Das 980-Kilo-Auto

  04 Juni 2019    Gelesen: 284
  Das 980-Kilo-Auto

Der Opel Corsa hat eine strenge Diät hinter sich - und ist das leichteste Auto seiner Klasse. Dagegen wirkt der VW Polo dicklich. Mit der Radikalkur sendet Rüsselsheim auch ein Signal an die französische Mutter.

Es gibt sicher bessere Strecken für eine Testfahrt als diese einsamen Landstraßen in der Pfalz. Kurven ohne Ende, immer wieder Umleitungen, der Asphalt ist vom jahrelangen Wartungsmangel löchrig geworden.

Doch für den neuen Opel Corsa passt das irgendwie - auch sinnbildlich, angesichts des holprigen Weges, den der Hersteller zuletzt hinter sich gebracht hat. Vor allem aber fordern die miserablen Straßen die sechste Generation des Kleinwagens wirklich heraus. Auf ihnen kann er sich beweisen, bevor er im Herbst Publikumspremiere auf der IAA in Frankfurt feiert und in den Handel kommt.

Auf dem Corsa ruhen immense Erwartungen. Aktuell ist jeder vierte Opel ein Corsa und jetzt, wo Adam und Karl auslaufen, dürfte dieser Anteil noch wachsen. Seit 1982 haben die Rüsselsheimer in fünf Generationen knapp 14 Millionen Exemplare verkauft.

Nun wird sich am Corsa auch zeigen, wie gut Opel bei PSA aufgehoben ist. Als "Schicksalsauto" bezeichnet ihn Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. "Mit ihm läuft der Test, wie gut die Opel-Kunden PSA-Autos mit dem Blitz im Grill annehmen", sagt er.

Bislang sei dieses Konzept nicht sonderlich erfolgreich gewesen, das hätten die Geländewagen Crossland Xund Grandland X gezeigt, die schon vor der Übernahme als Kooperationsmodelle aufgelegt worden seien. "Opel verliert fortgesetzt Marktanteile", sagt Dudenhöffer. "Der Corsa auf Basis des Peugeot 208 wird die Frage beantworten, ob der Opel-Käufer wirklich bei Opel bleibt und nicht doch gleich zu Peugeot abwandert."

Die Männer um Projektleiter Thomas Wanke wollen nun zeigen, dass der neue Corsa Fahrspaß bietet, nachdem der Vorgänger eher zum Langweiler geraten war. Klappt das, würde sich Opel auch gegenüber der Mutter PSA profilieren. Nichts wäre für das Selbstbewusstsein der Opelaner schlimmer, als wenn sie auf französische Autos nur noch ein deutsches Logo pappen würden - oder die Kunden diesen Eindruck hätten.

Wanke und seine Leute lassen deshalb keine Gelegenheit aus, den Corsa als echten Opel zu verkaufen. Ein gewagtes Unterfangen - da die Plattform, die Achtgangautomatik und viele Bedienelemente im Innenraum von Peugeot oder Citroen stammen. Dasselbe gilt für die Motoren. Zum Start sind ein Dreizylinder-Benziner mit 1,2 Liter Hubraum und 75 bis 130 PS oder ein 100 PS starker Vierzylinder-Diesel mit 1,5-Liter Hubraum aus dem Regal der Franzosen verfügbar.

Doch Opels "Corsa-Gang", bestehend aus Projektleiter Wanke und dem Fahrdynamiker Michael Döring, betont das eigenständige Design des Corsa. Dazu zählen ein größerer Radstand, kürzere Überhänge und ein flacheres Dach. Innen geht es konservativer zu als im unkonventionellen Schwestermodell Peugeot 208.

Die Pfälzer Ruckelpisten offenbaren einen weiteren Unterschied. Auf ihnen wäre manchem Fahrer in einem weich abgestimmten Auto aus Frankreich längst der Spaß vergangen. Gondeln diese eher gemütlich durch die Gegend, gibt sich der Corsa typisch deutsch: präzise, akkurat und ein bisschen steif.

Die Abstimmung stramm, die Lenkung direkt, der Schwerpunkt drei Zentimeter tiefer - all das vergrößert die Fahrfreude. Auch die neue Plattform aus Paris hilft. Der längere Radstand lässt den Wagen stabiler stehen.

Und sie reduziert Gewicht. "Bis zu 108 Kilogramm haben wir gegenüber dem Vorgänger gespart", sagt Wanke. Beispiele: 40 Kilo bringt die neue Rohkarosse, 2,5 Kilo die Motorhaube aus Aluminium. Die ebenfalls aus Aluminium gefertigten Motoren sind 15 Kilo leichter, die Rückbank spart 5,5 Kilo und die Vordersitze vier Kilo.

So komme der Corsa im besten Fall auf nur noch 980 Kilo und werde damit zum leichtesten Auto seiner Klasse, sagt Wanke. Beim VW Polo geht es erst mit 1150 Kilo los. Der Corsa ist damit auch leichter als der parallel entwickelte Peugeot 208 und somit ein Punktsieg für Opel im Familienduell.

Die Diät macht den Corsa sportlicher - und sparsamer. Um wie viel, mag Wanke noch nicht beziffern. Er gibt aber einen Hinweis: "Selbst die stärkste Variante des neuen Corsa wird weniger CO2-ausstoßen als die sparsamste des Alten," sagt der Projektleiter. 5,4 Liter sind künftig also die Obergrenze, wie der Blick aufs Datenblatt des Auslaufmodells zeigt. Opel hat den Spritsparkurs bitter nötig, um ab 2020 seinen CO2-Flottengrenzwert von 95 g/km zu erreichen.

Stärker noch als die Leichtbauverbrenner wird der rein elektrische Corsa dabei helfen, der zum Jahreswechsel in den Handel kommt. Wie alle Akkuautos wird er in der CO2-Bilanz mit einem Ausstoß von Null Gramm pro Kilometer angerechnet.

Der Corsa e ist das erste echte Elektroauto von Opel. Zwar zählen sich die Hessen angesichts der Modelle Ampera und Ampera E zu den Pionieren der Elektrifizierung. Doch diese Autos waren US-Importe des Ex-Mutterkonzerns General Motors und schlecht verfügbar.

Auch der elektrische Corsa ist allerdings wieder nicht mit eigener Technik ausgestattet, sondern mit solcher aus dem Hause PSA. Diese verschafft dem Wagen 100 kW Motorleistung, 50 kWh Batteriekapazität auf eine Reichweite von 330 Kilometern (gemäß dem Testzyklus WLTP).

spiegel


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