Das stille Sterben der amerikanischen Mittelschicht

  06 Juli 2020    Gelesen: 286
Das stille Sterben der amerikanischen Mittelschicht

Die Lebenserwartung in den USA bleibt immer stärker zurück hinter anderen Industrieländern. Die Ökonomen Anne Case und Angus Deaton dokumentieren eine schleichende Katastrophe.

Im November wählen die Amerikaner den nächsten Präsidenten. Verlöre Amtsinhaber Donald Trump die Wahl, wäre er dann Geschichte.

Für die gesellschaftlichen Kräfte, die ihn 2016 ins Amt getragen haben, gilt das nicht. Dennoch ist die politische Auseinandersetzung seit vier Jahren auf die Person Trump fokussiert. Die tiefer liegenden Gründe für die Militanz seiner Anhängerschaft werden hingegen wenig thematisiert. "Trump ist eine Folge, aber nicht selbst die Ursache", sagt der in Princeton lebende Ökonom Angus Deaton, der 2015 mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde.

Deaton und die Ökonomin Anne Case haben über Jahre Feldforschung betrieben, im US-Bundesstaat Montana etwa, in dem Trump Hillary Clinton um Längen schlug. Nun hat das Paar ein Buch geschrieben über die Krankheit, deren Symptom Trumps Präsidentschaft ist und die auch im Falle seiner Abwahl noch lange nicht kuriert sein wird.

"Deaths of Despair" lautet der Titel. Das große Verdienst des Buches ist es, eine Katastrophe zu dokumentieren, die durch das Raster vieler Nachrichtenmedien fällt, weil sie sich langsam entfaltet, schleichend. "Tode der Verzweiflung" ist dabei nicht als bildlicher Ausdruck gemeint für den ökonomischen Abstieg weiter Teile der US-Bevölkerung, sondern im Wortsinn: Es geht um Hunderttausende Todesopfer.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass der kontinuierliche Anstieg der Lebenserwartung - eigentlich in allen Industriestaaten seit einem Jahrhundert ein stabiler Trend - in den Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren praktisch zum Stillstand gekommen ist. Die USA fallen weit hinter Länder wie Kanada oder Schweden zurück.

Diese allgemeine Lebenserwartung ist ein Durchschnittswert über alle Bevölkerungsgruppen. Case und Deaton haben Sterblichkeitsdaten der Gesundheitsbehörden durchforstet und sind auf den Herd dieser stillen Krise gestoßen. Die höhere Mortalität lässt sich fast vollständig zurückführen auf drei Ursachen:

  • die stark wachsende Zahl der Suizide,
  • Alkoholismus und seine Folgeerkrankungen
  • sowie Drogen-Überdosen.

Am stärksten davon betroffen ist eine Bevölkerungsgruppe, Case und Deaton nennen sie white working class: weiße Beschäftigte ohne akademischen Abschluss.

Während die Sterblichkeit in dieser Bevölkerungsgruppe im Alter zwischen 45 und 54 Jahren in praktisch allen anderen Industrieländern rückläufig ist, steigt sie in den USA seit Ende der Neunzigerjahre sogar noch an. Verglichen mit Schweden liegt für weiße Amerikaner mittleren Alters die Wahrscheinlichkeit zu sterben mehr als doppelt so hoch. Seit 1999 summieren sich diese zusätzlichen und vermeidbaren Todesopfer auf insgesamt 600.000 Amerikaner, die meisten mittleren Alters.

Der Anstieg der Todesraten fällt zwar zusammen mit dem Ausbruch der Opioidkrise in den USA, lässt sich laut den Autoren aber nicht allein damit erklären. "Ohne die Aushöhlung der weißen Mittelklasse wäre die Drogenkrise nicht so groß", argumentiert Deaton. "In der Gesellschaft schwelt die Verzweiflung. Das erst hat die Absatzchancen für eine Pharmaindustrie eröffnet, die nicht angemessen reguliert ist."

Der Ursprung dieses Elends sind laut Deaton und Case die tektonischen Verschiebungen am US-Arbeitsmarkt. Beschäftigte, die früher auch ohne Hochschulabschluss ein auskömmliches Leben führen könnten, geraten dort immer stärker in Schwierigkeiten. Korrigiert um die Inflation seien die Löhne der ärmeren Hälfte der US-Bevölkerung ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr gestiegen - weiße Männer ohne Hochschulabschluss hätten zwischen 1979 und 2017 sogar 13 Prozent ihrer Kaufkraft verloren.

Das hat nicht nur materielle Folgen: Case und Deaton zeichnen nach, wie sich der Gesundheitszustand der 45 bis 54-jährigen Nichtakademiker zusehends verschlechtert. Inzwischen berichtet in dieser Altersgruppe ein höherer Anteil von chronischen Schmerzen, als das bei US-Rentnern der Fall ist. Dabei geht es um viel mehr, als nur die Erfassung von Zimperlein: Auf Ebene der Counties, der Landkreise, korreliert Donald Trumps Stimmenanteil 2016 stark mit dem Anteil der Personen, denen Schmerzen das Leben erschweren.

Unter dem ökonomischen Druck geraten auch viele traditionelle Lebensentwürfe ins Rutschen: Der Anteil der Eheschließungen ist bei Amerikanern ohne Hochschulabschluss viel stärker gesunken, als unter Akademikern. Sie sind auch viel seltener Teil einer Kirchengemeinde. "Community destruction" nennen das die Autoren, Zerstörung von Gemeinschaften, die Halt geben im Leben.Und die Gründe für diese Entwicklung? Niedriger qualifizierte Arbeitskräfte geraten durch Roboter und Globalisierung unter Druck. Anders als in vielen europäischen Ländern, die keinen Anstieg der "Deaths of Despair" sehen, fehlen in den USA sozialstaatliche Systeme, die solche Entwicklungen abfedern oder sogar verhindern.

Besonders hart gehen Case und Deaton mit dem amerikanischen Gesundheitssystem ins Gericht. Etwa 17 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung würden dafür aufgewendet (zum Vergleich: in Deutschland sind es etwa 11 Prozent). Jedes Jahr die Mittel für dieses überdimensionierte System aufzubringen sei für die Amerikaner "wie ein Tribut, den sie an eine ausländische Macht zu zahlen haben".

Darunter leiden vor allem kleinere Einkommen. Viele Firmen stellten nur noch Hochqualifizierte ein, weil bei einem Jahresgehalt von 100.000 Dollar die Kosten für eine Familienkrankenversicherung (etwa 20.000 Dollar) viel weniger ins Gewicht fallen, als bei geringer Qualifizierten mit 30.000 Dollar Salär.

Die Tragik besteht darin, dass weder die Betroffenen eine Ahnung von den wahren Ursachen ihrer Misere haben, noch Trump eine Lösung für die Probleme seiner Wähler. Ihn zum Präsidenten zu machen war in den Worten von Case und Deaton eine ziellose "Geste der Frustration und Wut, die alles schlimmer macht, nicht besser".

spiegel


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