Wukalina Walk auf Tasmanien

  13 Dezember 2019    Gelesen: 2037
Wukalina Walk auf Tasmanien

Statt weiter auf Versöhnung zu warten, wollen die Aborigines auf Tasmanien den Weißen ihre Welt zeigen. Auf dem Wukalina Walk entlang grandioser Strände lernen die Wanderer viel über die Kultur der Palawa.

Der Moment wäre perfekt, um die großen Geschichten der Ahnen zu erzählen. Rocky Sainty steht auf dem Gipfel des Wukalina, überblickt Wälder, Weiden, weißsandige Buchten und das türkisfarbene Meer. Der 61-Jährige atmet schwer, er kommt nicht mehr oft auf diesen Hügel, den die Europäer großspurig Mount William nannten.

"Aus den Blüten der Banksien machen wir ein süßes Getränk", erzählt er. Und die Zapfen der Kasuarinen könne man kochen und in Zucker rollen. Alles interessant. Aber nun, auf dem Granitgipfel, will Sainty der Schöpfungsmythos seiner Vorfahren partout nicht mehr einfallen. "Sorry", nuschelt er. "Gebe ich dir nachher ausgedruckt."

Kennt man die Geschichte seines Volks, verwundert diese Gedächtnislücke nicht. In der Schule lernte Sainty, dass es auf Tasmanien keine Aborigines mehr gebe. Truganini, die 1876 starb, sei die letzte Ureinwohnerin der Insel gewesen.

Dabei sind die Palawa nicht tot. Ihre Gene leben in vielen Tasmaniern weiter. Allein schon, weil die Europäer von Beginn an Frauen entführten. Und seit der kulturellen Renaissance, die 1995 mit dem Aboriginal Land Act begann, sind viele Palawa wieder stolz auf ihre Herkunft. Zu fragen, ob sie halbe Aborigines sind, empfinden sie als Beleidigung. Sie sagen: "Wenn du Milch in den Kaffee rührst, ist es immer noch Kaffee."

Seit 2018 können Reisende diese uralte Kultur nun kennenlernen, und das nicht in einem sterilen Museum, sondern draußen, wo die Ahnen lebten. Vier Tage wandert man entlang der Küste, schläft in einer Lodge im Busch, die von der Architektur traditioneller Hütten inspiriert ist - und lernt von Guides die Fertigkeiten der Palawa: das Fischen mit Rindenkanus, die Wallaby-Jagd mit Speeren.

Erster Aborigines-Reiseveranstalter Tasmaniens

"Dieses Projekt ist sehr wichtig", sagt Clyde Mansell. "Ich wollte immer eine Gelegenheit für unser Volk schaffen, auf eigenem Land das Wissen weiterzugeben." Zehn Jahre kämpfte der Vorsitzende des Aboriginal Land Council of Tasmania für sein Leuchtturmprojekt.

"Es war ein Auf und Ab", sagt der 69-Jährige. "Erst mit der jetzigen liberalen Regierung bekam die Idee neuen Schwung." Der Staat übernahm einen Teil der Gesamtkosten von 2,3 Millionen australischen Dollar, einen anderen der Commonwealth. Dazu kamen Spenden. Der erste tasmanische Reiseveranstalter im Besitz von Aborigines war geboren.

Wenn er in ein paar Jahren Geld verdiene, sagt Mansell, soll es in die Gemeinde fließen. Im Gegensatz zu anderen Aborigines auf dem Festland hätten die Palawa kein Land zurückerhalten und keine Einnahmen aus Minen oder Nationalparks.

Dass der Plan aufgehen könnte, ahnt man schon am ersten Abend. Denn Mansell hat den Ort für sein Basislager klug gewählt. Von der Mündung eines Flusses stapft man in eine Bucht. Der Sand ist fein und weiß wie Schnee, dazu rund geschliffene Felsen gesprenkelt mit orangefarbenen Flechten. Jadegrüne Wellen brechen sich draußen an einem Riff. Die untergehende Sonne strahlt gegen dunkle Wolkenfronten an.

Die sechs Gäste sitzen in Campingstühlen auf einer Holzterrasse am Lagerfeuer. Statt aber einen Sundowner zu schlürfen, schnitzen sie Klanghölzer, flechten Körbe aus Riedgräsern und basteln Trinkbeutel. Alles nicht so einfach, das merken sie schnell. Aber Carleeta Thomas ist eine geduldige Lehrerin - und ein Glücksfall für das Projekt.

Wie fette Gans mit leichter Seenote

Die 19-Jährige weiß, wie man Krebse und Muscheln vom Meeresgrund hoch holt und Wallabys häutet. Wenn die Sturmtaucher zum Nisten einfliegen, kommt sie mit ihrer Familie auf Big Dog Island zusammen, um die Vögel mit bloßen Händen aus ihren Höhlen zu fangen, zu rupfen und zu kochen. So wie es einst alle Palawa taten, wochenlang, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht.

