Twitter experimentiert mit 280 Zeichen

  27 September 2017    Gelesen: 583
Twitter experimentiert mit 280 Zeichen

Einige Twitter-Nutzer können künftig doppelt so viel schreiben wie bislang. Doch kann das die Problem-Plattform wieder populär machen?

Es gab eine Zeit, in der Twitter der breiteren deutschsprachigen Öffentlichkeit überhaupt kein Begriff war. Donald Trump kannte man damals nur als überdrehten US-Promi mit einprägsamem Haarwerk (wenn überhaupt); "Digital First. Bedenken second" war höchstens das Motto all jener, die das erste Mal Dating über Tinder ausprobierten.

Twitter aber war weder für die Partnersuche geeignet noch hatte es sonst einen direkten Zweck. Wenn Online-Redakteure damals in der Zeitung über das Phänomen schrieben, mussten sie sich dennoch ein Erklärwort einfallen lassen. "Echtzeit-Kuriositätenkabinett-und-Weltgeschehensschleuder" war zu sperrig, "soziales Netzwerk" ging am Kern der Sache vorbei. Schließlich setzte sich der "Kurznachrichtendienst" oder später "140-Zeichen-Dienst" durch.

Am Dienstag hat das Unternehmen nun zwar nicht verkündet, plötzlich ein "Langnachrichtendienst" zu werden. Zumindest aber will Twitter längere Botschaften ermöglichen, als es die Nutzer bislang gewohnt sind. Die Firma experimentiert zunächst damit, die Zeichengrenze in einigen Sprachen und für einen kleinen Kreis von Nutzern von 140 auf 280 heraufzusetzen. Danach werde man entscheiden, ob diese Änderung auf der gesamten Plattform übernommen wird.

Die entsprechende Ankündigung von Firmenchef Jack Dorsey ist bereits im neuen Format verfasst. Viele Nutzer hörten womöglich nach 140 Zeichen auf weiterzulesen.





Über die Philosophie von Twitter, die Magie der Kürze wird immer wieder gern diskutiert. Eine Vergrößerung der Zeichenzahl gehörte allerdings nicht zu den Kernforderungen der bekanntermaßen engagierten Twitter-Gemeinde.

Intern dürften Philosophie-Überlegungen inzwischen allerdings zweitrangig sein: Twitter hat ein massives Wachstums- und damit auch Umsatzproblem. Trotz einigen Änderungen wie der Abschaffung der komplett chronologischen Timeline stagniert die Nutzerzahl weiterhin.

Weniger als die Hälfte der etwa 320 Millionen monatlicher Nutzer besucht die Plattform jeden Tag, zudem gucken nur 17 Prozent der Stamm-Twitterer die Live-Videos, in die das an der Börse unbeliebte Unternehmen große Hoffnungen setzt.

Viele Nutzer - und solche, die es vielleicht werden könnten - verweisen auf missbräuchliches Verhalten und Trolle als Kernprobleme der Plattform. Auch Facebook hat in seinen Diskussionen ein Problem mit Verbal-Vandalismus und Einschüchterungen. Etwa vier von zehn US-Amerikanern haben einer PEW-Studie zufolge bereits mit Online-Mobbing zu tun, für Deutschland fehlen ähnliche gesamtgesellschaftliche Erhebungen.

Allerdings könnten massive Sperrungen Twitters Nutzerzahlen weiter negativ beeinflussen. Bereits länger wird der Umgang der Plattform mit dem US-Präsidenten Donald Trump diskutiert, der häufiger in 140 Zeichen auffälliges Verhalten zeigt.

Unklar ist, ob die 280 Zeichen die Debatten auf Twitter nuancierter machen würden oder der Dienst an Reiz verliert, weil die Beiträge nicht mehr auf einen Blick begreifbar sind. Twitter-Kenner können zumindest damit rechnen, dass Donald Trump künftig nur noch einen einzigen Tweet braucht, um über seine Beliebtheit zu philosophieren, die schwarzen Sportler der Football-Liga NFL zu kritisieren und einen Krieg mit Nordkorea auszulösen.

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