Wien bleibt rot bei der Wahl um den Bürgermeister

  26 September 2020    Gelesen: 248
Wien bleibt rot bei der Wahl um den Bürgermeister

Die SPÖ dürfte laut Daniel Witzeling, Leiter des Humaninstituts, Wien halten und bei der Wahl um den Bürgermeister am 11. Oktober gut abschneiden. In Bezug auf Corona fährt sie eine eigenständige Linie im Kontrast zur Bundesregierung unter ÖVP und Grünen.

Mit um die 40 Prozent bleiben die Sozialdemokraten im „Roten Wien“ noch eine dominierende Kraft, während sie auf Bundesebene nur mehr um die 20 Prozent haben. Und dies liege am guten Personal in der letzten SPÖ Hochburg, sagte der Sozialforscher im Sputnik-Interview.

„Die Sozialdemokratie hat die Bundeshauptstadt stark geprägt. Die SPÖ ist nachhaltig in der DNA der Stadt und ihrer Funktionsträger verankert.“
Auf Bundesebene habe die Sozialdemokratie über die letzten Jahrzehnte stark an Einfluss und Macht verloren, so der Experte. „Sie befindet sich weiter in einem Abwärtstrend. In der Perle an der Donau konnte die Sozialdemokratische Partei Österreichs ihre Macht aber wie in einem Gallischen Dorf bis heute halten. Dies hat sehr stark mit der weniger gut entwickelten politischen Konkurrenz von konservativer Seite zu tun, die es bis heute auf Wiener Ebene nicht geschafft hat, quantitativ und qualitativ analoge Strukturen aufzubauen. Hier liegt in Wien die letzte noch vorhandene elementare Stärke der SPÖ.“

Durch mächtige Vorfeldorganisationen und Systemvernetzung könne die Partei Anhänger und Sympathisanten mobilisieren, urteilt Witzeling. „Sollte nicht ein politisches Wunder verbunden mit einem substantiellen Entwicklungsprozess im konservativen oder rechten Lager geschehen, wird Wien, wenn auch nur in matterem Rot, als Bastion der Sozialdemokratie für weitere Jahre leuchten.“

“Wien ist anders“, erinnert der Sozialforscher an einen berühmten Spruch. „Dieser beinhaltet, dass die Wiener immer schon einen eigenen Weg im Unterschied zum ländlich geprägten restlichen Österreich gegangen sind. Der typische Wiener lässt nichts über ,sein Wien‘ kommen, egal welche Probleme die Stadt beispielsweise mit dem Thema Integration von Zuwanderern hat. So hat der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig von der SPÖ bei der Corona-Krise eine ruhige und pragmatische Wiener Linie gefahren und hat seine Stadt vor Angriffen aus der ÖVP-geführten Bundesregierung geschützt und konnte auf diese Weise bei den Wählern punkten.“

Die Wiener SPÖ verfüge über einen enormen Einfluss in der Verwaltung und Beamtenstruktur der Stadt, stellt der Wissenschaftler fest. „Somit ist sie in der Lage, die Pandemie qualitativ ganz anders zu managen. Dem Wiener gibt diese Tatsache Sicherheit. Dazu kommt, dass soziale Sicherheit in Wien noch mit der SPÖ gleichgesetzt wird.“

In gewisser Form könne man die Situation in Wien mit der in Berlin vergleichen, da beide europäischen Städte eher linkslastig seien, meint Witzeling. „Wien hat sicher Bezirke wie den 7. Gemeindebezirk, die sehr jung, hipp und modern vergleichbar mit Berlin sind. Andererseits hat Wien sich eine bestimmte ,Provinzialität‘ beibehalten. Wien wird trotz der nahezu zwei Millionen Einwohner von den Wienern selbst, durch die regionale Verhaftung in Gemeindebezirken, im Wienerischen ,Hieb‘ genannt, als Dorf gesehen. Das könnte auch der Grund sein, warum Wien mehrmals zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt wurde.“

Die letzten Umfragen weisen auch der ÖVP starke Gewinne zu, obwohl die Partei dort etwas zu hoch gehandelt werde, merkt der Sozialforscher an. „Die in den Untersuchungen ausgewiesenen 20 Prozent oder mehr wird die Partei am Wahlabend wahrscheinlich nicht erreichen. Frühere Arbeiten prognostizierten für die Volkspartei kurzzeitig sogar 25 Prozent der Wählerstimmen. Die starken Zugewinne liegen einerseits an dem Faktum, dass die Bewegung bei der letzten Wahl lediglich neun Prozent erreichen konnte und andererseits könnte sie von einer FPÖ, die im Jahr 2015 noch über 30 Prozent hatte, die die Freiheitlichen in Wien bei dieser Wahl sicher nicht mehr schaffen werden, Wählerstimmen lukrieren.“

Wirft der Strache-Skandal immer noch Schatten auf die FPÖ?
Witzeling prognostiziert: „Die Freiheitlichen werden, von ihrem letzten Wahlergebnis in der Höhe von mehr als 30 Prozent ausgehend, stark verlieren. Der Ibiza-Skandal sowie danach aufgetauchte Spesenvorwürfe machen der Rechten in der Bundeshauptstadt schwer zu schaffen und sind noch lange nicht vergessen. Die FPÖ wird in Wien und im Bund eine geraume Zeit brauchen, um sich wieder zu erholen.“

Für Höhenflüge von um die 26 Prozent wie bei den vergangenen Nationalratswahlen werde es höchstwahrscheinlich noch länger dauern, fährt Witzeling fort. „In Wien kommt für die FPÖ unter dem Spitzenkandidaten Dominik Nepp ein weiteres Problem dazu - nämlich die Tatsache, dass der einstige Vizekanzler Heinz-Christian Strache selbst mit einer eigenen Liste antritt und somit der ,Heimatpartei‘ einige Stimmen kosten könnte. Sollte er den Einzug in das Rathaus mit weit über fünf Prozent der Stimmen schaffen, würde dies zu neuen Spannungen innerhalb des freiheitlichen Lagers führen. Für die einst mächtige Bewegung brechen schwierige Zeiten an.“

sputniknews


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