"In der Sturmtaucher-Saison war früher die Schule geschlossen", erzählt Rocky Sainty beim Abendessen. "Hingegangen wäre sowieso keiner." Guides und Gäste sitzen an einer langen Tafel in der Küche, reichen sich Lamm und Wallaby aus dem Ofen, dazu Kürbis, Brot und Bohnen. Das Wallaby ist zart und schmeckt überraschend wenig nach Wild, der Seetaucher nach fetter Gans mit leichter Seenote. Ungewohnt, aber gut - vor allem mit tasmanischem Pinot Noir.

Entspannt strecken die Gäste sich später in den schicken Hüttchen für je zwei Personen aus, die im Busch verstreut sind. Vorbild waren die Rundhütten der Palawa an der Ostküste: ein Rahmen aus Zweigen, über denen Rinde ausgebreitet wurde.

Der Name des Camps, Krakana Lumi, bedeutet in der Sprache Palawa Kani, die sich aus den alten Sprachen Tasmaniens zusammensetzt, Ort der Ruhe. Nur die Wellen weit draußen sind zu hören, durch einen Schlitz unter dem Vorhang kommt kühle Luft herein.

Fühlt sich an wie im Zelt - nur deutlich komfortabler. Das ist wichtig für den Wukalina Walk. Schließlich bezahlen die Gäste, bisher überwiegend Australier, viel Geld für den Kurzurlaub, umgerechnet etwa 1500 Euro. Und das offenbar gerne. In der vergangenen Saison gab es nur vier Termine, nun schon 23.

"Diesen Erfolg hätten wir nie erwartet", sagt Gill Parssey, 55. Die Managerin des Projekts möchte die Sichtweise auf die Ureinwohner Tasmaniens ändern. Und eine Geschichte vom Überleben erzählen. "Ich habe gesehen, wie Gäste durch diese Wanderung verändert wurden, wie sie weinten", sagt sie. "Wir können weitere 50 Jahre auf Versöhnung warten. Oder wir bringen die Weißen hier zu uns raus."

Strandwanderung zum Eddystone Point

Wie wichtig das immer noch ist, erfährt man am nächsten Morgen. Rocky Sainty führt zu einer Senke in den Dünen. "Hier kochten unsere Leute Krebse und Muscheln", erklärt er. "Das war unser Wohn- und Esszimmer. Hier wurde gelacht, gegähnt, gestritten. Wie in jeder Familie." Oben in den Dünen saßen die älteren Frauen und sahen zu, wie die jüngeren - eingerieben mit Robbenöl gegen die Kälte - nach Essbarem tauchten. Die Männer gingen jagen. Abends trafen sich alle am Lagerfeuer.

Midden heißen diese Muschelhügel, den Aborigines sind sie heilig. Und seit 1975 sind sie auch per Gesetz geschützt. Dennoch brettern weiße Australier weiter mit Geländewagen über sie hinweg, wie Sainty erzählt. Und an der Westküste Tasmaniens hätten Vandalen uralte Felsbilder zerkratzt und mit Hakenkreuzen beschmiert. Oder herausgemeißelt und verkauft.

Die Traditionen aber sind stärker. "Wenn Ferien sind, treffen wir uns bis heute an der Küste, kochen Muscheln und erzählen uns Geschichten", erzählt Sainty. Bucht um Bucht geht es weiter, auf einem auf 17 Kilometer ausgedehnten Strandspaziergang. Manchmal stoppen die Guides, zum Beispiel an den pink blühenden Karkalla-Pflanzen, und erklären, dass die Samen wie Kiwi schmecken und früher als Paste auf Wunden geschmiert wurden. Meist aber geht man schweigend dahin, betrachtet das bildschöne Land.

Larapuna nannten die Palawa die riesige Bucht, heute ist sie als Bay of Fires bekannt. Denn der britische Seefahrer Tobias Furneaux sah hier viele Feuer brennen, als er 1773 die Küste entlangsegelte. Auf einer Landspitze, Eddystone Point, bauten die Eroberer einen Leuchtturm für ihr eigenes Feuer - mitten auf einen der wichtigsten Midden. "Hier trafen sich die verschiedenen Stämme", erklärt Carleeta Thomas. "Das ist ein sehr besonderer Ort."

Daher gab die Regierung die Landspitze 2006 als 40-Jahres-Pacht an die Palawa zurück. Das Haus des Leuchtturmwärters wurde als Unterkunft für Wanderer renoviert, davor grast ein Wombat auf dem Rasen. "Das ist Fred", sagt Carleeta Thomas. "Er ist immer hier." Dann führt sie in das Haus, wo schon eine Käseplatte und Wein vor dem Kamin wartet. Und dann erzählt sie die großen Geschichten der Ahnen.

spiegel


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