Ein grünes Luxus-Kinderbett

  20 März 2020    Gelesen: 421
Ein grünes Luxus-Kinderbett

Ist es möglich, ein Produkt zu fertigen und dabei kein bisschen Kohlendioxid zu emittieren? Ein Energiekonzern hat die Probe aufs Exempel gemacht. Der Versuch zeigt: Möglich ist es – aber auch ziemlich teuer.

Scheinbar umweltfreundliche Produkte kommen im gefühlten Stundentakt auf den Markt. Hersteller verpassen ihnen das Label „Grün“ oder „Nachhaltig“ und bewerben Rohstoffe, die aus Ozeanplastik oder recycelten PET-Flaschen gewonnen wurden. Was bisher allerdings nur begrenzt gelingt, ist tatsächlich komplett auf fossile Brennstoffe zu verzichten – und zwar entlang der gesamten Produktionskette. Denn selbst wenn die Rohstoffe nachwachsen oder aus Recycling gewonnen wurden, die Fabriken, in denen sie verarbeitet und die Fahrzeuge, auf denen sie um die Welt geschickt werden, laufen letztlich nur dank Öl oder Gas oder beidem.

Was es bedeutet, ein Produkt herzustellen, ohne dabei auch nur ein Kilo Kohlendioxid freizusetzen, hat der Energiekonzern Vattenfall deshalb in einem Modellprojekt getestet. Rund ein halbes Jahr hat es gedauert, bis das einfache Kinderbett fertig war – eine symbolische Produktwahl, die freilich kein Zufall ist. Cindy Kroon, Direktorin der niederländischen Kundensparte bei Vattenfall, die das Projekt initiiert hat, lässt aber auch wissen: „Die Krippe ist ein Alltagsprodukt, das viele verschiedene Materialien vereint, was die Herausforderung noch größer und auch ziemlich teuer gemacht hat.“ Mit beiden Einschätzungen hat sie wohl Recht. Das Projekt hat zwei Dinge gezeigt: Ohne fossile Brennstoffe zu produzieren ist möglich, aber derzeit noch sehr aufwendig und vor allem teuer – die grüne Babykrippe kostet 26.458 Euro.

Die Kraft dieser Aussage ist allerdings begrenzt, solange es sich um ein Einzelstück handelt. Sobald die Stückzahlen hochgehen und die Produktionskette erst einmal gefunden ist, dürfte auch ein emissionsfrei produziertes Stück günstiger werden. Versuch und Kalkulation erlauben dennoch einen Einblick in die Tücken, mit denen Unternehmer wie Kunden rechnen müssen, wenn sie es mit der CO2-Bilanz ganz besonders ernst meinen.

Möbelbau mit Kartoffelstärke und handgesponnenem Leinen

Dass Holz ohnehin meist die erste Wahl für Kinderbetten ist, war für das Projekt ein Vorteil. Schließlich gilt der alte Rohstoff und natürliche CO2-Speicher schon seit einiger Zeit als neue Hoffnung, wenn es um nachhaltige Produkte geht. Doch im Angesicht des Baumstammes beginnen auch die Probleme. Denn um Holz zu ernten, braucht es noch immer eine Säge, und deren Motoren verlangen in der Regel beständig nach Benzin und Öl. Für das CO2-freie Bett hat das Team auf ein elektrisch angetriebenes Modell gesetzt – geladen mit Ökostrom aus regenerativen Quellen, wie sich von selbst versteht. Genauso ist das Holz dann auch weitertransportiert worden.

Für die Beine des Möbelstücks hat das Projekt auf eine Farbe auf Kalkbasis zurückgegriffen, die durch Kartoffelstärke gebunden ist. Verklebt wurde das Ganze mit Glutinleim, einem natürlichen Klebstoff, der aus Tierabfällen gewonnen wird. Schwieriger war da schon die Produktion der textilen Bestandteile, von der Bettdecke bis zur Matratze. Für letztere hat Vattenfall mit einem Unternehmen auf der niederländischen Insel Texel kooperiert, das auf seinen mit Ökostrom betriebenen Maschinen Wollmatratzen fertigt. Weil sich die Anlage, eine der wenigen dieser Art, aber eben auf einer Insel befindet, musste die Schlafunterlage anschließend mit dem Segelboot aufs Festland gebracht werden. Wie Vattenfall wissen lässt, mussten die Fasern für den Leinenüberzug – kein Kind möchte schließlich direkt auf kratziger Schafswolle schlafen – tatsächlich in Handarbeit gesponnen werden.

Emissionsfreier Stahl dank Wasserstoff

Der Großteil der Textilindustrie liegt schon lange nicht mehr in Europa, und so entfallen rund zwei Drittel der Kosten für das Bett auch auf die Arbeitslöhne für das in Manufakturarbeit gebaute Einzelstück, wie Vattenfall sagt. Der emissionsfreie Transport sei für weitere etwa 25 Prozent der Kosten verantwortlich.

Der kleinste Bestandteil der Krippe, eine Marken-Plakette, bedeutet technisch allerdings den größten Aufwand. Denn während die Produktentwickler für die meisten Teile auf natürliche Rohstoffe zugreifen können, haben sie in diesem Fall darauf bestanden, Stahl zu verwenden. Einen Rohstoff also, dessen Produktion eigentlich zu den emissionsintensivsten überhaupt gehört. Und hier liegt vielleicht der eigentliche Anlass für Vattenfalls Ausflug in die Möbelproduktion. Der Energiekonzern hat mit „Hybrit“ eine eigene Versuchsanlage, in der Stahl nicht mit dem Reduktionsmittel Koks erzeugt wird, sondern mit Wasserstoff. Statt Kohlendioxid entsteht während des Prozesses damit lediglich Wasserdampf. Die Anlage läuft gerade im Testbetrieb in Schweden, von 2030 an ist geplant, sie im kommerziellen Maßstab zu betreiben.

Die emissionsfreie Babykrippe ist für Vattenfall damit vor allem ein Weg, die eigene Technologie ins Gespräch zu bringen. Nicht zuletzt, weil sie im Vergleich zum handgesponnenen Leinenüberzug tatsächlich realitätsnahe Impulse hin zu einer emissionsärmeren Produktion verschiedenster Konsumgüter bieten könnte. Sofern das Verfahren skalierbar und günstiger wird. Dann schlafen alle mit ruhigerem Gewissen. Nicht nur Familien mit einem Kinderbett für 26.000 Euro.

faz.net


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