Erich Honecker: International geachteter Politiker und Geächteter im eigenen Land

  23 Juni 2019    Gelesen: 475
  Erich Honecker: International geachteter Politiker und Geächteter im eigenen Land

Verantwortlich für den Untergang der DDR – so sehen viele den einstigen DDR-Partei und -Staatschef Erich Honecker. An seinen Tod vor rund 25 Jahren haben nur wenige deutsche Medien erinnert. Zwei von ihnen haben versucht, ein differenziertes Bild von Honecker zu zeigen. Dabei hat auch dessen Konflikt mit Michail Gorbatschow einer Rolle gespielt.

Erich Honecker gilt vielen als Hauptverantwortlicher für die Entwicklung der DDR hin zu ihrem Untergang im Herbst 1989. Er habe nicht zugelassen, dass sich etwas verändert und notwendige Reformen eingeleitet werden, heißt es. Dass damals immer mehr DDR-Bürger vor den wachsenden Problemen und der Ignoranz von Partei und Staat wegliefen, versuchte er zu ignorieren – bis er im Alter von 77 Jahren am 18. Oktober von seinen eigenen Genossen im Zentralkomitee zum längst fälligen Rücktritt überredet wurde.

Vor etwa 25 Jahren, am 29. Mai 1994, starb Honecker im chilenischen Exil. Er prägte als Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei (SED) viele Jahre die DDR. 1971 hatte er die Parteiführung und später auch die Staatsführung von seinem Vorgänger Walter Ulbricht übernommen. Zuvor war er unter anderem am 13. August 1961 im SED-Politbüro zuständig für den Bau der Grenzanlagen zwischen Ost- und Westberlin, dem Bau der Mauer, sowie dem Ausbau der Grenze zur BRD.

In den 1980er Jahren Jahren verweigerte er der KPdSU-Spitze in Moskau die bisherige bedingungslose Treue und Gefolgschaft. Als er ausgerechnet den Kurs von „Perestroika“und „Glasnost“ des 1985 ins Amt gehobenen KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow nicht übernehmen wollte, registrierten das viele im eigenen Land mit Unverständnis. Bis heute wird Honecker das vorgeworfen und mit zu den Ursachen für den Untergang der DDR gezählt.

Zu spät gekommen?

Doch warum zwischen den beiden Parteiführern ein Konflikt bestand, das wird nur selten hinterfragt. Gern wird Gorbatschows angebliche Warnung an das SED-Politbüro bei seinem Besuch in der DDR am 6. und 7. Oktober 1989, „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, zitiert. Diese Wiedergabe stammt allerdings nur vom Dolmetscher Helmut Ettinger, die genauen Worte Gorbatschows sind nicht nachvollziehbar.

In den 1993 von Daniel Küchenmeister veröffentlichten Protokollen von Vieraugen-Gesprächen zwischen Honecker und Gorbatschow ist auch das der Begegnung beider am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin zu finden. Darin sind zwei Aussagen des KPdSU-Chefs zu finden, die dem berühmten Zitat nahekommen. Einmal soll er Honecker gesagt haben: „Aus eigener Erfahrung wisse er, dass man nicht zu spät kommen dürfe.“ An anderer Stelle sagte er der nicht wörtlichen Wiedergabe zufolge: „Verspätungen bedeuten Niederlagen“, die antisozialistische Kräfte ausnutzen könnten.

In dem Protokoll des Treffens aus Anlass des 40. Gründungsjubiläums ist viel Lob für die Politik der SED zu finden. Angeblich soll sich Gorbatschow bei seinem Besuch in der DDR aber distanziert gezeigt haben. Auch den Festakt im „Palast der Republik“ soll er frühzeitig mit seiner Frau Raissa wieder verlassen haben, nachdem er am Vorabend beim Fackelzug der FDJ Unter den Linden mit „Gorbi“-Rufen begrüßt wurde.

Frühe Dissonanzen?

