Verlieren wir den Kampf gegen die Clans?

  13 November 2018    Gelesen: 763
Verlieren wir den Kampf gegen die Clans?

Abou-Chaker und Miri sind Nachnamen, die vor allem mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht werden. Sind diese und andere arabische Großfamilien wirklich so gefährlich oder nehmen wir ihre Mitglieder in Sippenhaft?

Der 9. September 2018 ist ein sonniger Tag: Es herrschen 26 Grad, perfektes Ausflugswetter. Nidal R. flaniert an diesem Sonntag wie viele andere Berliner zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern über das Tempelhofer Feld, als um 17.40 Uhr vier Männer auf den 36-Jährigen zulaufen - und ihn mit acht Schüssen niederstrecken. Die Tat schlägt nicht nur wegen ihrer beispiellosen Brutalität Wellen. Der Fakt, dass hier der wohl bekannteste Clan-Kriminelle Berlins von Mitgliedern einer anderen arabischen Großfamilie auf offenem Feld und am helllichten Tag kaltblütig ermordet wird, wirft in der Öffentlichkeit auch die Frage auf, die Frank Plasberg bei "Hart aber fair" stellt: "Das kriminelle Netz der Clans - sind Polizei und Justiz machtlos?"

Am Montagabend sind der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul, der Fernseh-Journalist Olaf Sundermeyer, die Berliner Oberstaatsanwältin Petra Leister, der mehrfache Kickbox-Weltmeister Michael Kuhr, der Strafverteidiger Burkhard Benecken sowie der Essener Stadtrat Ahmad Omeirat Plasbergs Einladung gefolgt.

Vorverurteilung durch deutsche Öffentlichkeit?
Omeirat ist in der versammelten Runde zumindest auf dem Papier die spannendste Personalie: Der Grünen-Politiker entstammt einer kurdisch-libanesischen Großfamilie, sein Nachname wird in NRW mit organisierter Schwerstkriminalität in Verbindung gebracht. "Ich habe mich 200 Mal schriftlich beworben, zusätzlich über persönliche Kontakte wie den Fußballverein. Nichts hat gefruchtet, das hat mich persönlich sehr belastet", sagt Omeirat, der ursprünglich mal Herrenausstatter werden wollte. Er beklagt eine Vorverurteilung durch die deutsche Öffentlichkeit und führt an, dass arabische Großfamilien unter Generalverdacht stünden.

Eigentlich ein spannender Punkt, schließlich gibt es allein in Omeirats Familie neben verurteilten Kriminellen auch Ärzte, Rechtsanwälte und andere unbescholtene Bürger. Weil der Grünen-Politiker aber durch die Bank weg undifferenziert argumentiert und den anderen Talkgästen ständig ins Wort fällt, erweist er seiner und anderen Großfamilien einen Bärendienst - unvorteilhafter kann man sich kaum in Szene setzen, auch wenn der Zorn über die Zustände noch so gerecht sein mag. 

Mit der aktuellen Situation unzufrieden ist auch Herbert Reul: "Der Staat muss ernst genommen werden, dafür muss sich der Staat aber auch selbst ernst nehmen. Wir haben jahrelang das Problem nicht ernst genommen, das begann ja schon in den 70er- und 80er-Jahren", sagt der CDU-Politiker, der in NRW das Innenministerium leitet. "Gerade die arabische Community hält eng zusammen und ist sehr gefährlich. Ich bin seit 1982 dabei und habe die Entwicklung gesehen: Sie gehen sehr brutal vor und haben mit dieser Brutalität die Deutschen verdrängt. Außerdem halten sie viel enger zusammen, der Familienzusammenhalt ist sehr, sehr groß", bestätigt Michael Kuhr die Einschätzung Reuls, die Entwicklung in der Vergangenheit verdrängt zu haben.

33 Mal vor Gericht, 33 Freisprüche


Der mehrfache Kickbox-Weltmeister weiß, wovon er spricht: Kuhr führt seit mehr als 20 Jahren ein Sicherheitsunternehmen und stand in der Vergangenheit bereits im Visier des berüchtigten Abou-Chaker-Clans aus Berlin - der nach Hinweisen des LKA einen Mordanschlag auf Kuhr geplant hatte. Derselbe Abou-Chaker-Clan, den Burkhard Benecken immer wieder vertritt und über dessen Oberhaupt Arafat Abou-Chaker der Rechtsanwalt sagt: "Arafat hat keine Vorstrafen, der hat eine saubere Weste." Was Benecken nicht erwähnt: Arafat Abou-Chaker stand bereits 33 Mal vor Gericht. Bislang endete jede der Verhandlungen mit einem Freispruch, unter anderem wegen einer erstaunlichen Häufung stark vergesslicher Zeugen.

"Selbstverständlich gibt es Bedrohungsszenarien - das fängt schon damit an, dass die wenigsten überhaupt eine Anzeige erstatten wollen", stellt Petra Leister fest. Die Staatsanwältin erzählt von den erschwerten Bedingungen, mit denen die Justiz in Anbetracht der Paralleljustiz zu kämpfen hat, die von den Clans aufgebaut werde. Mehr Personal sei ein wichtiger Punkt bei der Bekämpfung des Problems, ein härteres Durchgreifen der Polizei, wie seit einigen Monaten durch verstärkte Razzien, ein zweiter.

Einen dritten Punkt nennt Olaf Sundermeyer: "Letzten Endes geht es diesen Menschen auch immer um Anerkennung. Die Clans fühlen sich ausgegrenzt, an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Deshalb ist es wichtig, dass wir darüber reden", sagt der Journalist, der für eine RBB-Reportage mit vielen Clanmitgliedern gesprochen hat. "Euer Land, eure Gesetze", bringt ein junger Rapper in einem Einspieler die Einstellung der Clans auf den Punkt. "Das spricht dafür, dass keinerlei Integration stattgefunden hat. Der Kern des Problems liegt für mich darin, dass sich diese Menschen für eine Parallelwelt entschieden haben", schlussfolgert Sundermeyer.

Wie man die Fehler der 80er und 90er heute wieder gutmachen kann, darüber herrscht Ratlosigkeit. Immerhin kann sich die Runde darauf verständigen, was gar nicht geht: der Vorschlag des Neuköllner Jugendstadtrats Falko Liecke (CDU), der fordert, "wir müssen die Kinder aus diesen Familien rausnehmen". Ein Vorschlag von Trumpschen Dimensionen. Zumindest so weit sind wir in Deutschland also noch nicht.

Quelle: n-tv.de


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