Entführt und erstochen

  20 Februar 2020    Gelesen: 702
  Entführt und erstochen

Nach einem Mord an einer jungen Frau hat eine Welle der Empörung Mexiko ergriffen. Nun reagiert auch Präsident López Obrador – mit einer verwunderlichen Erklärung für die zunehmende Gewalt an Frauen.

ie Ermordung von Ingrid Escamilla hätte unbemerkt in die mexikanischen Mordstatistiken eingehen können. Doch sie löste einen Aufschrei aus. Die 25 Jahre alte Frau wurde vor gut einer Woche im Norden von Mexiko-Stadt von ihrem Freund getötet. Im Streit erstach der Mann die junge Frau mit einem Messer und verstümmelte sie. Nach der Tat tauchten in der Boulevardpresse Bilder der Leiche auf, was viele Mexikaner verurteilten. Die Staatsanwaltschaft leitete zwar eine interne Untersuchung ein, um aufzuklären, wie die Bilder an die Presse gelangten. Doch die Welle der Empörung war nicht mehr zu stoppen. Die Rufe gegen Gewalt an Frauen wurden immer lauter, zuerst in den sozialen Netzwerken, dann auch auf der Straße. Jüngst gingen in Mexiko-Stadt und anderen Städten des Landes Tausende auf die Straße. Vor dem Präsidentenpalast stellten feministische Gruppen Transparente mit ihren Botschaften auf.

Präsident Andrés Manuel López Obrador reagierte mit einiger Verspätung auf die Proteste. Erst am Montag sprach er in seiner allmorgendlichen Pressekonferenz über den Fall Escamilla und schrieb das Problem dem Neoliberalismus zu, was ihm die Kritik der Familie der Ermordeten einbrachte. Er arbeite daran, diese Fälle zu vermeiden, sagte López Obrador vor Reportern. Die Situation in Mexiko erkläre sich durch die „fortschreitende Verschlechterung, die mit dem neoliberalen Modell zu tun hat“. Noch am selben Tag gab die Staatsanwaltschaft den Fund der Leiche eines siebenjährigen Mädchens bekannt, das am Samstag zuvor entführt und getötet worden war. Ihr Tod befeuerte die Debatte weiter.

Das Justizsystem vernachlässigt Missbrauch von Frauen

Die Welle der Entrüstung nach dem Mord an Escamilla kam für viele Mexikaner überraschend, wurde doch der Gewalt an Frauen nie ein besonderes Augenmerk geschenkt. Doch die geschlechterspezifische Gewalt in Mexiko hat zugenommen. Nach offiziellen Angaben sind die Morde an Frauen in den vergangenen fünf Jahren um 137 Prozent gestiegen. Nichtregierungsorganisationen vermuten sogar noch höhere Zahlen, da die Verbrechen nicht immer explizit als Morde an Frauen gemeldet oder kategorisiert werden. Von den rund viertausend gemeldeten Morden an Frauen im Jahr 2019 wurden nach Angaben des Nationalen Systems für öffentliche Sicherheit nur 976 als sogenannte Femizide eingestuft.

Der Protest richtet sich laut Vertreterinnen von Frauenorganisationen auch gegen das mexikanische Justizsystem, in dem Missbrauch und Verbrechen gegen Frauen vernachlässigt werden. Das hat in Mexiko – wie in anderen Ländern Lateinamerikas – auch kulturelle Gründe. In der ausgeprägten Männergesellschaft ist das Thema Femizid umstritten. Das zeigte sich auch bei den Reaktionen auf den Fall Escamilla in den sozialen Netzwerken. Neben der Verurteilung von Gewalt an Frauen sowie des medialen Umgangs mit dem Thema gab es auch unzählige Beiträge, die die Proteste in Frage stellten und im Ton aggressiv gegenüber Frauen waren.

Zaghafte Reaktion der Regierung

Der Zeitpunkt der Demonstrationen kommt nicht ganz zufällig. Der mexikanische Generalstaatsanwalt Alejandro Gertz hatte vor kurzem die Absicht geäußert, die Klassifikation des Femizids – also wenn eine Frau spezifisch wegen ihres Geschlechts, zum Beispiel durch ihren Partner, getötet wird – aus dem Strafgesetzbuch zu streichen und diese als „normale“ Morde einzustufen. Das würde nach offizieller Argumentation die Aufklärung der Morde beschleunigen. Die Staatsanwaltschaft hat damit jedoch feministische Organisationen auf den Plan gerufen: Sie sind der Ansicht, dass die Klassifizierung notwendig ist, um Frauenmorde sichtbar zu machen und das Problem gezielt zu bekämpfen. Andere Länder Lateinamerikas, in denen die Rate von Frauenmorden ebenfalls hoch ist, haben die Gesetzgebung diesbezüglich in den vergangenen Jahren verschärft.

Während die Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt und Parteikollegin von Präsident López Obrador, Claudia Sheinbaum, den Mord an Ingrid Escamilla und Frauenmorde allgemein als ein „absolut verwerfliches“ Verbrechen verurteilte, wird die Reaktion der Regierung als zaghaft und unglücklich gewertet. Auf die Pläne der Staatsanwaltschaft angesprochen, die Klassifizierung des Frauenmordes zu streichen, sagte López Obrador, dass das Thema von regierungskritischen Medien „manipuliert“ werde. Jeder Umstand werde genutzt, um eine Diffamierungskampagne loszutreten.

faz.net


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