Auf den ersten Blick sehen die neuen Produkte attraktiv aus: Vor allem Indexpolicen, bei denen Kunden entscheiden können, ob sie das Geld, das nicht zur Erwirtschaftung der (meist abgespeckten) Garantie gebraucht wird, in einen Aktienindex oder einen sicheren Deckungsstock investieren, schneiden im Ertrag gut ab. Mit 2,92 Prozent jährlicher Rendite auf den Sparanteil fiel er für den Kunden durchschnittlich nur um 0,08 Prozentpunkte schlechter aus als im Vorjahr. Bei klassischen Rentenpolicen erlitten Verbraucher mit einem neuen Vertrag einen Rückgang der Verzinsung von 2,86 auf 2,61 Prozent.
Doch unterm Strich sind die klassischen Policen, von denen sich die Branche abwendet, weil sie viel Eigenkapital binden, momentan nicht schlechter. Denn die hochkomplexen Indexpolicen sind aufwändiger zu verwalten. Die daraus resultierenden Kosten mindern die Rendite durchschnittlich um 1,18 Prozentpunkte. Bei klassischen Policen liegen diese Effektivkosten nur bei 0,79 Prozentpunkten. Der beste Anbieter kommt hier sogar auf einen für Kunden positiven Wert von 0,21 Prozentpunkten. Der günstigste Anbieter von Indexpolicen dagegen veranschlagt Effektivkosten von 0,93 Prozentpunkten.
Das Problem klassischer Policen
Doch auch diese Kennziffern erleichtern die Entscheidung für junge Leute, die sich für eine Form der Lebensversicherung entscheiden wollen, nur geringfügig. „Klassische Policen haben das Problem, dass man sich bei einem niedrigen Zinsniveau einloggt“, sagte Assekurata-Geschäftsführer Reiner Will. Mit anderen Worten: Um die Garantieverpflichtungen zu erfüllen, müssen Versicherer einen Großteil der Geldanlage in schlecht verzinste Wertpapiere mit festem Zins investieren. Das müssen die Anbieter von Indexpolicen nicht - dafür ist die Garantiestellung deutlich teurer.
Die Produktwelt in der Lebensversicherung ist bunter geworden: 25 Anbieter, die an der freiwilligen Studie teilgenommen haben, bieten Verträge an, die Assekurata in die Kategorie Neue Klassik einsortiert. Das waren fünf mehr als im Vorjahr. Sie unterscheiden sich von der Klassik dadurch, dass sie keine jährliche Zinsgarantie bieten und oft nur den Beitragserhalt garantieren. Diese Produkte hatten mit 2,44 Prozent sogar eine niedrigere laufende Verzinsung als klassische Rentenversicherungen. Nur wenn man die heutige Entwicklung fortschreibt, erzielen sie eine etwas höhere illustrierte Beitragsrendite.
Die Branche in strategischer Notlage
Die hochkomplexen Indexpolicen haben 13 Versicherer im Programm. Im Vorjahr waren es noch zehn gewesen. Die Markttransparenz nimmt aber nicht nur durch die wachsende Vielfalt ab, sondern auch durch die schwindende Bereitschaft, sich dem Assekurata-Test zu stellen. Statt wie im Vorjahr 62 Versicherer waren diesmal nur noch 52 Anbieter bereit, die umfangreichen Fragebögen auszufüllen.
Will kritisierte diese mangelnde Auskunftsbereitschaft. Ein Rückzug aus klassischen Verträgen und die Aufgabe des Neugeschäfts (Run off) sei keine Rechtfertigung dafür. „Auch Kunden in Run-off-Beständen haben ein Informationsinteresse“, sagte er. Dass dabei keine für die Branche positiven Botschaften herauskommen, liegt auf der Hand. Der Niedrigzins auf der einen, schärfere Eigenkapitalanforderungen auf der anderen Seite führen zu einer strategischen Notlage der Branche. Zum ersten Januar hat das Bundesfinanzministerium den Höchstrechnungszins auf 0,9 Prozent gesenkt. Dadurch fiel die garantierte Beitragsrendite klassischer Verträge mit einer Laufzeit von 25 Jahren von 0,42 auf 0,11 Prozent. 11 von 52 schafften noch nicht einmal mehr eine positive Verzinsung. Die Kosten fressen die Renditeaussichten auf. Verträge der Neuen Klassik und Indexpolicen hatten im Durchschnitt sogar eine negative garantierte Beitragsgarantie.
Somit bleibt den Kunden nur die Hoffnung, dass Versicherer mit ihrem Geld jenseits der Garantien noch Überschüsse erwirtschaften. Doch wie sich diese auf verschiedene Kundengenerationen verteilen, ist durch die Zinszusatzreserve zunehmend vorbestimmt. 45 Milliarden Euro musste die Branche seit 2011 zurückhalten, um sicherzustellen, dass Verträge mit Verzinsungen von 3 oder 4 Prozent aus der Vergangenheit weiter bedient werden können. Der entsprechende Referenzzins sank zuletzt auf 2,54 Prozent.
Zinszusatzreserve als große Bürde
Deshalb mussten erstmals auch Verträge mit einem Zinsversprechen von 2,75 Prozent nachreserviert werden. Dadurch erreichte die zusätzliche Zuführung an die Zinszusatzreserve mit 13 Milliarden Euro einen Rekord. Der dürfte aber im kommenden Jahr mit geschätzten 20 Milliarden Euro noch einmal überboten werden. Damit werden Kunden mit jüngeren Verträgen Erträge vorenthalten, die einer Rendite von 1,6 Prozentpunkten entsprechen. Schon im laufenden Jahr könnte die Zinszusatzreserve die Hälfte des Kapitalertrags der Versicherer ausmachen.
Schon jetzt ist absehbar, dass der Referenzzins weiter sinken wird. Denn er wird als Durchschnittswert der vergangenen zehn Jahre gebildet. So ist schon klar, welche Werte aus der Vergangenheit demnächst herausfallen und durch niedrigere Werte ersetzt werden. So schätzt die Ratingagentur, dass sich die Zinszusatzreserve bis 2025 in etwa vervierfachen wird. Vor allem die kommenden drei Jahre dürften einen starken Zuwachs mit sich bringen. Das aber würde ein nicht erforderliches Maß an Sicherheit bewirken, sagte Will. Er schloss sich der Forderung der Branche an, den Rechenmechanismus zu ändern, mit dem die Reserve bestimmt wird. „Das Tempo scheint kritikwürdig zu sein“, sagte er.
Tags:






