Bund will nicht alle Beatmungsgeräte abnehmen

  10 Juli 2020    Gelesen: 469
Bund will nicht alle Beatmungsgeräte abnehmen

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise versuchte die Bundesregierung, möglichst viele Geräte zur Beatmung von Schwerstkranken zu bunkern - gegen den Rat von Experten. Jetzt folgt die Kehrtwende.

Die Bundesregierung will einen Teil der Beatmungsgeräte zur Behandlung von schwer an Covid-19 erkrankten Patienten nicht abnehmen, die sie auf dem Höhepunkt der Coronakrise bestellt hatte. Das geht aus der Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Kleine Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Christoph Hoffmann hervor. Demnach wurden den Bundesländern für den Zeitraum zwischen April und Juli 4250 Apparate der deutschen Hersteller Löwenstein und Drägerwerk zum Abruf bereit gestellt. Insgesamt sollten im Zuge der Pandemie mehr als 20.000 Geräte beschafft werden. 

Doch die werden nun offenbar nicht mehr alle abgenommen. "Angesichts des zurzeit sinkenden Bedarfs", heißt es in der Stellungnahme der Regierung, habe man mit einigen Herstellern reduzierte Lieferverträge vereinbaren können. FDP-Politiker Hoffmann kritisiert das Vorgehen. Verträge müssten bedarfsgerecht abgeschlossen werden, fordert er, schließlich gehe es um "Steuergelder, die dann woanders fehlen."

Schon nach der Ankündigung der Bundesregierung, tausende zusätzliche Beatmungsgeräte rund um die Coronakrise beschaffen zu wollen, hatten Experten darauf hingewiesen, dass es mit den Apparaten allein nicht getan sei. So sagte etwa Claudia Spies, Chefin der Anästhesiologie und Intensivmedizin der Berliner Charité, dem größten Krankenhaus Europas, dem SPIEGEL:  "Einen beatmeten Covid-Patienten auf der Intensivstation zu behandeln, ist komplex. Neben Beatmungsgeräten braucht man für den Erfolg der Behandlung erfahrenes Personal, insbesondere Intensivmediziner und Fachpflegekräfte." 

Selbst Dräger sieht Stückzahl nicht als Kernproblem
Selbst Stefan Dräger, Chef des Beatmungsgeräteherstellers Dräger, sah die reine Stückzahl der Respiratoren im SPIEGEL-Interview nicht als das Kernproblem an und sprach sich dafür aus, vor allem Spezialzentren mit den High-Tech-Apparaten zu versorgen. Auch wies er darauf hin, dass Deutschland noch Reserven von rund 5000 Beatmungsgeräten habe. So halte er es etwa für möglich, Geräte aus dem Rettungsdienst oder aus der Anästhesie in der Krise zu verwenden.

Ein Teil der Geräte, die künftig geliefert werden, soll nicht direkt an Krankenhäuser gehen, sondern in die neu zu errichtende "Nationale Reserve Gesundheitsschutz" (NRGS). Sie soll den Bedarf für bis zu sechs Monate decken, etwa auch für persönliche Schutzausrüstung wie Atemschutzmasken. Die NRGS soll laut Ministerium auch zur humanitären Hilfe an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Drittstaaten eingesetzt werden können.

Ein Großteil der bis Anfang Juli abrufbar gemachten 4250 Beatmungsgeräte kommen vom deutschen Familienunternehmen Löwenstein Medical aus dem rheinland-pfälzischen Bad Ems. 1054 entfallen auf das Lübecker Familienunternehmen Drägerwerk. Die Bundesregierung orderte einen Mix an Beatmungsgeräten mit drei grundsätzlich unterschiedlichen Leistungsklassen. So gehören "High-End-Intensivbeatmungsgeräte, Life-Support-Intensivbeatmungsgeräte sowie 'einfache' Beatmungsgeräte" zur Bestellung.

spiegel


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