Ein wesentliches Ziel bei der Behandlung von Querschnittgelähmten oder Menschen nach Armamputationen ist das Wiederherstellen von Greiffunktionen mit Neuroprothesen. Dafür ist jedoch wichtig, dass die Patienten ihre Bewegungen nicht nur visuell kontrollieren, sondern auch über ein haptisches Feedback spüren. Um dies zu erreichen, pflanzten die Forscher dem Patienten zunächst zwei Matrizen (Arrays) mit jeweils 60 in Gitterform angeordneten Elektroden in jenes Areal des somatosensorischen Kortex ein, das für die sensorische Wahrnehmung der rechten Hand zuständig ist.
Empfindungen "irgendwie natürlich"
Bei elektrischer Aktivierung der Elektroden hatte der Mann ab der vierten Woche den Eindruck von Gefühlen, die von einem großen Teil des Zeigefingers dieser Hand und vom gesamten vorderen Teil der Innenhandfläche zu kommen schienen - nicht allerdings von den Fingerspitzen. Die Empfindungen, gewöhnlich ausgelöst mit einer Stärke von 20 bis 50 Mikro-Ampere, empfand der Patient zu 93 Prozent als "irgendwie natürlich". Zudem konnte er die Reize unterschiedlichen Stellen der Hand zuordnen.
In einem zweiten Schritt wurden ihm mit Hilfe von Sensoren Signale einer Armprothese direkt ins Hirn eingespeist. Berührungen an der Prothese konnte er den jeweiligen Fingern überwiegend richtig zuordnen. Diese Fähigkeit blieb über den gesamten Verlauf der sechsmonatigen Versuche erhalten.
Über mehrere Monate stabil
Die Studie zeige, dass die Stimulation des somatosensorischen Kortex haptische Wahrnehmung ermögliche, schreiben die Autoren. Zudem werde diese Wahrnehmung als natürlich empfunden und bleibe über mehrere Monate stabil. "Insgesamt legen diese Resultate nahe, dass die intrakortikale Mikrostimulation ein vielversprechender Ansatz ist, um Körpergefühl künstlich wiederherzustellen", betonen sie.
Dies sei erstmals mit implantierten Elektroden am Menschen gelungen, sagt Rüdiger Rupp, der nicht an der Studie beteiligt war. Der Experte von der Klinik für Paraplegiologie der Uniklinik Heidelberg lobt auch, dass der Effekt sechs Monate lang anhielt. Dies sei keinesfalls selbstverständlich, da das Implantieren der Elektroden Nervenzellen schädigen könne.
"Das ist eine sehr seriöse Arbeit, die die eigenen Erfolge nicht überbewertet", betont Rupp. Es sei um Grundlagenforschung gegangen und nicht darum, den Alltag des Patienten zu verbessern. Allerdings mache der Erfolg dafür Hoffnung. Letztlich gelte es zu zeigen, dass man eine Querschnittlähmung technisch überbrücken kann - indem ein Patient die haptischen Empfindungen nutzt, um bei einer Neuroprothese die Stärke des Greifens anzupassen.
Quelle: n-tv.de
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