Irische Sprache erlebt kleine Wiedergeburt

  18 März 2021    Gelesen: 292
Irische Sprache erlebt kleine Wiedergeburt

Einst war sie die dominante und einzige Sprache Irlands. Auch heute noch wird Irisch in den Schulen gelehrt. Danach wird sie jedoch kaum noch im Alltag gesprochen. Doch nun zeichnet sich eine Trendwende ab.

Schon zum zweiten Mal fällt der St. Patrick's Day aufgrund von Corona flach. Statt Pints im Pub gibt es virtuelle Veranstaltungen. Der nationale Feiertag in Gedenken an den irischen Bischof Patrick, der als erster christlicher Missionar in Irland gilt, gehört genauso zur Identität der Inselbewohner wie die Amtssprache Gaeilge.

"Es war einmal die vorherrschende und einzige Sprache in Irland", sagt Rónán Ó Domhnaill. Er ist Vorsitzender von An Coimisinéir Teanga, einer Organisation zum Schutz und zur Förderung der Sprachrechte der irisch- und englischsprachigen Bevölkerung in Irland. Doch im 19. Jahrhundert erfolgte ein rascher Niedergang und die Sprache wurde durch das Englische ersetzt. Ein Faktor dabei war auch die große Hungersnot von 1845 bis 1849, wegen der etwa eine Million Iren starben und weitere ein bis zwei Millionen auswanderten - fast alle gehörten zur irischsprachigen Bevölkerung. Zur gleichen Zeit führte die britische Regierung neue Gesetze ein, die den Irisch- durch Englischunterricht ersetzte.

Die irischsprachige Bevölkerung wurde in den vergangenen 100 Jahren an die Westküste zurückgedrängt, heute sind dies die Regionen, in denen sich heute die sogenannten Gaeltacht-Gemeinden befinden. Vorrangig sitzen sie in den Grafschaften Donegal, Galway, Kerry, Cork und Meath. Als Gaeltacht werden Orte bezeichnet, in denen Gaeilge noch immer die vorherrschende Sprache ist. "Hier sprechen die Menschen im alltäglichen Leben, zum Beispiel beim Einkaufen, Irisch", sagt Ó Domhnaill.

Interesse junger Leute wächst

Ihm zufolge gab es nach dem Osteraufstand von 1916 ein Aufleben der irischen Sprache. Nach diesem Versuch militanter irischer Republikaner, die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien gewaltsam zu erzwingen, "wurde Irisch vom Staat und in der Verfassung anerkannt". Das führte dazu, dass die Verwendung der Sprache im Bildungsbereich zunahm.

Doch sobald man die Schule verlässt, ist es schwierig, die Sprache noch regelmäßig anzuwenden. Laut Irlands Nationalem Statistikamt konnten im Jahr 2016 circa 1.700.000, also knapp 49 Prozent der Bevölkerung, Irisch sprechen. Das war ein Rückgang um 13.000 Personen im Vergleich zu den Zahlen von 2011. Von den Menschen, die angaben, sie können Irisch sprechen, sagten 418.000, sie verwendeten es nie, 560.000 nutzen die Sprache nur in der Schule und 74.000 sprechen Gaeilge täglich.

Die Zahlen zeigen auch, dass Irisch nicht nur in ländlichen Gegenden gesprochen wird. Vor allem in der Hauptstadt Dublin nimmt die Zahl an Gaelgóir, also Menschen, die Gälisch sprechen, sogar zu. Deutlich ist laut Ó Domhnaill auch, dass viele junge Menschen Interesse an der Sprache haben, obwohl sie im Alltag nicht mehr gebraucht wird.

Zwar sind alle Straßenschilder, Bus- und Bahnansagen sowohl auf Englisch als auch auf Irisch, die dominante Sprache ist jedoch Englisch. Begriffe wie "Gardaí" für Polizei oder "Taoiseach" (ausgesprochen wie tieshok) für Premierminister werden im Alltag gemischt mit Englisch verwendet. Doch die kennt auch jeder, der sonst kein Irisch kann.

In der eigenen Kultur verankern

Andrew Debarra frischt zurzeit seine Irisch-Kenntnisse auf. Das hat vor allem kulturelle Gründe. "Ich denke, dass wir, besonders im Westen, viel zu homogen werden", sagt der Ire. "Eine Verbindung zur eigenen indigenen Kultur ist eine unschätzbare Sache und wenn man sie einmal hat, kann sie einem niemand mehr nehmen." Für ihn ist die eigene Kultur ein schöner Anker, ein Standpunkt, von dem aus er gerne andere Kulturen kennenlernt.

