20 Jahre Russlands Kosovo-Vorstoß: Als die serbische Flagge kurzzeitig russisch war

  12 Juni 2019    Gelesen: 494
20 Jahre Russlands Kosovo-Vorstoß: Als die serbische Flagge kurzzeitig russisch war

Vor genau 20 Jahren, am 22. Juni 1999, war in Jugoslawien eigentlich schon Frieden. NATO-Flugzeuge haben aufgehört, ihre tödliche Fracht auf serbische Städte und Dörfer abzuladen. Der Himmel über der südserbischen Provinz Kosovo war zum ersten Mal seit 78 Tagen wieder „sicher“.

Internationale Medien meldeten das Ende des Krieges. Das am 9. Juni unterzeichnete militärisch-technische Abkommen von Kumanov beendete die NATO-Bombenanschläge. Serbische Generäle, die fast drei Monate lang ihr Volk mit Waffen verteidigten, mussten nun die Kosovo-Serben jener Macht überlassen, die sie noch gestern bombardierte, heute aber zu einer „Friedenstruppe“ geworden war.

Sputnik fragte exklusiv bei einigen Zeitzeugen nach, wie sie diese Tage in Erinnerung behalten haben. 

Milutin Filipovic, Oberst der Streitkräfte der Bundesrepublik Jugoslawien und ehemaliger Befehlshaber der Garnison von Pristina:

"Wir fühlten uns zwiegespalten. Auf der einen Seite freuten wir uns, dass der Krieg mit all seinen Schrecken vorbei waren. Auf der anderen Seite war es schrecklich für uns, weil wir als Armee dieses Gebiet verlassen mussten und die Menschen ohne Schutz zurückließen. Die Menschen fragten sich, was sie nach dem Abzug der serbischen Truppen und der Polizei im Kosovo erwartete.

Die Verbindung mit Belgrad wurde fast vollständig unterbrochen, Informationen von dort kamen entweder gar nicht an oder sie erreichten uns in verzerrter Form. Die Soldaten vermischten sich mit Zivilisten, mit den Kosovo-Serben (…), sodass die Bewegung der Armee behindert war. Unregelmäßige Angriffe der albanischen Terroristengruppen erschwerten die Bewegung noch mehr.

Dann kam es kam zu Gewalttaten der albanischen Terroristen, die sowohl durch konkrete Hilfe als auch durch Untätigkeit von den NATO-Streitkräften ermöglicht wurden. Genau aus diesem Grund organisierte der russische Geheimdienst eine Einsatzgruppe im Rahmen der SFOR, die heimlich nach Pristina verlegt wurde. Mit der Unterstützung lokaler Serben gelang es den Russen, den Flugplatz Slatina zu erobern und die Voraussetzungen für das Eintreffen „ihrer Jungs“ zu schaffen. Junus-Bek Ewkurow befehligte diese Einsatzgruppe." 

Generalmajor Junus-Bek Ewkurow, im Jahr 1999 Kommandeur der 18-köpfigen GRU-Einsatzgruppe:

"Nach der Unterzeichnung des Kumanov-Abkommens befahl Boris Jelzin, 200 Soldaten, die Teil des Friedenskontingents in Bosnien waren, nach Kosovo zu verlegen. Diese Mission war nicht nur für das SFOR-Kommando in Bosnien und Herzegowina strenggeheim, auch die russischen Soldaten wussten nicht, wohin sie fuhren und warum. Nur die Kommandeure wussten das. Es gelang uns, unbemerkt an die serbische Grenze zu gelangen, woraufhin russische Flaggen an gepanzerten Personaltransportern aufgehängt wurden. Die Nachricht, dass die 'Russen kommen' war wie Donner aus heiterem Himmel."

Milutin Filipovic:

"Ich habe am 11. Juni erfahren, dass russische Einsatzkräfte nach Pristina geschickt wurden. Als sie ankamen, wussten wir, dass sie kommen, um die Serben, die im Kosovo und in Metohija leben, wie natürlich den Rest der Bevölkerung, zu beschützen (…)

Euphorische Menschen eilten den Russen entgegen. Sie drehten serbische Flaggen um, um daraus russische zu machen. Menschen warfen Blumen auf die gepanzerten Militärfahrzeuge, brachten den Russen was zu trinken. Es war ein sehr berührender, sehr emotionaler Moment ... Die Leute sangen Lieder, schossen in die Luft.

Wir hatten nun die Hoffnung, dass die Serben im Kosovo bleiben und hier überleben könnten."

Junus-Bek Ewkurow:

"Als die Nato von der Operation erfuhr, sandten sie eine „Warnung“ an den Chef des Generalstabs in Moskau. Nach anfänglicher Unsicherheit war klar: Der Befehl kam von Jelzin und nur er kann ihn zurückrufen."

General Leonid Iwaschow (Russland):

"Am nächsten Tag trafen die Engländer am Flughafen von Slatina ein. Ihr Kommandant Michael Jackson hat den Befehl erhalten, russische Truppe zu vernichten. Die Panzer-Kolonnen der Nato standen vor Russen, die ihre Waffen auf sie richteten. Angesichts der Entschlossenheit der Russen sagte Jackson:

'Ich möchte keinen dritten Weltkrieg auslösen. Unsere Truppen werden auf Transportflugzeuge mit Verstärkung und Waffen warten.'

Da aber Ungarn und Bulgarien keinen Überflug ihres Territoriums erlaubten, begannen schwierige Verhandlungen..."

Junus-Bek Ewkurow:

"Russland erlaubte den Briten, den Flugplatz gemeinsam zu nutzen, doch bald wurden die russischen Friedenstruppen in andere Gebiete vom Kosovo verlegt, die von der Nato kontrolliert wurden.

Da es offensichtlich war, dass die russische Beteiligung am KFOR vom Westen nur noch als Alibi verwendet wird, um Entscheidungen gegen das serbische Volk zu treffen, beschloss Wladimir Putin im Jahr 2003, das russische Kontingent aus dem Kosovo abzuziehen.

Russische Soldaten kehrten mit Tränen in den Augen zurück nach Hause."

sputniknews


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