Das heikle Geschäft der Patientenvermittler

  05 Auqust 2018    Gelesen: 1070
Das heikle Geschäft der Patientenvermittler

Für immer mehr Menschen wird die Suche nach einem geeigneten Arzt zur Tortur. Das Startup Qunomedical will Patienten deshalb kostenfrei Zugang zu Medizinern und Krankenhäusern weltweit ermöglichen. Dabei ist das womöglich illegal.

Egal ob kleines Privatkrankenhaus oder große Universitätsklinik - inzwischen lassen sich in Deutschland jedes Jahr rund 250.000 ausländische Patienten behandeln. Der Medizintourismus boomt. Mit dem lukrativen Geschäftsmodell verdienen deutsche Kliniken laut Schätzungen der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg rund 1,2 Milliarden Euro jährlich. Das Klischee des reichen Russen, der mit seinem Privatjet nach München fliegt und sich für viel Geld behandeln lässt, ist längst Realität.

Nicht nur immer mehr Krankenhäuser und Ärzte tummeln sich deshalb in dem Geschäftsfeld. Denn bevor Russen, Araber und Chinesen sich bei ihrem Wunschbehandler unters Messer legen können, müssen sie ihn erst finden. Genau da kommen Startups wie Qunomedical ins Spiel: Die Plattform vermittelt Patienten an Ärzte und Kliniken, sowohl in Deutschland als auch im Ausland.

"Immer mehr Menschen weltweit haben Schwierigkeiten den richtigen Arzt zu finden", sagt Sophie Chung, die die Firma Ende 2015 gegründet hat. Patienten fehle es an entsprechendem Fachpersonal, die Wartezeiten seien zu lang oder die Kosten zu hoch. "Wir sagen immer salopp: Wir holen uns das Geld dort, wo es eh schon liegt. Nämlich bei den Krankenhäusern, Ärzten und Versicherungen", so Chung.

Patienten kostet die Suche auf der Plattform nichts. Geld verdient Qunomedical über eine Listing- und Bearbeitungsgebühr, die die Krankenhäuser oder Ärzte zahlen. Inzwischen bietet die Plattform Kontakt zu Ärzten und Krankenhäusern in 25 verschiedenen Ländern. Monatlich kommen zwischen 3000 und 5000 Anfragen herein. Wie viele davon am Ende tatsächlich die Dienste von Qunomedical in Anspruch nehmen, will die Gründerin aber nicht verraten.

Medizintourismus hat ein schlechtes Image

"Der Medizintourismus ist ein sehr kleinteiliger und intransparenter Markt und wird von vielen Seiten sehr skeptisch beäugt", sagt Chung. Die 33-Jährige kennt ihn aus eigener Erfahrung: Nach ihrem Medizinstudium hat sie nur kurz als Ärztin gearbeitet und wechselte dann zu McKinsey, wo sie Krankenhäuser, Ärzte und Pharmafirmen beriet. Mit Qunomedical will sie nun Transparenz und Qualität in den Markt bringen.

Die Partnerkliniken und Ärzte wählt das Startup in einem mehrstufigen Verfahren aus. Chung und ihre Mitarbeiter schauen sich beispielsweise an, wie gut die Krankenhäuser zertifiziert sind, welche Ärzte dort arbeiten, wo sie ausgebildet wurden und welche Geräte das Krankenhaus verwendet. Dann testet das Startup, wie gut die Kliniken auf ausländische Patienten eingestellt sind. "Unser Bewertungsalgorithmus ist unsere Kernintelligenz. Kein Patient könnte das alleine leisten."

Das Geschäft von Qunomedical ist nicht nur kompliziert. Es findet auch in der rechtlichen Grauzone statt. Denn die Vermittlung von Patienten gegen Geld ist in Deutschland laut Ärzte-Berufsordnung verboten. Provisionen für eine Vermittlung dürfen erst recht nicht gezahlt werden. Verträge über Gewinnbeteiligungen gelten laut einem Urteil des Landesgerichts Kiel aus dem Jahr 2011 sogar als sittenwidrig. "Patientenvermittler leisten einer unerwünschten Kommerzialisierung des Arztberufs Vorschub und begründen einen unlauteren Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Krankenhäusern, die potentiell ebenfalls Patientinnen und Patienten aus dem Ausland behandeln könnten", schreibt das Gesundheitsministerium auf seiner Webseite.

"Wir beobachten, dass bestimmte Anbieter auf digitale Plattformen ausweichen", warnt auch Jens Juszczak, der den Forschungsbereich Medizintourismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg leitet, gegenüber n-tv.de. Der Forscher hat sich im vergangenen Jahr das Geschäftsfeld von eHealth-Plattformen genauer angeschaut. "Ich bin von der sehr geringen Leistungsfähigkeit von Qunomedical überrascht", sagt Juszczak. Die Suchmaschine werfe unsinnige Treffer aus, die auf ganzer Linie versagen. "Es ist total unklar, wie die Ergebnisse zustande kommen und warum welche Spezialisten empfohlen werden."

Patientenvermittlung angeblich nur Nebenprodukt?


Juszczak geht sogar so weit, einigen gelisteten Medizinern die Qualifikation abzusprechen. Einige wären auf Nachfrage sehr überrascht gewesen, dass sie von Qunomedical überhaupt als Partner gelistet werden. "Insgesamt war die Qualität der Testergebnisse äußerst schlecht." Auch die Kundenbetreuung habe zu wünschen übrig gelassen, wie eine fingierte schriftliche Patientenanfrage ergab. "Wenn Patienten nur wegen der Provisionen zu bestimmten Kliniken geschoben werden, finde ich das ethisch sehr bedenklich", sagt Juszczak.

Die Vermittlung von Patienten sei eigentlich nur ein Nebenprodukt von Qunomedical, wehrt sich Gründerin Chung. Eigentlich gehe es bei der Plattform um ihre Beratung und Betreuung. "Unsere Krankenhäuser und Ärzte unterstützen wir mit einem Marketingservice, konzipieren für sie digitale Kampagnen und checken Patientenanfragen: Gibt es für die Behandlungsanfrage triftige Gründe, fordern wir medizinische Unterlagen an und prüfen den Versicherungsstand." Auch die Übergabe des Patienten an ein Krankenhaus oder einen Arzt begleite Qunomedical. Ein Patient buche nie nur eine Vermittlung oder Behandlung, sondern immer auch Hotel und Transfer.

Das Bundesgesundheitsministerium findet, dass ausreichend geregelt ist, was auf dem Markt für Patientenvermittlung erlaubt ist und was nicht. Für die Einhaltung der Gesetze seien sowieso die Länder zuständig. Und auch Investoren scheinen an dem Geschäftsmodell von Qunomedical nichts anstößig zu finden. Erst im vergangenen Sommer hat das Startup eine Finanzierungsrunde über 1, 8 Millionen Euro abgeschlossen. Bald will Qunomedical schwarze Zahlen schreiben.

Quelle: n-tv.de


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