Was hinter dem Konflikt zwischen den beiden Parteiführern tatsächlich stand und wie es dazu kam, das hat Frank Schumann kürzlich in der Zeitschrift „Ossietzky“ beschrieben. In deren Ausgabe 10/2019 vom 18. Mai erinnerte er an den Todestag von Honecker. Der Konflikt zwischen Moskau und Ost-Berlin in den 1980er Jahren habe früh begonnen: „Moskau billigte ganz und gar nicht Honeckers Entspannungspolitik. Seine sogenannten Alleingänge wurden von Argwohn und von Maßnahmen begleitet, wozu nicht nur die wiederholte Verweigerung der Zustimmung für einen Besuch in der BRD oder für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Los Angeles gehörten.“

KPdSU-Generalsekretär Konstantin Tschernenko, von Februar 1984 bis zu seinem Tod im März 1985 im Amt, habe keinen Grund für eine „gesamtdeutsche Koalition der Vernunft“ gesehen. Er habe Honecker im Sommer ’84 nach Moskau bestellt, „um ihm die Leviten zu lesen“. Gorbatschow war danach als Tschernenkos Stellvertreter dabei und habe sogar das Gespräch geführt. Zuvor habe er in der „Prawda“ bereits gegen Honeckers Kurs einer deutsch-deutschen Abrüstung und Annäherung gewettert. In Moskau habe er dann dem SED-Chef erklärt: „Die Kontakte werden erweitert, Ihr Besuch wird vorbereitet, es werden Kredite gewährt. Das vereinbart sich nicht mit unseren Erklärungen.“ Der sowjetische Verteidigungsminister Dmitri Ustinow habe Honecker gar gesagt: „Es fehlt Ihnen an Härte in den Beziehungen mit der BRD.“

Schumann im Rückblick dazu: „In jener heftigen und unwürdigen Auseinandersetzung im Sommer ’84 wurzelte auch der Dissens zwischen Honecker und Gorbatschow. Moskaus kommender Mann misstraute Honecker, der angeblich hinter dem Rücken der KPdSU zu seinem Vorteil mit dem Westen kungelte, und Honecker misstraute Gorbatschow, dass die DDR unter die Räder sowjetischer Großmachtinteressen geraten könnte. Beide lagen nicht falsch.“

Doppelzüngiger Gorbatschow?

Am Rande des SED-Parteitages im April 1986 hätten beide wieder miteinander gesprochen. Gorbatschow habe seinen DDR-Genossen dabei gebeten, nicht wie geplant in die Bundesrepublik zu fahren. „Es ist jetzt nicht der Zeitpunkt, die Beziehungen zur Bundesrepublik zu verbessern“, habe er das begründet und erklärt, das sowjetische Volk würde das nicht verstehen. Worauf Honecker laut Schumann gesagt haben soll: „Und was sagen wir unserem Volk, das in tiefer Sorge um den Frieden ist und deshalb will, dass ich endlich fahre?“

Im September 1987 sei Honecker dann nach Bonn geflogen, empfangen von Bundeskanzler Helmut Kohl mit militärischen Ehren, aber ohne den „Segen“ Moskaus. Gorbatschow folgte erst im Juni 1989. Schumann meint in seiner Erinnerung an den SED-Chef, dass all das wohl auch dafür gesorgt hätte, dass die Moskauer Delegation nicht so üppig ausgefallen wäre, wäre Honecker vor 1989 gestorben und feierlich beigesetzt worden. Dagegen wären viele westlichen Politiker, vor allem aus der Bundesrepublik, angereist.

„Aber Honecker ‚überlebte‘. Und das war sein Malheur. Nicht die – durchaus verständliche und begründete – Distanz zu Gorbatschow erwies sich in der Folgezeit als Problem, sondern seine Unfähigkeit, ja sein Unwille, auf die Veränderungen in der Gesellschaft, auf dem Kontinent, in der Welt angemessen zu reagieren.“

Schumann erinnert in seinem Text auch an Honeckers aktive Friedenspolitik und internationale Anerkennung. Der SED-Generalsekretär habe sich angesichts des atomaren Wettrüstens zwischen Nato und Sowjetunion in den 1980er Jahren für eine blockübergreifende „Koalition der Vernunft“ engagiert. Er habe „unterschiedslos von ‚Teufelszeug‘ gesprochen, das verschwinden müsse“. Mit Kohl habe Honecker im März 1985 beim ersten Zusammentreffen in Moskau bekräftigt, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe, sondern nur Frieden.

Kandidat für Friedensnobelpreis?

Der Autor erinnert ebenso an Honeckers Reisen nach Österreich (1980), Japan (1981), Finnland (1984), Italien (1985), Griechenland (1985), Schweden (1986), Belgien (1987), in die Niederlande (1987) und nach Spanien (1988) als „Ausdruck ernsthafter Entspannungsanstrengungen der DDR“. Honecker habe versucht, „eine weitere Zuspitzung der Blockkonfrontation, der Spannungen und des Wettrüstens“ zu verhindern. Damit habe er weltweit Achtung und Anerkennung erworben und wäre gar „ein würdiger Kandidat für den Friedensnobelpreis gewesen“.

