Großer Hoeneß grantelt sich kleiner

  16 November 2019    Gelesen: 606
  Großer Hoeneß grantelt sich kleiner

Uli Hoeneß erlebt auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern einen würdigen Abschied, Kritik am neuen Ehrenpräsidenten bleibt völlig aus. Doch die prägendste Figur der Ligageschichte verpasst den perfekten Absprung knapp.

Auf einmal ist er weg, ganz unspektakulär. Für die Wahl des neuen Präsidenten bestellt der alte, der scheidende, streng nach Satzung den Wahlausschuss aufs Podium, um den wichtigsten Punkt der Tagesordnung der Jahreshauptversammlung abzuwickeln. Und das war es dann. Uli Hoeneß tritt ab, er verlässt nach 49 Jahren im Dienst des FC Bayern die Bühne. Herbert Hainer, der von den 6091 Mitgliedern erwartungsgemäß zum Hoeneß-Nachfolger gekürte ehemalige Adidas-Boss, bringt später die Veranstaltung ins Ziel.

Blumenstrauß, Goldrahmen, viel Applaus: Hoeneß' Abschied war ein würdiger - bis er ihn sich selbst verdarb.

Was hätte es für ein großer Abschluss sein können für den Mann, der die Bundesliga mehr geprägt hat, als alle anderen vor ihm? Die Bayern-Mitglieder machten ihm, der es sich so sehr gewünscht hatte, das "große Tor" zum Abschied ganz weit auf und Hoeneß schritt hindurch. Sie feierten ihn, er führte charmant und mit Witz durch den Abend, verabschiedete sich mit einer hoeneß-typischen Rede von den Mitgliedern, erzählte Anekdoten – und am Ende kam dann doch wieder der zornige, alte Mann durch, der sein Denkmal in den letzten Jahren so unnötig selbst beschädigt hat. Die Mitglieder bekamen davon in der Halle aber nichts mehr mit.

Kritische Stimmen gehen im Jubel unter

Die letzte Jahreshauptversammlung des großen FC Bayern endete 2018 beinahe im Tumult, Buhrufe, Pfiffe und Beschimpfungen hatte es da in Richtung von Hoeneß gegeben. Dem hat das schwer zugesetzt, "schockiert" sei er gewesen. Aber diesmal gehen kritische Stimmen im Jubel unter, als Präsident Hoeneß um kurz vor acht Uhr die Veranstaltung eröffnet. Die Bayern-Mitglieder sind willens, "ihrem" Präsidenten einen großen Abgang zu verschaffen. Hoeneß´ Lippen beben, die Menschen stehen und klatschen. "Vielen, vielen Dank. Aber irgendwann müssen wir anfangen", sagt Hoeneß und schafft damit: Noch mehr Jubel. Als die Klublegenden Franck Ribéry und Arjen Robben als Überraschungsgäste Pokal und Meisterschale in die Halle bringen, steigt der Lärmpegel beträchtlich. Die Stimmung ist gesetzt, die Inszenierung geht gen Triumphzug. Irgendwann schafft Sitzungsleiter Hoeneß, die Veranstaltung in satzungsgemäße Bahnen zu lenken. Berichte der Vize-Präsidenten. Tischtennis, Kegeln, Handball, Zahlen des eingetragenen Vereins, dessen Präsident Hoeneß ist.

Sogar FC-Bayern-Traumduo Rib und Rob alias Franck Ribéry und Arjen Robben haben ein Überraschungsauftritt.

Um 19.59 Uhr tritt Hoeneß dann erneut ans Pult. Diesmal, das wissen alle, zum letzten Mal als Präsident des FC Bayern München. Es ist still in der Halle. Hoeneß ist angefasst, aber er hat noch viel zu sagen. Die Rede, mit der sich Hoeneß verabschiedet und an der in der Nacht vor der Veranstaltung bis um vier Uhr gesessen habe, ist wohlkomponiert. Sie enthält viel von dem, warum Hoeneß gleichzeitig Einer und Spalter ist. Ihm habe gefallen, sagt er ganz zu Beginn, dass die Bayern-Profis Borussia Dortmund zuletzt "attackiert, dominiert und am Ende deklassiert" hätten. Hoeneß will seine Präsidentschaft natürlich nicht zu wohlwollend ausklingen lassen, deshalb setzt er immer wieder Spitzen. Gegen Borussia Dortmund, aber auch gegen den "schwindsüchtigen Partner", mit dem man sich die Arena zu lange habe teilen müssen – gemeint ist der Lokalrivale 1860 München. Seine Zeit beim 1. FC Nürnberg sein "ein schwarzer Fleck" lässt er schmunzelnd verlauten.

Es ist populistisch, klar. Aber vor allem viel weniger verbissen als die Tiraden, die manche Mitglieder und Fans in den vergangenen Jahren von "ihrem" Präsidenten entfremdet haben. Den polternden Hoeneß, der in einer legendär-verstörenden Pressekonferenz erst einen Rundumschlag gegen die Medien führte, um dann den völlig unbeteiligten Ex-Spieler Juan Bernat lächerlich zu machen? Den Uli, der einen Marc-André ter Stegen mit schierer Empörung überrennen wollte, obwohl dieser Weltklassetorwart sich frecherweise nur mehr Spielzeit in der Nationalelf erbeten hatte? Den bekamen die Mitglieder in der Olympiahalle nicht zu Gesicht.

