Von der Leyen setzt Chefausbilder des Heeres ab

  26 April 2017    Gelesen: 704
Von der Leyen setzt Chefausbilder des Heeres ab
Die schleppende Aufklärung von Missbrauchsfällen bei der Bundeswehr hat Konsequenzen. Nach SPIEGEL-Informationen muss der Chefausbilder des Heeres gehen - die Vorwürfe sind gravierend.
Die Bundeswehr kommt nach den Enthüllungen über sexuell-perverse Ausbildungspraktiken, brutale Rituale, übertriebene Härte und Mobbing nicht zur Ruhe. Nach Informationen des SPIEGEL entschied Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wegen neuer Vorwürfe, den Chef des Ausbildungskommandos des Heeres von seinem Posten zu entheben.

Am Mittwoch unterrichtete Generalinspekteur Volker Wieker den Verteidigungsausschuss des Bundestags in vertraulicher Sitzung über die Personalie. Generalmajor Walter Spindler wird vorgeworfen, in einem bisher noch nicht bekannten Fall von Verfehlungen durch Heeresausbilder im thüringischen Sondershausen erneut nicht energisch genug ermittelt zu haben.

Möglicherweise bremsten Spindler und seine Rechtsberater vom Ausbildungskommando die Nachforschungen sogar. Jedenfalls wurden die beiden beschuldigten Hauptfeldwebel erst kürzlich von ihren Posten versetzt, obwohl schon seit Mai 2016 Beschwerden wegen verbaler Entgleisungen und unnötiger Härte bei der Ausbildung von Unteroffiziersanwärtern gegen sie eingegangen waren.

Trotz Beweisfotos wiegelte das Ausbildungskommando über Monate ab

Ähnliche Vorwürfe gab es bereits nach den Vorfällen in Pfullendorf, wo Ausbilder bei Lehrgängen für Sanitäter sexuell-perverse Praktiken durchexerzierten und eine Soldatin, die sich beschwert hatte, sogar bedrohten. Trotz vieler Eingaben, teilweise versehen mit Beweisfotos, wiegelte das Ausbildungskommando den Fall über Monate mit formaljuristischen Ausflüchten ab.

Die Soldaten in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf unterstehen wie die Trainer in Sondershausen dem Ausbildungskommando des Heeres in Leipzig. Nachdem nun der zweite Fall von schleppenden Ermittlungen durch das Kommando zu Tage kam, entschieden sich von der Leyen und Generalinspekteur Wieker für die Absetzung von General Spindler.

Dieser wäre im Herbst 2017 regulär ausgeschieden. Durch seine vorzeitige Absetzung soll nach nun zwei Fällen von zu langsamen Ermittlungen ein Neuanfang ermöglicht werden. Zudem will von der Leyen ein Zeichen setzen, dass sie Verfehlungen innerhalb der Truppe nicht duldet und im Zweifelsfall auch gegen ranghohe Offiziere hart durchgreift.

Die bisher nicht bekannten Vorfälle in Sondershausen werfen erneut kein gutes Licht auf die Bundeswehr, auch wenn sie nicht so gravierend sind wie in Pfullendorf. Laut den internen Akten gab es bereits seit Mai 2016 Eingaben von Unteroffiziersanwärtern gegen zwei Hauptfeldwebel. Demnach sollen diese ihre Schüler bei der Anwärterausbildung regelmäßig verbal attackiert, zu Strafaktionen gezwungen und erniedrigt haben.

Beschimpfung als "genetischer Abfall"

Ab Mai 2016 beschwerten sich gleich mehrere Soldaten beim Wehrbeauftragten des Bundestags. So soll einer der beiden Hauptfeldwebel die Anwärter bei der Ausbildung angeschrien haben, der "genetische Abfall", gemeint waren die Soldaten, müsste "endlich aussortiert" werden. Später meldeten sich sogar Bürger aus der Stadt, denen das Gebaren der Ausbilder sonderbar vorkam.

Andere Episoden aus den Beschwerden zeugen von regelmäßigen verbalen Entgleisungen. So meldeten die Unteroffiziersanwärter Aussagen wie "Ihre Meinung interessiert mich einen Scheiß" oder "Wer saufen kann, kann auch laufen". Andere Soldaten meldeten, sie seien von den Ausbildern zu Strafen wie kilometerlangem Dauerlauf, teilweise bis zum Zusammenbruch, gezwungen worden.

Das Ausbildungskommando jedoch wiegelte die Vorwürfe über Monate ab. Selbst als einer der beiden Hauptfeldwebel im Sommer 2016 zu einer Geldbuße von 1500 Euro verurteilt worden war, sahen die Ermittler von General Spindler keinen Grund, den Vorfällen in Sondershausen richtig auf den Grund zu gehen. Auch dem Wehrbeauftragten gaben sie das Gefühl, alles sei in Ordnung und verschwiegen ihm die bereits verhängte Disziplinarstrafe.

Falsch verstandener Korpsgeist und Sitten aus den alten Tagen

Monatelang ging es so weiter. Erst nach einer Rüge der Heeresführung wurden die Hauptfeldwebel Anfang 2017 von ihren Posten enthoben, sie müssen sich nun vor einem Truppengericht verantworten. "Der Fall zeigt", heißt es aus der Bundeswehr, "dass mancherorts der alte Moder von falsch verstandenem Korpsgeist herrscht und Sitten aus den alten Tagen der Bundeswehr toleriert werden".

Der neue Vorfall und der lasche Umgang mit Verdachtsmomenten durch die Ermittler des Kommandos belegen zudem, dass es gerade bei der Ausbildung der Bundeswehrsoldaten offenkundig eine Häufung von Dienstvergehen und einer Verrohung der Sitten gibt. Die letzten Skandalfälle spielten alle in diesem Bereich, vor allem Spezialausbildungen des Heeres scheinen anfällig zu sein.

Für Ministerin von der Leyen ist der neue Fall ein Ärgernis. Sie versucht seit ihrem Amtsantritt, ihrer Truppe ein neues Image zu verpassen. Modern, offen für alle, leistungsorientiert - so ihre Vorstellung. Die stumpfen Episoden von zwei Hauptfeldwebeln, die ihre Macht ausnutzen, um ausgerechnet Schüler kleinzumachen, wollen zu diesem Glanzbild nicht so recht passen.

Das Kommando in Leipzig soll nach der Absetzung von Spindler durch Brigadegeneral Norbert Wagner geführt werden, er ist derzeit als Chef des Ausbildungszentrums in Munster. Seinen Job in Munster dort hatte Wagner, der schon zweimal im Auslandseinsatz im Kosovo eingesetzt war, im Jahr 2014 angetreten.

Quelle : spiegel.de

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