"Mobilfunk hat ein Wertschätzungsproblem"

  24 September 2020    Gelesen: 415
"Mobilfunk hat ein Wertschätzungsproblem"

Die Priorität lag für deutsche Kunden und Politiker beim Mobilfunk lange beim Preis, weswegen der Netzausbau dauerte, sagt Telefónica-Deutschland-Chef Haas. Das habe sich aber geändert. Auch deswegen werde das 5G-Netz viel schneller ausgebaut als seine Vorgänger.

Mit Telefónica startet der dritte und an der Zahl der Kunden gemessen größte Netzbetreiber in Deutschland die fünfte Generation des Mobilfunks. Die oberste Priorität lag für deutsche Kunden und Politiker lange vor allem beim Preis, weswegen der Ausbau bei den Handynetzen lange dauerte, sagt Telefónica-Deutschland-Chef Markus Haas im ntv.de-Interview. Das habe sich aber grundlegend geändert. Auch deswegen werde das 5G-Netz viel schneller flächendeckend ausgebaut als seine Vorgänger.

ntv.de: Telefónica Deutschland/O2 schaltet kommende Woche, am Tag der Deutschen Einheit, in ersten Städten Sendemasten für den neuen Mobilfunkstandard 5G an. Warum erst jetzt? Die Konkurrenz ist schon weiter.

Markus Haas: Weil jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist. Die großen Hersteller bringen Smartphones auf den Markt, die diesen Mobilfunk-Turbo unterstützen. Damit wird die neue Technik jetzt für unsere Kunden relevant.

Zum Start ist der 5G-Empfang bei Ihnen auf 150 Stationen in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Köln beschränkt. Die Geschwindigkeit ist mit 300 Mbit pro Sekunde noch weit entfernt von den Möglichkeiten des neuen Standards. Ist das nicht erstmal rein symbolisch aus Sicht der Nutzer?

Nein. Mit 5G bricht wirklich ein neues Mobilfunkzeitalter an. Wir werden den Ausbau schnell vorantreiben und in den Städten schon bald eine Geschwindigkeit bieten, die etwa 100 Mal über der des 4G-Standards liegt. Damit wird sich die Nutzung des Mobilfunks grundlegend verändern. Innerhalb von Sekunden werden wir künftig ganze Serienstaffeln in hoher Qualität herunterladen können. Wir werden uns daran gewöhnen, jederzeit Videos in höchster Auflösung auf unseren Smartphones zu sehen. Außerdem wird der Mobilfunk mit 5G immer häufiger als DSL-Ersatz dienen. Durch all das wird das Datenvolumen weiter signifikant steigen. Das 5G-Netz bietet ausreichende Kapazität dafür.

Als DSL-Ersatz müsste 5G aber nicht nur in die Stadtzentren, sondern in die Fläche. Schnelles mobiles Internet für das Homeoffice wird ja - das hat die Corona-Krise besonders eindringlich gezeigt - gerade in ländlichen Gebieten mit schlechter Kabel-Anbindung benötigt.

Auch 4G und LTE bieten für viele Zwecke schon einen guten Ersatz für DSL. Den Ausbau dieser Standards beschleunigen wir noch einmal. Unser 4G-Netz versorgt bereits rund 94 Prozent der deutschen Haushalte. Ende des Jahres werden es 98 Prozent sein.

4G ist vor 10 Jahren in Deutschland gestartet und erst jetzt, während die nächste Generation schon da ist, schließen Sie den Netzausbau ab. Nicht nur Ihr O2-Netz hinkt da hinterher, sondern Deutschland insgesamt im Vergleich zu anderen Ländern. Werden wir jemals aufholen?

Das entscheiden in der ersten Linie die Kunden. Und die haben die neue Technologie gar nicht so schnell nachgefragt. Es gibt bei uns im Kundenstamm immer noch rund vier Millionen Geräte und Sim-Karten, die noch nicht einmal 4G-fähig sind - also nur 2G oder 3G nutzen. Für viele Kunden ist das auch eine Preisfrage. Die Innovationszyklen der Hersteller und die Austauschgeschwindigkeit bei den Verbrauchern haben sich verlangsamt. Ein hochwertiges Smartphone kann man heute fünf Jahre lang sehr gut nutzen und braucht keineswegs alle zwei Jahre ein neues Modell. Rein ökologisch gesehen, auch unter dem Aspekt der Ressourcenschonung, ist das eine gute Entwicklung.