Er plaudert vom Autounfall, den er vor Aufregung vor seinem ersten Auftritt an der Säbener Straße produziert habe, referiert noch einmal die Zahlen zu Zeiten seines Amtsantritts – 20 Mitarbeiter, zwölf Millionen Mark Umsatz, sieben Millionen Schulden – und witzelt, wie froh er war, dass Karl-Heinz Rummenigge schon damals da war – damit er ihn nämlich teuer verkaufen konnte. Später geht es um gesellschaftliche Verantwortung, dass ihn weder ein Treffer in der Partie Aue gegen Sandhausen interessiere, noch ein Zugunglück in Kolumbien, dafür aber, dass Rentner in München mit dem Geld nicht hinkommen. Er mache schon viel im sozialen Bereich, wolle das aber jetzt noch intensivieren. Er spricht über "großzügige Spenden", über die er nicht spreche. Eine lautstarke Aussage gegen Rechts gibt es auch noch, dazu der Appell, dass beim FC Bayern immer der Mensch im Mittelpunkt stehen müsse. Der Weltmann mit dem Blick über den Tellerrand trifft den Vereinsmeier, der den Klub und seine Angestellten begluckt und gegen die schädlichen Einflüsse von außen abschirmt.

Die Halle changiert zwischen andächtigem Schweigen und lautstarker Begeisterung. Es ist alles gut, Hoeneß kann in sich ruhen. Es ist sein Abend, den will ihm keiner nehmen. Nach seinem "Ich sage: Das war's. Ich habe fertig. Danke." spendet die Halle minutenlang Applaus. Hoeneß ist gerührt, später wird er recht unbürokratisch noch zum Ehrenpräsidenten gejubelt. Sogar der Tagesordnungspunkt 9 – Verschiedenes – , der 2018 für so viel Ärger gesorgt, verläuft später maximal unspektakulär. Es gibt sachlich und pointiert vorgebrachte Kritik am Katar-Engagement des Rekordmeisters, mehrere Mitglieder arbeiten sich an der Rolle des künftigen Sportvorstandes Hasan Salihamidzic kritisch ab, andere springen ihm bei.

Nicht alle Redner sind strukturiert in ihren Ausführungen, bisweilen nervt es zu vorgerückter Stunde und es geht auch nicht streng konstruktiv zu. Vulgär ist niemand. Es geht um die Sitzfarbe im Stadion in Fröttmaning, zwei Mitglieder kritisieren Karl-Heinz Rummenigge für seinen Ton gegenüber nun ehemaligen leitenden Angestellten. Eine Dame lobt das neue Trikot. Dann ist Schluss. Und dann geht es los.

Denn auf der Pressekonferenz nach der Veranstaltung, auf der er sich "so sauwohl gefühlt" habe, macht sich Hoeneß, der wenige Stunden vorher eine große, eine schöne, eine ausgewogene Rede mit Witz und Vision gehalten hatte, wieder klein. Der visionäre Macher, als den ihn seine hochdekorierten Erzfeinde immer wenigstens respektiert und seine vielen Bewunderer geliebt hatten, wurde zum Grantler ohne Grandezza.

"Unterlassung", "Krakeeler" - die Größe ist weg

Auf die unschuldige und berechtigte Nachfrage eines Kollegen, warum Hasan Salihamidzics Beförderung vom Sportdirektor zum Sportvorstand erst im Juli und nicht sofort vollzogen werde, gab sich Hoeneß ebenfalls misstrauisch. "Hasans Vertrag läuft zum 30.6. aus, dann wird aus dem Sportdirektor-Vertrag ein Sportvorstand-Vertrag, das ist doch ganz normal. Das ist doch keine despektierliche Entscheidung." So weit, so gut. Aber der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende war noch nicht fertig: "Es wurde rund um unsere Aufsichtsratssitzung letzte Woche wieder mal so getan, als ob der eine oder andere etwas wüsste. Aber der alte Spruch 'Ich weiß, dass ich nichts weiß' gilt auch hier. Aus unserem Aufsichtsrat kommt nichts raus. Wenn jemand etwas anderes behauptet, bekommt er die Unterlassungsklage."

Und zu den kritischen Mitgliedern hat Hoeneß eine ganz klare Meinung, unversöhnlich: "Chaos" sei bei den Wortmeldungen wieder ausgebrochen, man müsse sich "Da mal was überlegen" bricht es aus Hoeneß unprovoziert heraus. "Von ein paar Krakeelern lässt man sich hier die Sache beschädigen", er sei "kurz davor gewesen, auf die Bühne zu gehen", polterte der frisch gewählte Ehrenpräsident im Anschluss an seinen Triumphzug. "Wenn es den Leuten partout nicht gefällt bei uns, dann gibt es immer die Möglichkeit, zuhause zu bleiben. Es ist doch keiner gezwungen, Mitglied beim FC Bayern zu sein." 6000 Menschen hätten "ein schönes Fest" feiern wollen, kritische Stimmen nerven da nur in der Wahrnehmung von Hoeneß. "Die Gegner sitzen draußen. Die dürfen nicht zuhause sein", hatte der Mann des Abends bei seiner Rede gesagt. "Ihr müsst ein starkes Team bilden, ihr müsst stark sein, ihr müsst euch untereinander unterstützen", hatte er dem künftigen Vorstand zugerufen.

Hoeneß selbst hat das viele, viele Jahre gelebt, die Reihen geschlossen und mit gezielten Attacken die Gegner draußen gepiesackt. An seinem letzten großen Tag in der ersten Reihe ist ihm genau das noch einmal gelungen. Der Mann, der zu den Mitgliedern sprach, war der alte Hoeneß, der die Bundesliga prägte und Freund und Feind in Bewunderung für seine sportliche Lebensleistung einte. Der Hoeneß, der später vor die Presse trat, war ein anderer. Einer, dessen Zorn niemandem mehr nutzt, vor allem nicht dem geliebten Verein. Niemand hätte ihn an diesem Abend vermisst, wenn man ihn nicht zu Gesicht bekommen hätte.

Quelle: n-tv.de


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