Stress macht graue Haare

  23 Januar 2020    Gelesen: 424
Stress macht graue Haare

Die einen ergrauen schon mit 30, andere tragen bis ins hohe Alter den gleichen Farbton auf dem Schopf. An Mäusen haben Forscher nun untersucht, welche Rolle Stress dabei spielt.

"Lass dir keine grauen Haare wachsen", lautet ein Sprichwort, wenn jemand von zu vielen Sorgen und Ängsten umgetrieben wird. Tatsächlich kann starker Stress die Haare ergrauen lassen, berichten Forscher nun. Sie haben das Phänomen an Mäusen untersucht.

Den Wissenschaftlern um Bing Zhang vom Harvard University and Harvard Stem Cell Institute war bei einem Experiment aufgefallen, dass Mäuse schnell weißes Fell bekamen, wenn sie starkem Stress und Schmerzreizen ausgesetzt wurden.

Das erinnerte sie an Anekdoten, laut denen Menschen aufgrund von starkem Stress "über Nacht" ergraut sind. Die französische Königin Marie Antoinette etwa soll vor ihrer Hinrichtung auf der Guillotine - 1793, auf dem Höhepunkt der Französischen Revolution - plötzlich weiße Haare bekommen haben. Der spätere US-Senator John McCain wurde während seiner Gefangenschaft im Vietnam-Krieg weiß. Und auch vielen Politikern wird nachgesagt, mit der Last ihres Amtes vorzeitig ergraut zu sein, etwa dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama.

Stress-Botenstoff aktivierte massenhaft Melanozyten-Stammzellen
Die Forscher wollten herausfinden, was für das Phänomen verantwortlich ist, und setzten die Tiere erneut unter starken Stress, indem sie ihnen Schmerzen zufügten. Dabei testeten sie mehrere Hypothesen. Sie prüften, ob das Immunsystem der Mäuse besonders aktiv war oder das Stresshormon Cortisol Einfluss auf die Haarfarbe hatte. Doch die Mäuse ergrauten auch dann, wenn ihnen die fraglichen Immunzellen fehlten oder sie kein Cortisol bilden konnten, berichten Zhang und Kollegen im Fachmagazin "Nature".

Fündig wurden die Forscher an anderer Stelle: Sie entfernten oder hemmten jene sympathischen Nervenfasern, die an den Haarfollikeln enden. Sympathische Nerven steuern die Reaktion des Körpers auf Stress und Gefahren. Sie versetzen ihn in Reaktionsbereitschaft, stellen sicher, dass wir im Ernstfall kampf- oder fluchtbereit sind.

Bei Stress schütten die Nervenzellen an den Enden der Haarfollikel große Mengen Noradrenalin aus. Dieser Botenstoff wird von Stammzellen am Haarfollikel aufgenommen, aus denen pigmentbildende Melanozyten hervorgehen. Noradrenalin regt die Stammzellen an, Melanozyten zu bilden. Allerdings werden nicht nur einige der Stammzellen aktiv, sondern quasi alle gleichzeitig. Das Stammzell-Reservoir erschöpft sich in kürzester Zeit.

"Als wir mit der Untersuchung anfingen, rechnete ich damit, dass Stress schlecht für den Körper ist - aber der Effekt, den wir gefunden haben, war weit mehr, als ich erwartet hatte", sagte Studienleiterin Ya-Chieh Hsu. "Nach nur einigen Tagen waren alle pigmentbildenden Stammzellen verschwunden. Sind die einmal weg, können Pigmente nicht erneuert werden. Der Schaden ist permanent."

Graue Haare hängen in der Regel mit dem Alter zusammen und könnten demnach Erfahrung, Führungsstärke und Vertrauen signalisieren, schreiben Shayla Clark und Christopher Deppmann von der University of Virgina in einem Kommentar zur Studie. Bei Berggorillas zum Beispiel ergraue der Rücken der ausgewachsenen Männchen und es seien diese Silberrücken, die eine Gruppe anführen könnten.

Möglicherweise habe ein Tier, das genug Stress ausgehalten habe, um graue Haare zu "verdienen", einen höheren Rang in der sozialen Hierarchie, als es seinem Alter entspreche.

Ob Stress auch auf andere Stammzellen wirkt und möglicherweise die Gesundheit beeinträchtigen kann, sei ebenfalls eine interessante Forschungsfrage, schreiben die Wissenschaftler um Zhang. Sympathische Nerven ragten an nahezu alle Organe heran, akuter Stress könnte über die Nervensignale einen Effekt auf viele Gewebe haben.

spiegel


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