Auch mit Blick auf die Geschichte Irlands ist es für Debarra wichtig, die Sprache am Leben zu erhalten. "Die Mittel, mit denen wir auf der Insel Irland dazu kamen, Englisch zu sprechen, waren brutale Taktiken der Kolonialisierung." Die Bewahrung der Sprache und Kultur sei demnach ein Zeugnis des Widerstands gegen Tyrannei.

Debarra hat die keltische Sprache gelernt, weil er auf irischsprachige Grund- und weiterführende Schulen gegangen ist. Mit seinem Vater konnte er sich früher fließend so unterhalten. Doch seit seinem Schulabschluss hatte er wenig Gelegenheit, weiter zu praktizieren. "Mein Bruder, mein Vater und ich hatten im Wesentlichen vergessen, Irisch miteinander zu sprechen", sagt der 27-Jährige.

"Uns wurde einfach eines Abends bei einem Pint bewusst, dass wir uns auf Irisch unterhalten sollten." Das passierte dann im Laufe der Jahre immer wieder. Im vergangenen Sommer entschied sich der Ire, einen zehnwöchigen Wiederholungskurs zur irischen Grammatik zu machen. Mittlerweile lebt Debarra in Manchester und ruft seinen Vater ein paar mal pro Woche an, um sich auf Irisch zu unterhalten.

"Eine wunderschöne Sprache"

Ähnlich geht es Imogen Cotter. Die irische Profi-Radfahrerin lebt seit einigen Jahren in Belgien. Trotzdem besucht sie zurzeit Online-Irischkurse und hört irischsprachige Radiosender. "Ich war ein bisschen traurig, dass mein Irisch eingerostet ist", sagt die 27-Jährige. "Es schien eine Schande zu sein, sie verkommen zu lassen."

Auch Cotter hat die Sprache in ihrer Kindheit gelernt. Ihr Vater sprach nur Irisch mit ihr und ihren Schwestern, seit sie Babys waren. Im Alter von 11 Jahren besuchte Cotter eine irische Sekundarschule und begann die Sprache wirklich zu erlernen. Doch seit ihrem Abschluss benutzt auch sie Irisch nicht mehr sehr oft. Sie versteht jedoch noch alles und wenn sie in der Heimat ist, hört sie oft ihre Schwestern und ihren Vater Gaeilge sprechen.

Für Cotter macht es den Eindruck, es würde wieder "cooler" werden, Irisch zu sprechen. Für sie persönlich ist es vor allem der Stolz auf ihr Heimatland, die Kultur und Geschichte der Insel, der sie dazu bringt, ihre Kenntnisse aufzufrischen. "Es ist auch eine wunderschöne Sprache", sagt sie. "Es wäre so schrecklich, sie aussterben zu lassen, wo die Menschen doch so sehr dafür gekämpft haben, das Recht zu haben, sie zu sprechen."

Normale Sprache

Das Gefühl, dass die Sprache ausstirbt, hat Debarra in gewisser Weise auch. Auf der anderen Seite gebe es immer mehr Menschen, die Kunst und Dokumentarfilme in irischer Sprache schaffen. Nicht-irische Staatsangehörige und eingebürgerte irische Bürger lernen die Sprache von Grund auf neu. Und das, obwohl die gälische Sprache so gut wie keine Ähnlichkeiten zu Englisch hat und schwer zu lernen ist. "Zusammen mit den Gallenern und Einwohnern, die die Sprache seit Generationen ununterbrochen sprechen, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Sprache ausstirbt", sagt er. Für ihn und seine Freundin ist klar, dass ihre Kinder fließend Irisch sprechen werden.

Damit das funktioniert, muss es für die Inselbewohner einfacher sein, Gaeilge zu sprechen, sagt Ó Domhnaill. Das Augenmerk müsse dabei vor allem auf den Gealtacht-Gebieten liegen, denn im Gegensatz zu urbanen Gebieten gibt es hier immer weniger irischsprachige Menschen. Die Herausforderung sei, die Sprache und ihre Nutzer zu unterstützen, damit sie als gemeinschaftlicher Schatz überlebt. "Es sollte daran gearbeitet werden, sie wieder zu normalisieren", sagt Ó Domhnaill. Dann werde Irisch auf der Insel auch weiterhin neben Englisch bestehen und nicht nur zu nationalen Feiertagen wie dem St. Patrick's Day hervorgehoben.

ntv


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