Wo wir den Briten in der Pandemie voraus sind

  25 Februar 2021    Gelesen: 211
Wo wir den Briten in der Pandemie voraus sind

Kreativ in der Krise: Kein anderes Thema prägte zuletzt den Wortschatz der Deutschen so sehr wie die Corona-Pandemie. Inzwischen staunen sogar die Briten, wie deutsche Forscher neue Begriffe sammeln.

Wenn britische Medien sich Wörter aus der deutschen Sprache bedienen, wird es meist martialisch. Der »Blitzkrieg« wird gern bei allen möglichen Anlässen aus der Mottenkiste geholt – egal ob es um Fußball geht oder die Attacken des ehemaligen US-Präsidenten Trump gegen irgendwelche Umweltauflagen. Und auch die »Blutwurst« wird gelegentlich erwähnt. Schmeichelhaft sind solche Wortzitate nicht unbedingt.

Doch der britische »Guardian« hat der deutschen Sprache nun einen Bericht gewidmet, in dem rekordverdächtig viele deutsche Begriffe auftauchen und ihre Kreativität gepriesen wird. Die Zeitung erklärt ihren Leserinnen und Lesern darin, das Wortschöpfungen wie coronamüde »tired of Covid-19« bedeuten.

Und dass eine Coronafrisur der »corona hairstyle« sei. Auch Impfneid grassiere bei den Deutschen gerade. Zudem sehne sich die Nation der »Blitzkrieg«-Erfinder nach Kuschelkontakt (»the specific person you meet for cuddles«) und Abstandsbier (»when you drink with friends at a safe distance«). Sogar den Begriff überzoomt erklären die Briten. Das sei jemand, der an zu vielen Videokonferenzen teilnehmen müsse. Armes Deutschland.

Mit Freude an der Sprachgestaltung berichtet das Blatt in seiner Onlineausgabe von einem Projekt des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim. Dafür haben Linguisten zusammengetragen, wie kreativ die Deutschen mit ihrer Sprache in Corona-Zeiten umgehen. Mehr als 1200 neue Wörter, sogenannte Neologismen, haben die Forscher im Zusammenhang mit dem Coronavirus inzwischen gesammelt und in einer Datenbank veröffentlicht. In einem durchschnittlichen Jahr entstünden hierzulande dagegen nur 200 Begriffe neu.

Kein anderes Thema habe den deutschen Wortschatz so sehr geprägt wie die Coronakrise, berichten die Forscher. Das ist nicht verwunderlich, schließlich hat seit Jahrzehnten nichts so stark das Leben der Deutschen verändert wie die Pandemie. Und das zeigt sich auch in der Sprache.

Laut Christine Möhrs, einer der beteiligten Forscherinnen, erzähle das Projekt die Lebensgeschichten der Menschen während der Pandemie. Wenn neue Dinge in der Welt passieren, sucht der Mensch nach einem Namen dafür. Wer Dinge benennen kann, vermag auch mit anderen zu kommunizieren. Das sei gerade in Krisenzeiten wichtig, zitiert sie der »Guardian«. Und sicher hilft ein wenig Humor bei solchen Wortschöpfungen derzeit auch, die teils trostlosen Tage in Isolation zu überstehen, denen viele Menschen ausgesetzt sind – egal ob in Großbritannien, Deutschland oder sonst wo.

spiegel


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