Humanitäre Hilfe für Venezuela

  11 Februar 2019    Gelesen: 521
Humanitäre Hilfe für Venezuela

Hunderte Tonnen Hilfsgüter liegen in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta bereit. Doch Machthaber Maduro lässt die Brücke nach Venezuela blockieren und das Volk leiden - und setzt Herausforderer Guaidó so unter Druck.

 

Niemand weiß, wer das Gerücht in die Welt gesetzt hatte, es verbreitete sich blitzschnell in der ganzen Stadt. Clever Medina, 18, wollte es glauben, es war seine letzte Hoffnung: Morgen würden die Lastwagen mit Medizin und Lebensmitteln über die Grenze kommen, kolumbianische Soldaten würden sie eskortieren.

Es würde zu Gefechten kommen, die Bevölkerung sollte Lebensmittel und Benzin horten. Aber seine Pein würde endlich ein Ende haben, hoffte Medina.

Das war vor fünf Tagen, die Lastwagen mit den Hilfsgütern stehen immer noch in Kolumbien, auf der anderen Seite des Flusses. Medina hockt auf der venezolanischen Seite, wenige Meter vom Grenzübergang. Sein Atem rasselt, er leidet unter Asthma. "Ich brauche dringend diese fünf Medikamente", sagt er und zeigt dem Fremden einen zerknitterten Zettel mit einem ärztlichen Rezept. "Kannst du mir sagen, wann sie endlich die Hilfe ins Land bringen?"

Das ist die Frage, die ganz Venezuela umtreibt. In der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta haben private Hilfsorganisationen Hunderte Tonnen Lebensmittel und Medikamente eingelagert, die in den vergangenen Tagen vor allem aus den USAnach Kolumbien eingeflogen wurden. Lastwagen stehen bereit, in 20 Minuten könnten sie auf der anderen Seite der Grenze sein.

Doch das venezolanische Militär hat die Brücke über den Grenzfluss Rio Táchira mit zwei Containern und einem Sattelschlepper blockiert. Autokrat Nicolás Maduro will keine humanitäre Hilfe ins Land lassen, er glaubt, dass die Hilfssendungen ein Vorwand sind, um das Terrain für eine militärische Invasion der Amerikaner vorzubereiten.

Sein Widersacher Juan Guaidó, der sich vor zehn Tagen unter Berufung auf die Verfassung zum Interimspräsidenten ausgerufen hat und von mehr als 40 Ländern anerkannt wird, hat an die venezolanischen Streitkräfte appelliert, die Hilfssendungen ins Land zu lassen. Sollten die Generäle nachgeben und Maduro damit den Befehl verweigern, wäre das ein Sieg für Guaidó: Es würde signalisieren, dass Maduro die Kontrolle über das Militär verliert und sein Sturz bevorsteht.

"Guaidó muss zeigen, dass er die Hosen anhat"

Das Tauziehen um die humanitäre Hilfe ist die jüngste Episode im venezolanischen Drama. Maduro leugnet das Elend im Land, obwohl der Notstand nicht zu übersehen ist. Millionen Venezolaner leiden Hunger, die staatlichen Krankenhäuser verfallen, die Kindersterblichkeit ist nach oben geschnellt.

Experten warnen davor, den Streit um die humanitäre Hilfe zu politisieren, doch das ist blauäugig. Die Misere hat politische Ursachen, sie ist eine direkte Folge der Misswirtschaft und Korruption, für die das Maduro-Regime verantwortlich ist.

Es ist allerdings fraglich, ob es ein kluger Schachzug war, dass Guaidó das Thema als Waffe einsetzt, um Maduros Sturz zu provozieren. Wenn es ihm nicht bald gelingt, die Hilfe ins Land zu bringen, könnte die Euphorie über den jungen Politstar rasch verfliegen. "Guaidó muss jetzt zeigen, dass er die Hosen anhat", sagt Mercedes Ramírez, eine Oppositionspolitikerin in der Grenzprovinz Táchira.

