"Ernährung ist etwas sehr Individuelles"

  02 Januar 2020    Gelesen: 630
  "Ernährung ist etwas sehr Individuelles"

Über Ernährung wird viel gestritten. Ein Trend jagt den nächsten. Manche müssen sich sogar rechtfertigen, wenn sie bestimmte Dinge ablehnen. Wie man durch viele kleine Schritte herausfindet, was einem wirklich guttut und was nicht, erklärt Dr. Carsten Lekutat im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Sie zitieren in Ihrem Buch eine Studie, dass verkohltes Grillfleisch gesundheitsfördernde Aspekte hat. Das ist verwirrend.

Carsten Lekutat: Die Ergebnisse widersprechen dem, was man bisher gehört hat. Es zeigt gut, wie wenig wir aus wissenschaftlicher Sicht über Ernährung wissen.

Was würden Sie einem Patienten antworten, der Sie in der Sprechstunde dazu befragt?

Meine Antwort wäre: Ich weiß es nicht! Ich würde zurückfragen, wie es in seiner Familie aussieht. Gibt es beispielsweise Darmkrebs? Dann würde ich sagen: Bitte aufpassen, denn ein übermäßiger Konsum von rotem Fleisch, also dem Fleisch von Säugetieren, zeigt einen Zusammenhang mit der Entstehung von Darmkrebs. Das ist sicher nicht bei allen so, aber sicher bei denen, die durch Fälle in der Familie oder andere Faktoren vorbelastet sind. Ich würde in diesem Falle zuerst zu weißem Fleisch wie Huhn raten oder sogar den Anstoß zu einer vegetarischen Lebensweise geben. Ernährung ist eine sehr individuelle Sache. Jeder ist dafür verantwortlich, was er zu sich nimmt. Und jeder Körper reagiert verschieden. Diese Einsicht muss erst einmal ankommen.

Es gibt ja jede Menge Studien mit Ernährungsempfehlungen. Wie bewerten Sie diese?

Alle Studien funktionieren ja nur, indem man sich eine große Anzahl von Menschen ansieht, während eine Gruppe bestimmte Dinge macht und eine andere Gruppe etwas anderes. Wir sehen zum Beispiel, dass Vegetarier länger leben. Wir wissen aber auch, dass Vegetarier insgesamt gesundheitsbewusster leben. Wie viel direkten Einfluss die fleischlose Kost tatsächlich auf die Lebensdauer hat, kann mit dieser Art der Untersuchungen nicht geklärt werden. Das, was solche Studien zeigen, ist also immer nur ein Mittelwert. Einen Patienten, der dazu passt, gibt es gar nicht.

Aber was kann man denn nun machen, um herauszubekommen, welche Lebensmittel individuell gut sind?

Wir arbeiten zum Beispiel mit Implantaten zur Blutzuckerbestimmung. Am Anfang geht es mindestens zwei Wochen lang nur um den Kohlenhydratstoffwechsel und den Blutzucker. Parallel dazu sollen die Patienten ein Ernährungstagebuch führen. In der ersten Woche dürfen unsere Patienten essen, was sie wollen. Dann gibt es die erste Auswertung und die Patienten werden mit Ernährungsempfehlungen in die zweite Woche geschickt. Bereits nach diesen zwei Wochen kann man beobachten, welche Wirkungen welche Nahrungsmittel zu welcher Tageszeit haben. Der Chip, der im Oberarm fixiert wird, kostet rund 60 Euro und ist weitestgehend schmerzfrei. Er kann mit einer App auf dem Smartphone abgelesen werden. Das ist ein relativ einfaches Prozedere, aus dem viele Aha-Effekte entstehen. 

Haben Sie ein Beispiel für so einen Aha-Effekt?

Ja. Manche können essen, was sie wollen und es passiert mit dem Blutzuckerspiegel gar nichts. Bei anderen wiederum reicht es quasi aus, wenn sie nur eine Pizza anschauen. Aber Spaß beiseite. Bei vielen Patienten ist es tatsächlich purer Stress, der dazu führt, dass der Blutzuckerspiegel auf Diabetiker-Niveau ansteigt. Die müssen gar nichts essen, sondern sitzen im Büro und haben Stress. Kein Wunder, dass diese Menschen an Körpergewicht zunehmen beziehungsweise nicht abnehmen können, obwohl sie wenig essen.

