Ja gut, der Neymar ist theoretisch ein Weltstar

  18 Februar 2020    Gelesen: 340
Ja gut, der Neymar ist theoretisch ein Weltstar

Neymar gehört zu den besten Fußballern des Planeten. Verletzungen werfen den Angreifer von Paris Saint-Germain regelmäßig zurück. In der Champions League wird sich zeigen, ob sein Karriereplan noch aufgehen kann.

Wenn Borussia Dortmund am Abend in der Champions League auf Paris Saint-Germain trifft (21 Uhr Liveticker SPIEGEL.de; Stream: Dazn), wird der BVB allenthalben als Außenseiter eingestuft. Das hat verschiedene Gründe: Dortmunds Defensivprobleme, das Fehlen wichtiger Spieler wie Marco Reus und Julian Brandt, die BVB-Bilanz gegen internationale Topteams - aber eben auch die aktuelle Form der Pariser. Woche für Woche stellen sie ihr gewaltiges Potenzial in der Ligue 1 und in den französischen Cup-Wettbewerben unter Beweis.

Im Mittelpunkt der herausragenden PSG-Offensive steht Neymar, auch wenn Kylian Mbappé, Ángel di María und Mauro Icardi ebenfalls häufig treffen und zusammen ein schwer zu stoppendes Quartett bilden. Ob der teuerste Fußballer der Welt in Dortmund tatsächlich auflaufen wird, entscheidet sich kurzfristig. Die vergangenen vier Pflichtspiele verpasste Neymar aufgrund einer Rippenprellung. Mal wieder, ist man geneigt zu sagen, denn er verpasst überdurchschnittlich viele Spiele. Allein in dieser Saison fehlte er in 21 Pflichtspielen.

Aber wenn Neymar spielt, dann ist er meist prägend: Er hat in dieser Saison in 18 Pflichtspielen für seinen Klub 15 Treffer erzielt und zehn weitere Tore vorgelegt. Er schießt gefährliche Ecken und Freistöße, geht pro Spiel laut Datenanbieter opta fast sechsmal ins Dribbling und spielt durchschnittlich 2,6 entscheidende Pässe. Das sind herausragende Werte.

Kritiker werden nun anführen, wie wenig aussagekräftig solche Leistungen in der mit dem Stempel der Durchschnittlichkeit behafteten Ligue 1 doch seien, wo Spiele gegen Amiens, Angers oder Dijon warten. Aber bei allem Respekt: Ist die Bundesliga mit Teams wie Paderborn, Mainz oder Augsburg und dem allgemeinen Fokus auf Gegenpressing und Umschaltspiel wirklich besser als die Ligue 1? In Frankreich stimmt, anders als derzeit in Deutschland, immerhin die Nachwuchsarbeit.

Für Neymar galt es, die Welt zu erobern
Doch zurück zu Neymar. Der brasilianische Superstar spielt nun im dritten Jahr für Paris Saint-Germain. 2017 wechselte er vom FC Barcelona für die bisher unerreichte Ablösesumme in Höhe von 222 Millionen Euro nach Frankreich. Mit diesem Rekord als Ausgangspunkt wollte Neymar in die Fußstapfen seines ehemaligen Teamkollegen Lionel Messi und Cristiano Ronaldo von Juventus treten. Es galt, die zu Welt erobern: Champions-League-Sieger mit PSG. Weltmeister mit Brasilien. Weltfußballer des Jahres. So der Plan.

Die Realität sieht ernüchternd aus. Vier nationale Titel mit PSG gewann der 28-Jährige zwar. In der Champions League aber schieden die Pariser zweimal in Folge - jeweils ohne den verletzten Neymar - im Achtelfinale gegen Real Madrid und Manchester United aus. Bei der WM 2018 in Russland kam für Brasilien im Viertelfinale gegen Belgien das Aus. Und bei der Wahl zum Weltfußballer ging es von Platz drei (2017) über Platz zwölf (2018) abwärts zur Nichtnominierung im Jahr 2019. Statt das Erbe von Messi und Ronaldo anzutreten, die sich den individuell wichtigsten Fußballtitel zehn Jahre lang aufgeteilt hatten, gewann 2018 der im Vergleich zu Neymar sechseinhalb Jahre ältere Luka Modric.

Die persönliche Leistungsbilanz auf Klubebene seit dem Wechsel zu PSG vor zweieinhalb Jahren zeigt gerade im Vergleich zu Messi, 32, und Ronaldo, 35, warum Neymar gar nicht der Anführer einer neuen Fußballergeneration sein kann (Quelle: transfermarkt.de):

Messi: 131 Pflichtspiele, 115 Tore, 56 Vorlagen - dabei verpasste er 22 Spiele (14 Prozent)
Ronaldo: 116 Pflichtspiele, 96 Tore, 21 Vorlagen - dabei verpasste er 31 Spiele (21 Prozent)
Neymar: 74 Pflichtspiele, 66 Tore, 39 Vorlagen - dabei verpasste er 77 Spiele (51 Prozent)
Neymar verpasste in Paris jedes zweite Pflichtspiel. Dafür kann er nichts, vor allem seine beiden Mittelfußbrüche kosteten viele Einsätze. In Neymars Verletzungshistorie stehen jedoch auch einige kleinere Blessuren. Spekulationen über fehlende Arbeitsmoral verbieten sich, aber Messi und Ronaldo sind auch wegen ihrer Gier, in jedem noch so unbedeutenden Spiel mitmachen zu wollen, die bedeutendsten Fußballer ihrer Generation geworden.

Franz Beckenbauer soll 1990 über seinen wichtigsten Spieler in der Nationalmannschaft gesagt haben: "Ja gut, der Lothar Matthäus ist ja praktisch ein Weltstar, er kann links wie rechts, hinten wie vorne." Seitdem hat sich im Fußball viel verändert. Neymar versteht es sehr gut, auch ohne die ganz großen Mannschaftserfolge ein Weltstar zu sein. Zumindest theoretisch. Er hat 133 Millionen Abonnenten bei Instagram, er weiß sich zu präsentieren - auch wenn er manchmal zu überdrehen scheint.

Neymar ist erst 28 Jahre alt. Noch hat er Zeit. Wenn er es schafft, in Zukunft mit Paris - oder auch einem anderen Klub - die Champions League zu gewinnen oder 2022 mit Brasilien Weltmeister zu werden und dabei das Spiel zu prägen, könnte Neymars Plan noch aufgehen. Wenn nicht, hat mit Mbappé, 21, erneut ein Teamkollege sehr gute Aussichten, über Jahre die prägende Figur zu werden. Für Neymar hätte das schon eine gewisse Tragik.

spiegel


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