"Diese 90 Minuten waren eine Schande"

  24 Juni 2019    Gelesen: 641
 "Diese 90 Minuten waren eine Schande"

Ärger über den Videobeweis, Tränen, ein letztes böses Foul: Kameruns Achtelfinale gegen Englands Fußballerinnen wird als Tiefpunkt der WM in Erinnerung bleiben. Am Ende erhoben beide Trainer schwere Vorwürfe.

Den Schlusspunkt dieser denkwürdigen Partie setzte eine besonders schlimme Szene. Es lief schon die Nachspielzeit, 3:0 stand es und Englands Einzug ins Viertelfinale bei der Fußball-Weltmeisterschaft war damit längst perfekt. Der Ball rollte auf Höhe der Mittellinie, Englands Kapitänin Steph Houghton wollte ihn noch ein letztes Mal nach vorne befördern, doch plötzlich ging sie zu Boden. Houghton schrie, nachdem ihr die kamerunische Spielerin Alexandra Takounda aufs rechte Schienbein gesprungen war.

Für das Foul hätte Takounda Rot sehen müssen, es gab aber selbst nach dem Videobeweis nur die Gelbe Karte. Doch das ist am Ende nur eine Randnotiz dieser Partie, die von Protesten, unwürdigen Vorfällen auf dem Feld und der Tribüne geprägt war; und die für Houghton möglicherweise mit dem WM-Aus endete. Englands Nationaltrainer Phil Neville sagte später, die Torschützin des 1:0 (15. Minute) sei schwer mitgenommen und säße im Behandlungsraum "mit schlimmen Schmerzen". Das klang nicht nach einem Viertelfinal-Einsatz am Donnerstag gegen Norwegen, noch gebe es aber keine Diagnose, sagte der 42-Jährige.

Es waren die ersten Worte des früheren Fußballstars von Manchester United, als er nach dem Spiel in den Presseraum trat, es waren noch die harmloseren. Danach sagte Neville: "Was wir heute gesehen haben, darf nie wieder passieren. Diese 90 Minuten waren eine Schande. Ich schäme mich." Der Chefcoach der Three Lions sagte aber auch: "Meine Spielerinnen verdienen heute großen Respekt." Weil sie sich gegen diesen Gegner, "der sich wie ein Kleinkind aufgeführt hat", diszipliniert verhalten hätten. Damit war klar, für wen er sich an diesem Abend geschämt hat: für Kameruns Spielerinnen. Dies ist nur die Kurzfassung einer emotionalen Ansprache, die mehrere Minuten dauerte.

Was war passiert?

Das Achtelfinale zwischen England und Kamerun erzählt aber noch von einer zweiten Wahrnehmung. Im Lager der Kameruner fühlte man sich am Ende betrogen vom Schiedsrichterteam um die chinesische Unparteiische Qin Liang. Es habe "zu viele falsche Entscheidungen" gegeben, sagte Coach Alain Djeumfa. Eine dieser falschen Entscheidungen sei für ihn der indirekte Freistoß nach einem Rückpass seines Teams gewesen, der dann zum Führungstor Englands führte. Djeumfa zufolge hätte auch Englands 2:0 durch Lucy Bronze (45+3.) nicht zählen dürfen, da eine Abseitsstellung vorgelegen hätte.

Daraufhin war es zu tumultartigen Szenen gekommen: Auf der Pressetribüne forderten Journalisten aus Kamerun die Spielerinnen zum Protest auf, sie sollten das Spiel beenden. Auch Kamerun-Fans schlossen sich diesen Rufen an, einige hoben dabei die Hände und rieben die Finger: Das Spiel sei gekauft, sollte das bedeuten. Tatsächlich vergingen dann einige Minuten, bis Kameruns Kapitänin Gabrielle Aboudi Onguene ihre Teamkolleginnen vom Weiterspielen überzeugen konnte.

Als das Spiel mit einem nicht-gegebenen Treffer von Njoya Ajara nach der Pause weiterging, wurden die Rufe nach einem Protest wieder lauter, wieder zögerten die Spielerinnen, die Partie fortzusetzen. Auf dem Platz war die Partie längst eine äußerst emotionale geworden: Bei Njoya Ajara flossen Tränen, als ihr Treffer wegen einer Abseitsstellung durch den Videoassistenten zurückgenommen wurde.

Selbst die Schiedsrichterin wurde in einer Szene eher absichtlich zur Seite geschubst. Doch so groß der Frust der Kameruner über den Videobeweis auch war, er rechtfertigte nicht die Vielzahl an Aussetzern. Und: In den beklagten Situationen waren die Entscheidungen korrekt, beim vermeintlichen 1:2 durch Njoya Ajara zwar äußert knapp, aber eben korrekt.

Doch weder Trainer Djeumfa noch seine Spielerinnen wollten das später anerkennen. Mittelfeldspielerin Raissa Feudjio sagte nach Abpfiff, sie habe das Gefühl, bei einer Europameisterschaft zu sein. "Afrika ist hier nicht willkommen", sagte die 23-Jährige, der Coach schloss sich dieser Sichtweise zumindest in Teilen an. Er sagte, auch Nigeria sei in seinem Achtelfinale gegen Deutschland mit Ungerechtigkeiten durch den Schiedsrichter bestraft worden, nun habe es auch sein Team getroffen. Er betonte jedoch: "Ich wittere keinen Rassismus. Aber dieses Spiel war eine Ungerechtigkeit."

Englands Coach Neville wurde später mit Feudjios Vorwürfen konfrontiert. Er sagte, er sei ein großer Fan des afrikanischen Fußballs und habe während seiner aktiven Zeit als Profi fantastische Teamkollegen aus Nigeria gehabt. Er sei zudem ein großer Fan der kamerunischen Fußballlegende Roger Milla gewesen.

Neville erzählte auch, dass er die drei vorherigen Auftritte Kameruns bei dieser WM gesehen habe. "Heute war ein Einzelfall. Sie waren emotional", sagte Neville und versuchte Verständnis zu wecken: "Sonst habe ich eine lachende Truppe gesehen, die singt und tanzt, die Spaß macht. Genau das lieben wir doch am afrikanischen Fußball." Dass der afrikanische Fußball der Frauen taktisch aufgeholt hat und Kamerun sich in einer schweren Vorrundengruppe mit Kanada, Europameister Niederlande und Neuseeland defensivstark zeigte, erwähnte er dabei nicht. Und so schwang zumindest an dieser Stelle ein unangenehmer Unterton mit, wie der afrikanische Fußball denn aus europäischer Sicht bitte zu sein habe: bunt, laut, fröhlich.

Aber es stimmt natürlich: Tatsächlich waren Englands Spielerinnen beeindruckend ruhig geblieben. Am Ende werden besonders die Aussetzer Kameruns auf dem Spielfeld in Erinnerung bleiben. Aber auch die Stimmung auf der Tribüne war vergiftet und passte nicht ins Bild dieser bislang so fairen Weltmeisterschaft mit friedlichen Fanlagern. Als das 1:2 des Außenseiters nicht zählte, provozierten englische Fans die gegnerischen Anhänger und wedelten die englische Flagge vor ihren Augen. Als Houghton am Mittelkreis schwer getroffen zu Boden ging, riefen Fans in Kamerun-Trikots "Penalty". Aus Spott. Und an dieser Stelle darf man sich Nevilles Worten anschließen: "So ein Fußballspiel kann niemand genießen."

spiegel


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