Frazer-Nash Mille Miglia - nomen est omen

  06 April 2021    Gelesen: 319
  Frazer-Nash Mille Miglia - nomen est omen

Wer heute bei der Mille Miglia dabei sein will, der muss vor Jahren schon dort gestartet sein. Der rare Frazer Nash Mille Miglia trägt zwar den Namen des Rennens, war aber mutmaßlich nie am Start. Dabei hätte es der Ausnahme-Roadster wirklich verdient.

Bei so manchen Automobilgourmets reicht einfaches Hubraum-, PS- oder Zylinderwissen nicht aus, um am Stammtisch zu glänzen. Wenn es um Fahrzeuge geht, die vor über siebzig Jahren bereits an historischen Automobilrennen teilgenommen haben - und man möchte mitreden, sind profunde Sachkenntnisse Mindestvoraussetzung. Das Auswerten von zeitgenössischen Starterfeldern stöbern in Bild- und Literaturarchiven sowie tiefgehendes Wissen über Marken- und Modellgeschichte gehört zum Handwerkszeug ausgewiesener Fahrzeughistoriker.

Designer und Tüftler Archibald Frazer-Nash, daher das häufig zu lesende Kürzel "AFN", der sich in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts an so genannten leichten Cyclecars (häufig mit Ketten- oder Riemenantrieb) und sportlichen Autos mit kleinen Hubräumen sowie maximal vier Zylindern versuchte, wurde in den Dreißigern mit seiner Firma AFN Ltd. zum BMW-Generalimporteur des Vereinigten Königreichs. Er vermarktete als populäre Modelle vor allem die 327 und 328 als BMW Frazer-Nash. Kein Wunder, dass sich der legendäre, später von noch Bristol optimierte Zweiliter-Reihensechszylinder in den AFN-Nachkriegsfahrzeugen wiederfand, zumal Bristol Cars und Frazer-Nash eng kooperierten.

Lediglich zwölf Exemplare

Die ersten eigenständigen AFN-Rennsportwagen mit dem Zweiliter-Reihensechszylinder debütierten 1948 mit den Modellen "High Speed", später umbenannt in LeMans Replica und dem deutlich grazileren Mille Miglia. Allerdings ist sich die Literatur in Details nicht einig - manche Quellen sehen den Start der potenten AFN-Sportler fälschlicherweise sogar erst im Jahr 1950; wer sich jedoch die Mühe macht und alte Starter-Aufstellungen der Mille Miglia-Rennen durchforstet, findet in den Tabellen des Jahres 1949 sehr wohl den High Speed, der Mille Miglia taucht hingegen nie auf.

Indes erscheint der von Michael Ten Bosch pilotierte Frazer-Nash mit der verwirrenden Bezeichnung 2000 "Mille Miglia" - laut historischen Bildern aber ein völlig anderes Modell als unser Mille Miglia. Kein Wunder, handelt es sich hierbei auch um den "Fast Tourer". Erst später angestrengte, offenbar kreative Marketing-Überlegungen ergaben, das Modell besser "Mille Miglia" zu nennen, um den Verkauf anzukurbeln - mehr als zwölf Exemplare sollen dennoch nie auf die Straße gekommen sein.

Heute ist das rare Dasein dieses Modells ähnlich spannend wie seine verworrene Vergangenheit. Auch das brisante Thema mit den begehrten Matching Numbers darf man hier nicht so ernst nehmen. Im Rennsporteinsatz hatten die Teams nicht selten mehrere Ersatz-Maschinen bei und tauschten sie aus, wenn ein Aggregat den Geist aufgab - das Auto sollte schließlich nicht ausfallen.

Die Leidenschaft angefacht

Also ab hinter das Steuer des Mille Miglia mit der Chassis Nummer 421/100/166, der Anfang der Fünfzigerjahre immerhin honorige Wettbewerbe wie das Goodwood-Neunstundenrennen, den Silverstone British GP oder die International Rally of Great Britain bestritt. Und an der 1977 neu aufgelegten Mille Miglia hat der Exot ja schließlich auch schon teilgenommen mit seinem späteren Besitzer.

Man muss in der knapp geschnittenen Karosse erstmal seine Position finden auf der rechten Seite, vor allem seine Knie sortieren - um mit ihnen nicht das große, dürre Lenkrad aus Versehen zu verreißen. Der an sich haltbare Stoßstangen-Sechszylinder mit halbkugelförmigen Brennräumen und drei Vergasern springt willig an, ein paar Gasstöße, dann läuft das brabbelig-sonor klingende Powerpack und facht alleine akustisch schon die Leidenschaft an. Schrullige Randnotiz: In einer kleinen Box unter der langen Motorhaube findet sich Platz für Ersatz-Zündkerzen und ein bisschen Werkzeug.

Den Drehzahlmesser immer im Blick

Mit 125 British Horse Power, übersetzt: 126 DIN-PS, hat der betagte Motor kein Problem, die deutlich unter einer Tonne wiegende Rohrrahmen-Konstruktion nach vorn zu treiben. Trau' dich Drehzahl, dann bekommst du Druck ins Kreuz. Immer schön den Tourenzähler im zentral angeordneten Instrumenten-Ensemble im Blick halten und den Zeiger rotieren lassen, dann sind auch die Mundwinkel oben. Hat man die Hemmungen (bitte nicht den Respekt!) nach einer Zeit abgelegt, wird man schnell eins mit dem Roadster und lässt den metallisch klackenden Schalthebel rasant durch die Gassen witschen. Vorsicht, die Gänge liegen nah beieinander, aber untersynchronisiert ist die Box nicht, erfordert zwar Kraft, aber lange nicht so viel Feingefühl, um bedient zu werden wie bei manch ähnlich alten Fahrzeugen.

Und weil eine konventionelle Windschutzscheibe fehlt, erhöht neben der Dynamik des alten grummelnden Reihensechsers auch noch der tosende Wind den Adrenalin-Spiegel. Dem Ruf des berühmten und versierten Rennsportlers wird der Tourer gerecht, will förmlich mit dem Gaspedal um die Kehre geworfen werden, klebt am Boden, macht einfach Laune. Bei den allermeisten Passanten dürfte er übrigens Aufmerksamkeit erwecken, aber eher Fragen aufwerfen, selbst wenn man die schicken Speichenfelgen mit Zentralverschluss gegen Chromradzierblenden mit BMW-Logo tauschen würde, wie er sie im Laufe seines langen Lebens bereits trug. Bei Thiesen Automobile Köln steht das besprochene Exemplar übrigens zum Verkauf, und die nächste Mille Miglia kommt bestimmt.

Quelle: ntv.de, Patrick Broich


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