Wie die Hitze den menschlichen Fortschritt bremst

  10 Auqust 2018    Gelesen: 560
Wie die Hitze den menschlichen Fortschritt bremst

Alle Welt redet über die Folgen der Hitze für Bauern oder Igel. Dabei haben chinesische Forscher herausgefunden, dass auch Menschen leiden, die sehr stark nachdenken müssen. Zeit für ein Nothilfepaket!

Was es für den Menschen alles an Beschwerlichkeiten mit sich bringt, wenn bei uns Sahara ist, ist in den vergangenen Tagen schon in einiger Vielfalt erörtert worden. Dabei war meist von geknickten Bauern, Igeln oder körperlicher Bewegung im Freien die Rede. Bislang relativ unbeachtet blieb, welche Folgen der große Freiluftofen für Leute hat, die, sagen wir, beruflich besonders gut nachdenken müssen (also noch mehr als die Landwirte, die natürlich auch sehr viel nachdenken müssen).

Wie stark derlei Schäden für den Einzelnen und womöglich komplette Volkswirtschaften hierzulande noch unterschätzt werden, lassen Studien einer Gruppe chinesisch-kalifornischer Wissenschaftler erahnen*. Danach verhauen an besonders warmen Tagen deutlich mehr Schüler eine der wichtigsten Elite-Prüfungen des Landes - deren Ausgang über ganze Familienschicksale entscheidet. Da bekommt der Wettergott noch mal eine ganz neue Aufgabe. Ein Befund, der auch ganz wichtige Lehren für unsere hiesige Sommergestaltung birgt.

Die vier Forscher werteten 14 Millionen Prüfungsresultate aus den Jahren 2005 bis 2011 aus. Vorteil für die Wissenschaftler: Die Tests finden im ganzen Land identisch und gleichzeitig immer am 7. und 8. Juni statt. Womit man ziemlich gut vergleichen kann, was hier und da rauskam. Dann schauten sich die Experten die regional vergebenen Noten mit Blick darauf an, wie heiß, sonnig oder luftfeucht es in jeder der betreffenden Regionen jeweils zu dem Zeitpunkt war, in dem die Hochschulaspiranten über die Prüfaufgaben stark nachdenken mussten.

Das Ergebnis ist beeindruckend: In Regionen, in denen es am Tag der Prüfungen wärmer war als anderswo, gab es deutlich mehr Schüler, die schlecht abschnitten - im Schnitt lagen die Punktzahlen deutlich niedriger. Was für die Betreffenden im Zweifel dauerhafte Folgen hat.

Wie die Forscher ebenfalls berechneten, sank für Prüflinge, die vom Hitzepech getroffen wurden, die Wahrscheinlichkeit um zwei Prozent, dank entsprechender Testergebnisse an einer Elite-Uni angenommen zu werden - was wiederum ohnehin nur 12 Prozent in der Regel schaffen. Ein Ergebnis, das über Wohl und Wehe von Millionen Familien entscheidet, so die Wissenschaftler.

Rückfall durch Matsch-im-Kopf

Dass es in China so nicht weitergehen kann, leuchtet ein. Die Forscher legen deshalb dar, dass man entweder die Prüfungen in kältere Jahreszeiten vorverlegen sollte. Oder wenigstens Klimaanlagen in die Prüfungsräume stellen - was bisher verboten ist. Oder jenen Prüflingen fein kalkulierte Bonuspunkte geben, bei denen es warm war. Worauf Forscher halt so kommen, wenn sie forschen.

Wichtiger erscheint für uns, dass der wissenschaftliche Befund hitzebedingt erhöhter Fehleranfälligkeit bei hochkompliziertem Denken - kurz: Matsch-im-Kopf - spätestens seit Einzug der Sahara-Hitze in Deutschland nicht mehr ignoriert werden darf. Wenn man bedenkt, was da alles schiefgehen kann!

Gut ist zum Beispiel, dass Horst Seehofer erst Ende August zu twittern anfangen will. Und dass sich grundsätzlich nicht so viele Politiker während der Sommermonate äußern. Wer immer in Deutschland eingeführt hat, dass Schulferien schwerpunktmäßig im Juli und August sind, muss ebenfalls geahnt haben, was chinesische Forscher einmal herausfinden würden.

Deren Befunde könnten wiederum auch erklären, warum im Hochsommer auf Mallorca regelmäßig nur Teile des deutschen Dichter-und-Denker-Potenzials durchschlagen. Oder warum es just in diesen Monaten immer wieder zu Sommerlochthemen kommt, wie etwa zu der Frage, was jetzt mit Özil ist.

Wer weiß, vielleicht gibt (oder gab) es wegen der genannten Risiken in manchen Betrieben eben Werksferien. Nach der Devise: Wer nicht arbeitet, muss auch nicht so anstrengend nachdenken - und macht auch keine Fehler.

Blöd ist, dass Klimaforscher relativ hartnäckig den Schluss nahelegen, die Sahara-Sache und andere Unwetter könnten künftig noch viel öfter vorkommen. Was wiederum in bisher sicher noch unterschätzter Art schlimm zu enden droht, wie die Autoren der Studie schreiben: "Der starke negative Effekt erhöhter Temperaturen auf die kognitive Leistung des Menschen lässt einen neuen Übertragungsweg vermuten, durch den sich der künftige Klimawandel auf unseren wirtschaftlichen Wohlstand auswirken könnte." So eine Art Rückfall durch Matsch-im-Kopf.

spiegel


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