Können Sie das erklären?

Ja, der angestiegene Blutzucker führt zu einer Insulinausschüttung im Körper. Dieses wiederum bremst die Fettverbrennung in den nächsten Stunden. Wenn ich den Blutzuckerspiegel also nach oben bringe, ganz egal ob durch Brot, Kuchen oder Stress, dann lagert sich alles, was ich dann zu mir nehme, schnell als Fettgewebe im Körper an.

Gibt es, außer Stressreduktion oder Brot weglassen, noch einen anderen Ausweg?

Ja. Eiweiß kann ein wirkungsvolles Mittel sein, wenn man auf Brot nicht verzichten möchte. Wir haben nämlich festgestellt, dass es in Bezug auf den Blutzuckerspiegel bei manchen hilft, wenn sie circa 15 Minuten vor dem Brot Käse, Quark oder Joghurt zu sich nehmen. Das zeigt auch, dass bei manchen Menschen die zeitliche Abfolge von Nahrungsmitteln eine Rolle spielt - aber eben nur bei manchen. Ob man dazugehört, kann nur jeder selbst herausfinden und am besten mit dem Arzt des Vertrauens an der Seite.

Viele Ärzte empfehlen lediglich weniger zu essen und sich mehr zu bewegen.

Ich glaube, auch Ärzte müssen umdenken. Es gibt eine Reihe von Menschen, die wirklich wenig essen und trotzdem übergewichtig sind. Deshalb an alle Ärzte: Glaubt euren Patienten und packt sie nicht in Schubladen. Zu mir kam eine Frau in die Praxis, die mir glaubhaft dargestellt hat, dass sie einen Tagesbedarf von 1500 Kalorien hat. Will diese Frau also abnehmen, dann muss sie auf 800 Kalorien runter. Das ist nichts und dann bekäme sie über kurz oder lang wahrscheinlich ein Nährstoffproblem. Für diese Patientin müssen andere Wege gefunden werden. Das testen wir zunächst mit dem Blutzuckerchip aus. Nötig wären Testungen natürlich auch für die Bereiche der Proteine, der Fettsäuren. Wir würden sogar Stresspegel und Bewegung messen, aber dafür haben wir jedoch noch keine adäquaten Messwerkzeuge.

Es geht also nicht nur um Ernährung, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz?

Definitiv und zwar kein ganzheitlich-esoterischer Ansatz, sondern auf naturwissenschaftlicher Basis. Bei uns lernen die Patienten außerdem Achtsamkeitsübungen, Meditation oder Entspannungstraining natürlich neben der individuellen sportmedizinischen Aktivierung.

Essen ist auch sozial bedeutsam. Oft wird darüber gestritten, was gesund ist. Wie gehen Sie mit Anfeindungen um?

Diese Frage ist für viele ein Riesenthema und wird tatsächlich oft in der Praxis gestellt. Ich kann auch nur so darauf antworten, wie ich das mache. Ich lebe und esse derzeit vegan. Das hat mit Tierwohl zu tun und mit meinem Wissen über Ernährung, aber vor allem mit Achtsamkeit. Das bedeutet für mich, dass ich beim Essen bewusst auf tierische Sachen verzichte und das als Bereicherung empfinde. Ich merke durch mein Vegansein, dass ich für mich sorge und das fühlt sich wirklich gut an. Das bedeutet, ich muss vor jedem Essen für mich eine Entscheidung getroffen haben, ob ich mir etwas Gutes tun möchte oder meiner (Schwieger-)Mutter. Die Entscheidung, wie ich mich ernähre und für mich sorge, sollte ein Stück weit zum Teil der eigenen Persönlichkeit werden. Dann wird das klar nach außen kommuniziert und kann nach einer gewissen Zeit von allen anderen akzeptiert werden.

Mit Dr. Carsten Lekutat sprach Jana Zeh

Quelle: ntv.de


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