Eine Hochzeit und drei Todesfälle

  19 Februar 2020    Gelesen: 363
Eine Hochzeit und drei Todesfälle

Es ist einer der skurrilsten US-Kriminalfälle seit Langem: In Los Angeles beginnt der Prozess gegen den Multimillionär Robert Durst. Er soll eine Bekannte erschossen haben, um einen früheren Mord zu vertuschen.

Eine Hellseherin hatte sie angeblich gewarnt. "Sie sagte mir, dass ich einen gewaltsamen Tod sterben würde, mittels einer Schusswaffe", soll Susan Berman einer Freundin anvertraut haben. Das berichtete diese Freundin, die Schauspielerin Kim Lankford, dem "New York Magazine". "Oh, Susan", habe sie sich gedacht.

Fünf Tage später, am Heiligabend des Jahres 2000, wurde Bermans Leiche entdeckt. Die Autorin und Tochter eines Mafiosos lag im Gästezimmer ihres Hauses in Beverly Hills. Sie hatte eine Schusswunde im Hinterkopf, als sei sie hingerichtet worden.

Der Fall, der weit über Los Angeles hinaus Schlagzeilen machte, blieb zwei Jahrzehnte lang ungeklärt. Doch nun nähert er sich seinem filmreifen Finale: An diesem Mittwoch beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder - den exzentrischen Multimillionär Robert Durst.

Mord als Mordvertuschung
Die Verhandlung in Los Angeles ist das vorläufig wohl letzte Kapitel eines bizarren US-Kriminalfalls, der Bücher, Filme und TV-Serien inspirierte. Durst, 76, gehört einer der prominentesten New Yorker Immobiliendynastien an, sein Vermögen beläuft sich nach Schätzung des Magazins "Forbes" auf 65 Millionen Dollar. Er soll Berman, eine gute Bekannte, kaltblütig erschossen haben.
Das Motiv, so die Anklage: Berman habe gewusst, dass Durst seine Ehefrau, die 1982 spurlos verschwunden war, ermordet habe.

Dabei ist das nur eine von vielen Skurrilitäten dieser Story. So wird bei dem Prozess auch noch von einem dritten Todesopfer die Rede sein. Sowie davon, dass Durst bei seiner Verhaftung 2015 in New Orleans einen geladenen Revolver dabei hatte, 42.000 Dollar Bargeld, eine Latexmaske, einen gefälschten Ausweis und Landkarten von Kuba.

Ganz zu schweigen von den abstrusen Umständen, die ihn nach jahrzentelanger Flucht ins Netz der Justiz trieben. Durst hatte sich für eine TV-Serie interviewen lassen, um sich zu entlasten, doch in einer Pinkelpause vergessen, das Mikro abzunehmen. Was er auf dem Klo nuschelte, klang wie ein Geständnis: "Sie haben dich erwischt", und: "Was zum Teufel hast du getan? Hast sie alle umgebracht, klar doch." Am Tag vor der Ausstrahlung dieses Audiomitschnitts im Bezahlsender HBO wurde er verhaftet.

Doch von Anfang an. Dursts damals 29-jährige Frau Kathie wurde zuletzt im Januar 1982 gesehen. Sie hatten neun Jahre zuvor geheiratet und zuletzt Eheprobleme gehabt, doch Durst zeigte sich überrascht über ihr Verschwinden. Der Erbe eines Milliardenkonzerns, der mit John Lennon bekannt gewesen war, erstattete Vermisstenanzeige, 1990 ließ er sich in absentia von ihr scheiden, 2017 wurde sie für tot erklärt.

Die Staatsanwaltschaft präsentiert ein alternatives Szenario. Demnach brachte Durst seine Frau um und gestand die Tat seiner besten Freundin, Susan Berman. Die habe ihm geholfen, indem sie ihm ein Alibi verschafft, unter Eid gelogen und sich als Kathie ausgegeben habe, bis Gras über die Sache gewachsen sei.

Ende 2000 rollte die Justiz den Fall aber neu auf, unter Führung der damaligen Bezirksstaatsanwältin Jeanine Pirro, heute eine der lautesten Verfechterinnen von US-Präsident Donald Trump bei Fox News. Durst floh nach Texas, wo er als Frau verkleidet lebte.

Zerlegte Leiche angespült
Aus Angst vor Enttarnung, so die Anklage, sei er heimlich nach Los Angeles gereist und habe Berman ermordet. Erst fiel der Verdacht auf die Unterwelt: Bermans Vater war ein berüchtigter Mafioso in Las Vegas gewesen. Obwohl der ihr eine erhebliche Geldsumme hinterlassen hatte, war Berman, die Drehbücher und Romane schrieb, pleitegegangen. Durst hatte ihr in den Monaten vor ihrem Tod 50.000 Dollar überwiesen. Aus jetziger Sicht der Anklage war das Schweigegeld.

Neun Monate nach Bermans Tod erschoss Durst in Texas seinen 71-jährigen Nachbarn Morris Black, packte die zerlegte Leiche in Mülltüten und warf diese in eine Meeresbucht, wo sie prompt an Land spülten. Das ist verbrieft: Durst gestand, berief sich auf Notwehr und wurde 2003 freigesprochen.

Doch die Staatsanwaltschaft vermutet jetzt, dass auch Black sterben musste, weil er Dursts wahre Identität kannte.

Danach wurde es wieder still um Durst - bis 2015 die sechsteilige HBO-Dokuserie "The Jinx" herauskam. Die präsentierte, über das mutmaßliche Geständnis hinaus, noch andere belastende Indizien. Durst tauchte unter, wurde aber in New Orleans gefasst, nach Los Angeles überstellt und angeklagt.

"Ich bin nicht schuldig", sagte er dem Haftrichter 2016. "Ich habe Susan Berman nicht umgebracht."

Seitdem quält sich das Verfahren hin. Zu Gerichtsanhörungen erschien Durst manchmal im Rollstuhl. Seine Anwälte versuchten immer wieder, Zeugenaussagen zu verhindern und Beweismaterial zu unterdrücken.

Zum Beispiel einen Zettel, der als "Leichennotiz" bekannt wurde. Adressiert an die "Beverley Hills Police" ("Beverly" falsch geschrieben), enthielt er die Worte "1527 Benedict Canyon" (Susan Bermans Adresse) und "Leiche". Nach langem Leugnen gab Durst unter Druck von Handschriftexperten zu, ihn verfasst zu haben.

Eine Reihe Zeugen wurden schon vorab vernommen, wegen ihres fortgeschrittenen Alters. Einige wurden bis zuletzt geheim gehalten, aus Sorge, dass Durst auch sie beseitigen könnte, selbst aus dem Gefängnis heraus. "Der Mann killt Zeugen", sagte Staatsanwalt John Lewin im Verhandlungssaal. "Er tut sowas."

Nick Chavin, ein einstiger Bekannter von Durst und Berman, sagte aus, Durst habe ihm den Mord an Berman gestanden. "Es war sie oder ich", habe er gesagt. "Ich hatte keine Wahl." Filmproduzentin Lynda Obst ("Schlaflos in Seattle"), die ebenfalls mit Berman befreundet war, bestätigte, dass diese sich als Kathie Durst ausgegeben habe.

Der Prozess beginnt in dieser Woche mit der Geschworenenauswahl. Beobachter vermuten, dass noch andere ungeklärte Morde zur Sprache kommen könnten, die bisher kaum erwähnt wurden. Der Fall Robert Durst ist vielleicht doch noch nicht ganz zu Ende.

spiegel


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