aussagen traurig". Man nehme die Vorwürfe "sehr ernst". Und: Es gebe bereits "strenge Anforderungen" an die Vertragspartner, was Löhne und Arbeitsbedingungen anbelange, die man auch regelmäßig überprüfe.

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