"Trump ist neidisch auf Deutschland"

  17 März 2017    Gelesen: 204
"Trump ist neidisch auf Deutschland"

n-tv.de: Donald Trump hat über Angela Merkel gesagt, sie habe Deutschland "ruiniert" und mit ihrer Flüchtlingspolitik einen "katastrophalen Fehler" gemacht. Wie schwer ist es für die Kanzlerin, dies bei dem Treffen auszublenden?

Christian Hacke: Die Kanzlerin ist ein absoluter Politprofi und eine der erfahrensten Diplomatinnen der internationalen Politik. Die lässt so etwas von sich abperlen und geht völlig routiniert in dieses Treffen. Gerade weil Trump sich so unhöflich über sie geäußert hat, kann Merkel lässig in das Gespräch gehen. Vielleicht wird er sich ja sogar entschuldigen. Das ist eher für Trump eine Belastung. Auf ihm lastet größerer Druck.

Ist das Aufeinandertreffen für Trump also schwieriger?

In gewisser Hinsicht vielleicht, aber das Treffen hat in Deutschland sicherlich viel mehr Bedeutung. Die USA ist immer noch der wichtigste Partner. Umgekehrt spielt die Bundesrepublik aus der Sicht von Washington eher eine untergeordnete Rolle. Trump hat eine Menge innenpolitischer Probleme, in der Außenpolitik sind der transpazifische Raum und vor allem das Verhältnis zu China und Russland sehr viel wichtiger.

Was würden Sie Merkel raten, wie sie mit Trump umgehen sollte?

Die Kanzlerin ist sicherlich gut gebrieft. Sie muss herausfinden, ob Trump in seinem Weltbild total festgefahren ist, so wie es oft den Anschein hat, oder ob er aufgrund eines Gespräches für andere Sichtweisen doch offener sein könnte. Das Stichwort lautet Lernfähigkeit.

Was glauben Sie: Ist Trump offener, als man vielleicht denkt?

Ich glaube, dass er unter Druck zur Lernfähigkeit gezwungen werden kann. Die letzten Wochen zeigen: Nach einem lautstarken Auftakt denkt er über vieles vielleicht inzwischen etwas mehr nach. In anderer Hinsicht sehen wir hingegen, dass er widersprüchlich geblieben ist.

Wir haben uns vor einem Jahr schon einmal über Trump unterhalten, er war damals noch Präsidentschaftsbewerber. Sie haben damals gesagt, Trump sei gar nicht so schlimm, wie es scheint. Haben Sie sich getäuscht?

Ja, ich habe mich ein bisschen getäuscht. Ich hätte nicht gedacht, dass er zu solchen stilistischen Entgleisungen fähig ist. Ich hätte auch nicht erwartet, dass er einen so starken Einfluss von Leuten wie Stephen Bannon dulden würde. Ich habe vermutet, Trump würde sich schneller anpassen, aber das ist nicht der Fall. Er bleibt unberechenbar. Bei ihrem Besuch muss die Kanzlerin daher mit allem rechnen.

Das Verhältnis zwischen deutschen Kanzlern und US-Präsidenten war auch in der Vergangenheit nicht immer einfach. Das gilt besonders für Helmut Schmidt und Jimmy Carter, aber auch für Gerhard Schröder und George W. Bush. Wie können zwei Politiker trotzdem ein konstruktives Arbeitsverhältnis entwickeln?

Es gab immer Spannungen, man sollte die früheren Zeiten nicht romantisieren. Carter und Schmidt waren uneins bei den Themen Neutronenwaffen, Afghanistan und Russland. Es gab jedoch immer einen Moment der konstruktiven Rivalität. Das heißt, trotz gegensätzlicher Positionen kam letztendlich etwas heraus, was von beiden Seiten positiv konstruktiv genutzt werden konnte. Ob das jetzt auch möglich sein wird, vermag ich kaum vorherzusagen. Bei Trump sehen wir in Stil und Substanz eine neue Form der Außenpolitik, die die Grundlagen und Gepflogenheiten der transatlantischen Allianz umfassender gefährdet.

Deutschland liegt traditionell viel an den transatlantischen Beziehungen. Bei Trump hat man diesen Eindruck bisher nicht. Liegt ihm auch etwas daran?

Die Frage ist, ob Merkel ihm deutlich machen kann, wie wichtig das Verhältnis ist. Sie kommt ja nicht nur als Bundeskanzlerin, sondern auch als Vorsitzende des G20-Gremiums und als Ikone des liberalen Europa. Merkel ist in den Augen vieler so etwas wie die Freiheitsstatue der westlichen Welt. Sie kommt mit viel Prestige und moralischer und politischer Autorität. Merkel wird versuchen, Trump deutlich zu machen, dass alle seine Vorgänger nicht nur US-Präsidenten waren, sondern auch der erste Mann der freien westlichen Welt, der eine Verantwortung trägt, die er so leicht nicht abschütteln kann. Kommt er dem nicht nach, entstehen neue Machhohlräume, in die autoritären Mächte hineindrängen. Ob Trump das zulassen will, muss er sich gut überlegen.

Bisher betonte Trump vor allem die Unterschiede: den Umgang mit Flüchtlingen, die Bedeutung der Nato. Wie groß sind die Schnittmengen?

Die Kanzlerin wird mit Blick auf die Nato argumentieren, dass Deutschland bei seinen militärischen Verpflichtungen nachbessern wird. Sie wird aber auch darauf hinweisen, dass die Bundesrepublik Sicherheit nicht nur unter militärischen Gesichtspunkten versteht und da sehr viel geleistet hat. Wenn es um Softpower geht, ist Deutschland ohne Zweifel Weltmacht Nummer eins und hat große Vorbildfunktion, auch außerhalb Europas. Merkel wird an die weltpolitische Verantwortung appellieren. Trump muss mehr vertreten als nur die Firma USA.

Die Bundesregierung beschränkt sich im Verhältnis zur neuen US-Administration bisher auf das Mahnen und Appellieren. Beeindruckt Trump so etwas?

Das wissen wir noch nicht. Trump setzt nicht auf militärische, sondern auf wirtschaftliche Macht. In dieser Hinsicht ist er neidisch auf Deutschland. Wir exerzieren ihm etwas vor, was er gerne für die USA hätte. Deutschland ist eine Weltwirtschaftsmacht und hat eine Fähigkeit, Produkte in die Welt zu exportieren, von der die Amerikaner nur träumen können. Die Infrastruktur liegt danieder. Auf den neuen US-Präsidenten wartet viel Arbeit, Deutschland dagegen steht als Exporteur glänzend da. Deswegen droht Trump ja mit Zöllen. Als Firma ist Deutschland für ihn Vorbild. Wenn man ihn irgendwo packen kann, dann auf diesem Gebiet.


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