Konzerne sollen Klimaschutz im Alleingang betreiben

  17 Januar 2020    Gelesen: 579
Konzerne sollen Klimaschutz im Alleingang betreiben

Ohne Zwang entscheiden sich Konzerne wie Siemens oft noch gegen Klimaschutz. Eine Studie des Weltwirtschaftsforums empfiehlt ihnen, freiwillig mehr zu tun. Das sei nicht teuer und sichere langfristig die "soziale Betriebserlaubnis".

Siemens will Technik für die Adani-Mine in Australien liefern, trotz heftiger Proteste von Kohlegegnern. Diese Entscheidung hat mal wieder gezeigt: Beim Klimaschutz klaffen Anspruch und Wirklichkeit in Konzernen schnell auseinander.

Darauf deutet auch eine Studie hin, die das Weltwirtschaftsforum am Freitag gemeinsam mit der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) veröffentlicht und die dem SPIEGEL vorab vorlag.

Demnach legen bislang weltweit gerade einmal knapp 7000 Unternehmen über das sogenannte Carbon Disclosure Project (CDP) Daten zu ihren Treibhausgasemissionen offen. Komplett veröffentlicht werden die Emissionen nur von einem Drittel der Konzerne, ein Viertel hat sich irgendeine Form von Reduktionsziel gesetzt und gerade einmal ein Achtel reduziert die Emission auch tatsächlich von Jahr zu Jahr.

Noch am besten schneidet die Finanzbranche ab. Hier hat sich immerhin ein Drittel der erfassten Unternehmen zu Reduktionen verpflichtet. Aus Sorge um ihre Investments drängen Finanzmanager auch zunehmend andere Unternehmen zu mehr Taten. So schrieb Blackrock-Chef Larry Fink gerade einen Brandbrief an Topmanager in aller Welt. "Oft sind es die Investoren, die Druck machen", bestätigt Jens Burchardt, Klimaexperte bei BCG und einer der Studienautoren.

Auch Siemens gehört in gewisser Weise zu den Vorreitern. Immerhin hat der Konzern seine Emissionen nach eigenen Angaben schon um rund ein Drittel gesenkt und will bis 2030 klimaneutral werden. Dennoch hält Unternehmenschef Joe Kaeser aber nun an dem Adani-Geschäft fest.

Rechtlich dürfte er damit auf der sicheren Seite sein, schließlich sind die Lieferverträge längst geschlossen. Und auch wenn Deutschland gerade den Kohleausstieg besiegelt hat: Bislang hindert kein Gesetz der Welt deutsche Unternehmen daran, sich im Ausland weiter an der Förderung des Rohstoffs zu beteiligen. Die Studie aber rät von solchen formaljuristischen Überlegungen ab. Ihre Botschaft an Unternehmen in Sachen CO2-Reduktion lautet: Einfach machen!
Denn die bisherigen politischen Verpflichtungen reichen bei Weitem nicht aus, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen – zu diesem deprimierenden Fazit kam im Dezember bereits ein erster Teil der Studie. "Weil der Fortschritt in internationalen Verhandlungen enttäuschend ist, müssen Unternehmen und Regierungen sich unilateral bewegen", heißt es. Unternehmer aller Branchen sollten ihre "individuellen Schritte beschleunigen".

Für die Studie wurden allerdings auch 24 Vorstandschefs in persönlichen Gesprächen befragt. Ihren Berichten zufolge übertrifft bislang "der Druck, kurzfristige Ergebnisse zu liefern, bei Weitem die Rufe nach langfristiger Dekarbonisierung". Warum sollten sich Unternehmenslenker diesem Druck wiedersetzen?

Protestbewegungen werden "fortbestehen und sich vermehren"
Zum Beispiel weil sie es wollen. Die bisherigen Selbstverpflichtungen von Unternehmen würden "häufig vorangetrieben von den persönlichen Überzeugungen eines Vorstandschefs und dem Wunsch nach einem unternehmerischen Vermächtnis", heißt es in dem Report.

Freiwilliger Klimaschutz empfiehlt sich demnach für Unternehmen aber auch "in Erwartung einer Zukunft mit stringenterer Politik und größere gesellschaftlicher Mobilisierung" sowie zur "Sicherung ihrer sozialen Betriebserlaubnis". Soll heißen: Die Vorschriften könnten sich spätestens dann verschärfen, wenn der Druck von der Straße steigt. Bewegungen wie "Fridays for Future" oder Extinction Rebellion würden "wahrscheinlich fortbestehen und sich vermehren". Dass sich ihre Kritik nicht mit einfachen PR-Manövern aushebeln lässt, hat Siemens-Chef Kaeser gerade erfahren.

Doch der Klimawandel bedroht nicht nur alte Geschäftsmodelle, sondern eröffnet auch Chancen für neue. Der klimafreundliche Umbau der Wirtschaft ist ein Milliardenmarkt – auch deshalb mischen Unternehmensberatungen wie BCG oder McKinsey bei dem Thema mit. "Mir ist in unserer Arbeit bisher noch kein Unternehmen untergekommen, das Emissionen nicht entweder zum Nulltarif senken oder damit sogar Geld sparen konnte", wirbt BCG-Experte Burchardt.

Der Studie zufolge gibt es in vielen Branchen das Potenzial für solche Schritte. Die Methanemissionen von Öl- und Gaskonzernen ließen sich sogar um bis zu 71 Prozent reduzieren, wobei den Unternehmen durch gesteigerte Effizienz oft auch höhere Gewinne blieben. Die CO2-Emissionen der Luftfahrt ließen sich demnach um fast ein Drittel, die von Luftfahrt und Stahlproduktion um jeweils rund ein Fünftel reduzieren. Spätestens wenn Unternehmen unterm Strich gar keine Emissionen mehr produzieren wollen, brauchen sie dafür allerdings zusätzliches Geld. "Auf null zu kommen, ist für fast alle Unternehmen mit Mehrkosten verbunden", sagt Burchardt.

Beschleunigen könnten Regierungen den Umbau, indem sie hohe CO2-Steuern beschließen. Diese aber drohen gerade energieintensive Unternehmen wie Stahl- oder Chemiehersteller ins Ausland zu vertreiben. An den Gesamtemissionen würde sich dann nichts ändern.

Die Studienautoren räumen ein, dass die Gefahr einer solchen "Carbon Leakage" besteht. Solange es international keine einheitlichen Regeln gebe, könnten besonders betroffene Branchen deshalb vor klimaschädlicher Konkurrenz aus dem Ausland abgeschirmt werden - etwa durch Schutzzölle. Die Gefahr solcher Abwanderungen für die Wettbewerbsfähigkeit werde aber überbewertet. Denn global gesehen machen die besonders energieintensiven Branchen zwar rund ein Fünftel der Emissionen aus – aber nicht einmal vier Prozent der Wirtschaftsleistung.

spiegel


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