Über das löchrige und langsame Handynetz zu klagen, gehört in Deutschland quasi zum guten Ton. Andererseits liegt unsere Priorität, sowohl als Kunden privat als auch politisch, wenn es um die Frequenzvergaben per Auktion geht, offenbar beim Preis. Entspricht das Netz und die digitale Infrastruktur darüber hinaus in Deutschland schlicht dieser Priorität?

Absolut! Die Zahlungsbereitschaft für mobile Kommunikation liegt bei den Deutschen bei etwa 50 Cent pro Tag. Dagegen sind viele bereit, für einen Cappuccino drei Euro zu bezahlen. Das zeigt, dass wir ein Wertschätzungsproblem haben angesichts der enormen Bedeutung der Mobilkommunikation für unser Leben. Allerdings glaube ich, dass sich das Bewusstsein dafür jetzt mit der Corona-Krise gewandelt hat. Corona hat uns die Bedeutung der gesamten digitalen Infrastruktur deutlich gemacht - privat wie politisch. So hat sich die Große Koalition bei ihrem Konjunkturpaket gegen eine Auto-Abwrackprämie entschieden. Stattdessen gibt es aber insgesamt fünf Milliarden Euro für digitale Technologien, inklusive eines erst maligen Mobilfunk-Förderprogramms. Das ist ein grundlegender Wandel in Deutschland.

Wird der Ausbau des 5G-Netzes schneller gehen als die gut zehn Jahre, die es bei 4G gebraucht hat?

Ja, viel schneller! Einmal können wir die Stationen, die wir für 4G gebaut haben, auch für 5G nutzen. Wir müssen also nicht die gesamte Infrastruktur doppelt ausbauen. Vor allem aber sind die Voraussetzungen ganz anders als vor 10 oder 20 Jahren. Einschließlich der Grünen, die dem Ausbau der Netze lange kritisch gegenüberstanden, gibt es einen Konsens über alle Parteien und Bundesländer hinweg bei der Notwendigkeit flächendeckender Mobilfunkversorgung und auch die Bereitschaft, zu investieren. Deutschland war lange sehr zögerlich, gibt jetzt aber richtig Gas.

Politisch haben Sie große Unterstützung für den 5G-Netzausbau. Es gibt in der Bevölkerung - gerade in der Corona-Krise - auch Ängste davor. In einigen Ländern wurden sogar Mobilfunkstationen zerstört. Macht Ihnen das Sorgen?

Diese Ängste gibt es. Sie beruhen aber auf Missverständnissen und diffusen, teils nicht nachvollziehbaren Argumenten. Dagegen hilft nur Aufklärung mit Fakten und die sind eindeutig: Ich kenne nicht eine einzige wissenschaftliche Studie, die Hinweise auf nachhaltige Gesundheitsschäden durch 5G enthält. Die gab es übrigens auch schon bei den Mobilfunkstandards 2G, 3G und 4G nicht. Es ist auch nur eine sehr kleine Minderheit, die die Verschwörungstheorien vorantreibt und etwa auf Corona-Demos instrumentalisiert. In der breiten Bevölkerung hat sich die Akzeptanz des Mobilfunks in den vergangenen zwei Jahrzehnten aber deutlich verbessert - auch über alle Parteigrenzen hinweg. Das ist positiv!

Eine andere Sorge gilt einem möglichen Einfallstor für Spionage durch die Anlagen des chinesischen Herstellers Huawei. In einigen Ländern darf dessen Technologie aus Sicherheitsgründen nicht verwendet werden. Warum setzen Sie in Ihrem 5G-Netz trotzdem weiter auf Huawei?

Wir brauchen Wettbewerb. Vor allem einen Wettbewerb um Innovationen. Die chinesischen Anbieter haben in diesem Sinne eine weltweite, wichtige Funktion. Wir haben allerdings entscheiden, den besonders sicherheitsrelevanten Teil - unser Kernnetz - mit dem europäischen Hersteller Ericsson zu bauen. Im Zugangsnetz wollen wir zu jeweils 50 Prozent mit Ericsson und Huawei zusammenarbeiten. Das steht natürlich unter dem Vorbehalt, dass die Technik der Anbieter die im neuen IT-Sicherheitsgesetz vorgeschriebene Sicherheitsprüfung durchläuft und besteht.

Mit Markus Haas sprach Max Borowski

Quelle: ntv.de


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