Genua hofft weiter auf "Lebenszeichen"

  17 Auqust 2018    Gelesen: 983
Genua hofft weiter auf "Lebenszeichen"

Fast drei Tage nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua suchen Retter in den Trümmern noch immer nach Überlebenden. Unterstützt von Schweißbrennern und Schwerlastkränen dringen Spezialisten tiefer in die Überreste der einst 90 Meter hoher Pfeilerkonstruktion vor.

Die dritte Nacht in Folge haben Rettungskräfte in Genua in den Trümmern der eingestürzten Autobahnbrücke nach weiteren Opfern gesucht. "Wir versuchen Hohlräumen in dem Schutt zu finden, wo Menschen sein könnten - lebendig oder tot", sagte Feuerwehrsprecher Emanuele Gissi. Die Chancen, mehr als 60 Stunden nach dem Einsturz noch Überlebende zu finden, gelten mittlerweile als verschwindend gering.

Genuas Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass bis zu 20 Personen noch unter den Überresten der eingestürzten Brücle liegen könnten. Die Rettungskräfte werden bei ihrer gefährlichen Suche in den instabilen Schuttbergen von Baggern und Kränen unterstützt. Mit Schweißbrennern arbeiten Spezialisten daran, die riesigen Betonbruchstücke der einst 90 Meter hohen Pfeilerkonstruktion in kleinere Teile zu zerschneiden. "Wir werden dann Hunde und Rettungskräfte hineinschicken um zu sehen, ob wir irgendwelche Lebenszeichen finden können", sagte Gissi.

In der Nacht zu Freitag wurden keine weiteren Opfer geborgen. Die Präfektur hat bislang 38 Tote bestätigt. Elf Verletzte werden noch in Krankenhäusern behandelt. Am Samstag um 11.30 Uhr soll ein Staatsbegräbnis für die Opfer stattfinden. Das Verkehrsministerium richtete eine Kommission ein, die technische Überprüfungen und Analysen an der am Dienstag eingestürzten Brücke durchführen soll.

Voreilige Schuldzuweisungen?


Die Ergebnisse der Arbeit sollen einer Mitteilung des Ministeriums zufolge schließlich dazu dienen, über eine mögliche Entziehung der Lizenz für den privaten Autobahnbetreiber zu entscheiden. Italienische Medien werteten das als Zurückrudern einiger Regierungsmitglieder, die die Verantwortung für die Katastrophe bereits am Mittwoch dem Betreiber Autostrade per l'Italia zugewiesen hatten.

Die Schuldzuweisungen italienischer Spitzenpolitiker hatten den Aktienkurs des römischen Dienstleistungskonzerns Atlantia zeitweise massiv belastet. Atlantia ist Mehrheitseigner des Mautstraßenbetreibers Autostrade per l'Italia, der für Betrieb, Wartung und Instandsetzung des Autobahnviadukts der A10 in Genua verantwortlich ist.

Autostrade und Atlantia weisen die Vorwürfe aus der Politik zurück. Das Bauwerk sei regelmäßig geprüft und gewartet worden, hieß es. Alle Vorgaben der staatlichen Aufsichtsbehörden seien eingehalten worden. Abgesehen davon ist noch immer vollkommen unklar, was genau den verhängnisvollen Einsturz auslöste.

Der Chef der Fünf-Sterne-Bewegung und Minister für Wirtschaftliche Entwicklung, Luigi Di Maio, bekräftigte am Donnerstagabend im Sender La7 dennoch, man werde dem Unternehmen nicht nur die Lizenz für die Autobahn entziehen, sondern auch eine Strafe von bis zu 150 Millionen Euro verhängen und dafür - wenn nötig - auch vor Gericht ziehen.

Der Innenminister und Chef der rechten Lega, Matteo Salvini, sagte dagegen, er wolle von dem Betreiber "alles, was möglich ist" für die Angehörigen der Opfer, die Verletzten und die nun Obdachlosen bekommen. "Über Konzessionen, Strafen und Spitzfindigkeiten reden wir von kommende Woche an", zitierte ihn Ansa.

Die vierspurige Morandi-Brücke im Westen der italienischen Hafenstadt war am Dienstag gegen Mittag inmitten eines Unwetters auf einer Länge von fast 200 Metern eingestürzt. Die Fahrbahn des Polcevera-Viadukts sackte ohne Vorwarnung ab: Lastwagen und Autos stürzten rund 45 Meter in die Tiefe. Einer der drei riesigen Brückenpfeiler der Beton-Schrägseilkonstruktion war bei dem Unglück in sich zusammengebrochen.

Umstrittenes Bauwerk

Der Polcevera-Viadukt, der auch Morandi-Brücke genannt wird, spannt sich nicht nur über Wohnhäuser, sondern auch über Gleisanlagen und Fabriken und ist seit langem umstritten. Der Bau aus den 1960er-Jahren galt als stark sanierungsbedürftig. Schon während der Bauphase war der vorab festgelegte Kostenrahmen erheblich überschritten worden. Da mit den Jahren auch die Unterhaltskosten für die stark frequentierte Verkehrsverbindung immer weiter stiegen, wurde in Genua bereits vor dem Einsturz über einen Abriss diskutiert.

Für die Hafenstadt Genua ist der Einsturz auch eine verkehrstechnische Katastrophe: Die eingestürzte Brücke war Teil der Autobahn A10 und verbindet den Osten mit dem Westen der Stadt. Sie ist als Urlaubsroute "Autostrada dei Fiori" bekannt und unter anderem auch eine wichtige Fernstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei.

Genua plant bereits den Neubau


Der Einsturz machte Hunderte Anwohner obdachlos: Aus Sicherheitsgründen mussten insgesamt 13 Mehrfamilienhäuser evakuiert worden. 558 Menschen verloren der Präfektur zufolge ihr Zuhause. 117 seien in Hotels oder bei Privatleuten untergebracht, heißt es. Die Betroffenen dürfen womöglich nie mehr in ihre Wohnungen zurückkehren. Die Reste der Brücke gelten als akut einsturzgefährdet.

Wie es vor Ort nach Abschluss der Rettungsarbeiten weitergeht, ist noch unklar. Der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Edoardo Rixi, und Regionalpräsident Giovanni Toti kündigten allerdings bereits an, dass schon im kommenden Jahr ein Neubau die zusammengebrochene Brücke ersetzen soll.

Quelle: n-tv.de


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