„Erich Honecker steht für eine ruhige, friedliche und besonnene Phase der deutschen Geschichte – und das in komplizierten Zeiten“, stellte der Journalist Matthias Krauß Ende Mai in der Tageszeitung „junge Welt“ fest. „Er hat nie einen Krieg begonnen und die abscheulichen Aggressionen des Westens angeprangert, statt sie zu unterstützen, wie es die westdeutschen Bundeskanzler alle taten.“

Krauß erinnerte auch daran, dass Honecker die DDR aus der diplomatischen Isolation geführt und die weltweite Anerkennung wie auch die UNO-Mitgliedschaft durchgesetzt hat. „Am Ende tauschte sie mit 138 Staaten Botschafter aus. Erneut war die Bundesrepublik mit ihrer Abstinenz allein geblieben und gezwungen, die DDR, wenn schon nicht de jure, so doch de facto, als einen souveränen Staat zu behandeln.“

Von Genossen verlassen?

Bonn habe „eine historische Sekunde lang“ den anderen deutschen Staat anerkannt, „sonst hätte es 1990 nicht den Zwei-Plus-Vier-Vertrag der beiden deutschen Staaten mit den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges geben können. Da hatte sich am Ende viel ohnmächtige Wut angesammelt.“ Letztere machte er mit dafür verantwortlich, dass Honecker zwei Jahre nach seinem Besuch in der Bundesrepublik „ein Gejagter und Verfemter im eigenen Land“ war.

„Aus seinem Rücktritt wurde schnell ein Sturz, dann ein Absturz. Obdachlos irrte er mit seiner Frau Margot über die Straßen Berlins, kam schließlich nicht bei alten Genossen, sondern bei einem Pfarrer unter. Er floh danach in eine sowjetische Garnison, später nach Moskau in die chilenische Botschaft.“

„Absichtlich falsche ärztliche Expertisen“ bildeten laut dem Autor die Grundlage für die Auslieferung des fast 80-jährigen. Honecker wurde in das Gefängnis in Berlin-Moabit eingesperrt, „in dem er als kommunistischer Widerstandskämpfer schon in der Hitlerzeit hatte einsitzen müssen“. Und: „Kein anderer Gefangener mit dem Krankheitsbild Honeckers hätte auch nur einen weiteren Tag im Gefängnis bleiben müssen – Honecker musste dort 170 Tage verbringen, bis der Todkranke schließlich nach Chile ausreisen durfte.“

Zu spät gestorben?

Vielleicht war der einstige SED-Chef „zu spät von uns gegangen“, meinte Schumann in „Ossietzky“. So musste Honecker erleben, dass all jene, die ihm ein paar Monate zuvor noch den roten Teppich ausgerollt hatten, sich an Verachtung und Verächtlichmachung überboten, so Krauß.

Er erinnerte in der „jW“ an Honeckers Sozialpolitik, durch die Millionen neue Wohnungen gebaut worden seien – „nach seinem Sturz wurden in Ostdeutschland Wohnungen abgerissen.“ Und: „In den knapp 20 Jahren seiner Amtszeit wurden in Ostdeutschland zwei Millionen Kinder mehr geboren als in den 20 Jahren danach. Erich Honecker hat die Todesstrafe abgeschafft – als einziger im Osten.“

Zum Erbe Honeckers gehört aber eben auch, was Schumann über dessen letzte Amtszeit schrieb: „Er war erkennbar überfordert, hinzu kamen Alter und Krankheit, die ebenfalls ihren Tribut forderten. Die Entwicklung rollte über ihn hinweg, ohne dass er dies wahrnahm oder gar Schlüsse für sich zog.“

Aber in der Welt sei er bei vielen als „great leader“ in Erinnerung geblieben, wie Schumann am Beispiel eines portugiesischen Handwerkers schilderte. Dafür hatte gesorgt, was Krauß in der „jungen Welt“ so beschrieb: „Er hat die Befreiungsbewegungen auf diesem Erdball unterstützt und für das großartige Bild gesorgt, das die Dritte Welt bis heute von der DDR bewahrt. Dass der völlig Mittellose in den letzten anderthalb Lebensjahren im Exil von diesen Bewegungen unterstützt wurde, war der Lohn dieser guten Tat.“

sputniknews


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