Konkret bestehe der Anfangsverdacht des Betrugs und der strafbaren Werbung nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Zu Beginn der Ermittlungen waren es noch sechs Personen, im vergangenen März erhöhte sich die Zahl auf 17, im Juli dann auf 21. Doch bislang waren darunter keine bestehenden oder früheren Vorstände, wie die Strafermittler stets betonten. Das hat sich nun geändert.
Dass nun auch gegen Winterkorn wegen Betrugsverdachts ermittelt wird, begründet die Staatsanwaltschaft damit, dass sich aus Zeugenvernehmungen und bei der Auswertung beschlagnahmter Dateien ausreichende Hinweise ergeben hätten, dass Winterkorn "früher als von ihm öffentlich behauptet Kenntnis von der manipulierenden Software und deren Wirkung gehabt haben könnte". Winterkorn selbst versicherte mehrfach, erst im September 2015 von den Abgasmanipulationen erfahren zu haben. In diesem Monat war Winterkorn auch von seinem Posten an der VW-Spitze zurückgetreten.
Außerdem gab es Razzien in insgesamt 28 Privat- und Diensträumen, wie die Staatsanwaltschaft Braunschweig weiter mitteilte. Der Schwerpunkt habe auf Räumlichkeiten in Wolfsburg, Gifhorn und Braunschweig gelegen. Die Beschlüsse für die Durchsuchungen seien bereits Ende 2016 beim Amtsgericht Braunschweig erwirkt worden. Die Auswertung des sichergestellten Materials werde voraussichtlich mehrere Wochen in Anspruch nehmen.
Winterkorn streitet frühere Kenntnis ab
Die Staatsanwaltschaft ermittelt ohnehin bereits gegen Winterkorn, bislang allerdings nur wegen möglicher Marktmanipulation. Er könnte die Finanzwelt zu spät über den aufgeflogenen Abgasskandal informiert und so wichtige Informationen für Anleger unterdrückt haben. Auch hier lautet die Begründung für den Verdacht, dass Winterkorn früher als angegeben von der Abgasmanipulation Bescheid wusste.
Bislang schien der Zeitpunkt, zu dem Winterkorn nach den Erkenntnissen der Ermittler davon gewusst haben könnte, allerdings nicht weit genug in der Vergangenheit zu liegen, um auch wegen der Abgasmanipulation an sich gegen ihn zu ermitteln - also erst nach dem Ende der Manipulationspraxis. Nun aber könnte die Behörde ausreichend Hinweise dafür haben, dass Winterkorn bereits von den Abgasmanipulationen wusste, als sie noch durchgeführt wurden.
VW-Ingenieure hatten bei Dieselmodellen eine Software so bearbeitet, so dass die Wagen auf dem Prüfstand den Stickoxidausstoß auf das erlaubte Maß drosselten, im realen Fahrbetrieb stießen sie aber weit mehr des giftigen Gases aus. Elf Millionen Autos weltweit wurden so manipuliert. Erst Tests in den USA brachten VW in Verdacht und lösten den größten Skandal der Automobilgeschichte aus. (Die Chronik zur VW-Affäre zum Nachlesen.)
Erst vor einer Woche hatte Winterkorn vor dem Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestags ausgesagt. Dabei hatte er erneut angegeben, bis zum Bekanntwerden des Dieselskandals nicht von den illegalen Abgasmanipulationen gewusst zu haben. "Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt worden bin", sagte der 69-Jährige.
Quelle : spiegel.de
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