Für den asthmakranken Medina ist es eine Schicksalsfrage. Seine Lunge müsste dringend geröntgt werden, doch in den Krankenhäusern seiner Heimatstadt Barquisimeto gibt es keinen funktionierenden Röntgenapparat. Seit drei Monaten schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs in der venezolanischen Grenzstadt San Antonio durch. Für weniger als einen Dollar am Tag wirbt er im Auftrag einer Busgesellschaft um Passagiere, die aus Kolumbien zurückkehren und ins Landesinnere weiterreisen wollen.

Koffer und Taschen voller Lebensmittel

Den ganzen Tag verbringt er an der Internationalen Brücke Simón Bolívar, dem wichtigsten Grenzübergang zwischen den beiden Nachbarländern. Millionen Venezolaner sind über sie in den vergangenen Jahren vor der Wirtschaftskrise ins Ausland geflüchtet.

Als vor fünf Jahren der Streit zwischen den Regierungen in Bogotá und Caracas eskalierte, ließ Maduro die Brücke für Autos sperren. Nun drängt sich jeden Tag ein Strom von Zehntausenden Fußgängern durch einen engen Korridor Richtung Kolumbien. Viele gehen zum Einkaufen nach Cúcuta, wo es all das gibt, was in Venezuela Mangelware ist. Sie kommen mit Koffern und Taschen voller Lebensmittel zurück, die sie im Landesinneren weiterverkaufen. Andere ziehen nach Peru, Ecuador oder Chile weiter, wo sie sich ein neues Leben aufbauen wollen.

Augusto Cañon, 34, hilft Alten und Gebrechlichen gegen eine kleine Gebühr bei der Grenzüberquerung. Umgerechnet zwei bis drei Dollar nimmt er am Tag ein. Früher arbeitete er als Mechaniker auf dem Internationalen Flughafen von Caracas, "aber die Inflation hat mein Gehalt aufgefressen, hier verdiene ich mehr".

Cañon und seiner Kollegen halten Rollstühle bereit, mit denen sie Alte und Gebrechliche über die Brücke schieben. Viele reisen zu Verwandten weiter, die sich ins Ausland abgesetzt haben, andere hoffen, dass sie in Kolumbien behandelt werden. "Venezuela braucht dringend humanitäre Hilfe", sagt er. "Viele Kranke sterben, weil sie nicht an Medikamente kommen. Das Militär sollte die Lastwagen reinlassen".

Doch bislang sind alle Appelle wirkungslos verpufft. Die Brücke in dem Grenzort Tienditas, über die die Lastwagen mit der humanitären Hilfe ins Land rollen sollen, liegt wenige Kilometer vom Grenzübergang in San Antonio entfernt. Neun grün uniformierte Soldaten bewachen die Zufahrt, vorbeifahrende Autos winken sie gelangweilt weiter. Ein Zivilist wechselt mitten im Sperrgebiet einen Reifen. In der Ferne glänzen die Container und der Tankanhänger in der Mittagssonne, die die Brücke blockieren.

Das mehrspurige Bauwerk wurde bereits vor Jahren fertiggestellt, aber wegen des politischen Konflikts zwischen den Nachbarländern nie eingeweiht. Jetzt steht es plötzlich im Brennpunkt einer internationalen Krise, die immer weitere Kreise zieht.

Maduros Gegner erwägen nun, die Brücke als Bühne für eine spektakuläre Protestaktion zu nutzen: Hundert Ärzte aus dem Grenzgebiet wollen zusammen mit ihren Patienten zur Brücke fahren, um dort gegen die katastrophalen Zustände im Gesundheitswesen zu protestieren.

"Die Welt blickt auf Venezuela, das müssen wir ausnutzen", sagt der Arzt Omar Vergel, der die Aktion organisiert. "Wir müssen den Druck auf das Regime verstärken, es gibt kein Zurück".

Quelle : spiegel.de


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