Corona-Studie: Kinder keine Treiber der Pandemie

  17 Juni 2020    Gelesen: 295
    Corona-Studie:   Kinder keine Treiber der Pandemie

Kinder stecken sich seltener mit dem Coronavirus an als ihre Eltern. Sie seien daher nicht als Treiber der Infektionswelle anzusehen. Dies ist das Ergebnis einer umfangreichen Untersuchung aus Baden-Württemberg. Für die Studie waren etwa 5000 Menschen, darunter 2500 Kinder getestet worden.

„Als wichtigste Ergebnisse zeigt die vorläufige Auswertung der Studie, dass in den untersuchten Familien nur eine geringe Zahl von Infektionen stattgefunden hat und Kinder scheinbar nicht nur seltener an COVID-19 erkranken, was schon länger bekannt ist, sondern auch seltener durch das SARS-CoV-2-Virus infiziert werden.“, so Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich, Abteilungsleiter Virologie am Zentrum für Infektiologie des Universitätsklinikums Heidelberg und Dekan der Medizinischen Fakultät.

5000 Eltern und Kinder getestet

Vor acht Wochen hatte die baden-württembergische Landesregierung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine Studie in Auftrag gegeben, an der sich die vier Universitätskliniken in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm beteiligt haben. Dabei untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rund 2.500 Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren und jeweils ein zugehöriges Elternteil, also insgesamt rund 5.000 Studienteilnehmende. Es sollte festgestellt werden, ob zum Zeitpunkt der Testung eine unbemerkte Infektion mit SARS-CoV-2 vorlag oder die Testpersonen bereits Antikörper nach einer überstandenen, aber unbemerkt gebliebenen Coronavirus-Infektion gebildet hatten.

„Die Frage der Öffnung der Kitas, Kindergärten und Schulen ist von hoher gesellschaftlicher Relevanz und Dringlichkeit. Sehr gerne tragen die Kolleginnen und Kollegen an allen vier Universitätskliniken des Landes auf wissenschaftlicher Grundlage zur Klärung dieser Frage bei“, sagte Kräusslich weiter.

Signifikant mehr infizierte Erwachsene als Kinder
Im Untersuchungszeitraum von 22. April bis 15. Mai 2020 war unter den untersuchten Eltern-Kind-Paaren aktuell ein Elternteil-Kind-Paar infiziert. 64 Getestete hatten Antikörper gebildet und weitgehend unbemerkt eine Corona-Infektion durchlaufen, was einer Häufigkeit von 1,3 Prozent entspricht. Unter den 64 Getesteten befanden sich 45 Elternteile und 19 Kinder, der Unterschied in der Antikörper-Bildung zwischen Kindern und Erwachsenen ist also statistisch hoch signifikant. Kinder zwischen 1 und 5 Jahren waren mit 7 Fällen (von 1.122) noch seltener antikörper-positiv als ältere Kinder zwischen 6 und 10 Jahren (12 Fälle von 1.358).

Zwischen den untersuchten Kindern in der Notbetreuung und Kindern, die zu Hause waren, gab es keine signifikanten Unterschiede.

Internationale Studien kommen zu ähnlichem Ergebnis
Insbesondere bei Kindern unter 10 Jahren sprechen die aktuellen Daten sowohl für eine geringere Infektions-als auch für eine deutlich geringere Ansteckungsrate. Der Anteil von Kindern der Altersgruppe bis 10 Jahre an allen positiv getesteten Patienten weltweit liegt bislang bei 1 bis 2 Prozent und erreicht maximal 6 Prozent bis zum Alter von 20 Jahren. In Deutschland lag der Anteil der Kinder unter 10 Jahren bei 1,9 Prozent und von 10 –19 Jahren bei 4,3 Prozent.

Wie hoch die Gefahr ist, dass infizierte Kinder andere Menschen anstecken, ist bislang nicht zweifelsfrei geklärt. Hierzu läuft gerade eine Studie mit 6000 Kindern in Hamburg. Mit ersten Ergebnissen wird Ende Juni gerechnet. Zahlreiche Erkenntnisse sprechen jedoch gegen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko durch Kinder. Ersten Analysen aus China belegen, dass Kinder und Jugendliche bei der Virusübertragung auf andere Kinder und Jugendliche, aber auch auf Erwachsene, eine untergeordnete Rolle spielen.

Bei einer Studie in Island fand sich unter 13.000 getesteten Personen nicht ein infiziertes Kind. Auch in den Niederlanden kamen Wissenschaftler zu der Erkenntnis, dass Kinder kaum ansteckend sind. Die Bedeutung von Schul- und Kita-Schließungen auf die Dynamik der weiteren Infektionsausbreitung wird von den Experten in den Niederlanden und in Island als gering eingeschätzt. Die Kitas wurden in Holland am 11. Mai wieder vollständig geöffnet. In Island wurden Schulen und Kitas nie vollständig geschlossen.

Dank Studie Kitaöffnung in in Baden-Württemberg einen Monat früher
Ministerpräsident Kretschmann dankte den Wissenschaftlern der baden-württembergischen Uni-Studie für die Bereitschaft, schon vor Fertigstellung der Fachpublikation die Landesregierung und die Öffentlichkeit zu informieren: „Mir ist bewusst, dass dieser Takt für wissenschaftliche Forschung ungewöhnlich und anspruchsvoll ist. Auch dank dieser schnellen Bereitstellung der Ergebnisse können die Kindertagesstätten und Grundschulen schon bald eine neue Phase starten. Damit haben wir die Möglichkeit, den neuen Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen bis zu den Sommerferien noch einen Monat lang genau zu beobachten und auch durch Tests zu begleiten. Die gewonnenen Erkenntnisse werden uns helfen, uns intensiv auf das neue Schul- und Kindergartenjahr ab September vorzubereiten.“

Ab 29. Juni können alle Kinder in Baden-Württemberg in die Kitas und Grundschulen zurückkehren.

sputniknews


Tags: