Kommentar: Hitler und die Muslime

  27 Dezember 2017    Gelesen: 513
Kommentar: Hitler und die Muslime
Derzeit wird in hiesigen Medien ein Buch des Historikers David Motadel behandelt, in dem Hitler angekreidet wird, viel für den Islam übrig gehabt zu haben. Übrig hatte Hitler auch etwas für den türkischen Helden Mustafa Kemal Atatürk, was zeitweise so suggeriert wird, als wäre die Türkei an sich Nationalsozialistisch veranlagt.
TP-Kommentar – Derzeit wird in hiesigen Medien ein Buch des Historikers David Motadel behandelt, in dem Hitler angekreidet wird, viel für den Islam übrig gehabt zu haben. Übrig hatte Hitler auch etwas für den türkischen Helden Mustafa Kemal Atatürk, was zeitweise so suggeriert wird, als wäre die Türkei an sich Nationalsozialistisch veranlagt. Können aber solche Debatten, wen Hitler oder Himmler so alles anhimmelten, darüber hinwegtäuschen, dass das Hitler-Regime im Grunde um ihre eigenen Vorteile bedacht waren?

Können “muslimische” Wehrmachtsverbände dafür hergehalten werden, den Antisemitismus zu erklären? Mitnichten, wie auch aus dem Buch von David Motadel “Für Prophet und Führer” selbst hervorgeht. Wieso das nicht insbesondere in den deutschen Medien unterstrichen, der Islam mit dem Hitler-Regime in Verbindung gebracht wird, das ist die interessantere Frage.

Die Islampolitik des Hitler-Regimes folgte jedenfalls rationalen Gründen und nicht wie einige Medien wiederkäuend erwähnen, Hitler sei islamophil gewesen, weshalb er sie bevorzugt behandelt und im Kampf gegen das Judentum eingesetzt habe.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches lebten ca. 90 Prozent der Muslime auf der Welt unter der Herrschaft der britischen, französischen, italienischen oder sowjetischen Besatzungsmacht oder Willkürherrschaft. Aus der Perspektive der Bevölkerung dieser besetzten oder okkupierten Gebiete genossen die Feinde der Besatzungsmächte zugleich gewisse Sympathien bis hin zu Kooperationsbereitschaft, wenn es darum ging, die eigene Besetzung oder Okkupation zu beenden.

In Libyen, versuchten die Italiener seit 1911 Fuß zu fassen, was damit endete, dass allein zwischen 1923 bis 1932 während der Regierungszeit Benito Mussolini bei Flächenbombardements und Giftgaseinsatz sowie in Konzentrationslagern an die 100.000 Libyer ums Leben kamen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann die Libyer sich den Briten anschließen, während in Palästina die Bevölkerung während der britischen Mandatsherrschaft versuchen würden, sich durch Mithilfe eines Verbündeten von den Briten zu befreien und die weitere Besiedlung durch jüdisch-stämmige Einwanderer zu verhindern.

Im Grunde stand der gesamte Nahe Osten unter der Mandatsherrschaft der Briten seit langem auf wackligen Füßen. Die an die Araber während des Ersten Weltkrieges versprochenen Länder und Reiche standen immer noch unter der Kontrolle der Briten, die Franzosen hielten Syrien fest und während der stalinistischen Sowjetära hatten bis 1940 Abermillionen Russen gelitten, darunter auch muslimische Minderheiten am Rande des Kaukasus oder der Krim. Auch hier war es nur den diplomatischen Gepflogenheiten des deutschen Auswärtigen Amtes zu verdanken, dass das Hitler-Regime im Nahen Osten, im Kaukasus oder im Balkan recht erfolgreich eine Antistimmung gegen die Besatzer, Willkürherrschaft oder Kolonialmacht etablieren konnten.

Die Araber im Nahen Osten, die von T.T. Lawrence oder Gertrude Bell darin bestärkt wurden, sich gegen die Osmanische Herrschaft zu erheben, merkten nach dem Ersten Weltkrieg schnell, dass die Briten oder Franzosen kein Interesse daran hatten, ihnen die Herrschaft zu überlassen. So waren es die Briten selbst, die den palästinensischen Mohammed Amin al-Husseini zum Großmufti ernannten – dem Mufti dem bis heute nachgesagt wird, eine antijüdische Haltung während des Zweiten Weltkriegs eingenommen zu haben – um die Bestrebungen der Palästinenser zu spalten. Der erste Hochkommissar Herbert Louis Samuel höchstselbst hob das Urteil gegen al-Husseini auf, der bei den Nabi-Musa-Unruhen im Jahre 1920 eine Schlüsselrolle spielte und dass der Historiker Tom Segev als Startschuss für den “Kampf um das Land Israel” nannte. Die Ernennung des umstrittenen Großmuftis im Jahre 1921 erfolgte dabei nicht willkürlich, sondern nach politischen Ambitionen, aber entgegen der Traditionen, die im Einklang mit einer Konklave aller damals weltweit tätigen Muftis hätte erfolgen müssen.

Die palästinensische antibritische Stimmung hatte also viel früher eingesetzt, die mutmaßlich “antijüdische” Stimmung hatte vielmehr mit der vorgesehenen Errichtung eines jüdischen Nationalstaates zu tun, der man sich bereits Jahre zuvor zu widersetzen versuchte. Spätestens mit dem Erstarken des Hitler-Regimes und der baldigen Besetzung zahlreicher Länder, begann auch der palästinensische Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, die nationalsozialistische Ideologie als Katalysator zu nutzen, um die Idee des jüdischen Nationalstaates zu untergraben. So wie sich einst Max von Oppenheimer während des Ersten Weltkriegs die Nachrichtenstelle für den Orient im Auswärtigen Amt gründete und über die deutsche Botschaft in Istanbul die muslimische Bevölkerung im Nahen Osten gegen die Briten zu mobilisieren versuchte, so war es auch ein starkes Anliegen des Hitler-Regimes, die alten Verbindungen zu erneuern und gegen die britische Mandatsherrschaft umzumünzen.

Was im Nahen Osten oder in Ägypten funktionierte, sollte auch in anderen beabsichtigten Kriegsregionen angewendet werden. So konnte das Deutsche Reich während des Zweiten Weltkrieges im Kaukasus oder der Krim “Muslime” gewinnen, in dem sie diese bevorzugt behandelte. Während die Sowjetunion den Muslimen die Religiösität untersagte, offerierte das Deutsche Reich damit, dass jedem Muslimen die freie Religionsausübung garantiert werde. Unter Stalin wurden Moscheen zu Ställen oder Silos umgewandelt oder gänzlich zerstört, Tausende Menschen umgesiedelt oder verbannt. Das Deutsche Reich verstand es, die verletzten Gefühle und Rechte der Minderheiten anzusprechen und die Ungerechtigkeiten die ihnen wiederfuhr, gegen ihre Peiniger zu mobilisieren. Auf dem Balkan war das Hitler-Regime ebenfalls erfolgreich, wie in anderen Krisenregionen.

Im Kontext betrachtet war die Bevölkerung, die vom Hitler-Regime gegen die “Besatzer” oder “Gewaltherrschaft” mobilisiert wurden, per se keine Anhänger der “Nationalsozialistischen Ideologie”, sondern Pragmatiker, die die Besatzung oder Gewaltherrschaft beenden wollten.

Die Rolle der Türkei im Lichte des Nationalsozialismus
Vorab: In der Türkei begann man sich aufgrund der Übermacht der deutschen Wehrmacht an der bulgarischen Grenze sorgen zu machen und beschloss in einigen westlichen Provinzen Ende 1940 den Ausnahmezustand auszurufen. Anfang 1941 wurden die Jahrgänge 1920 bis 1922 zu den Waffen gerufen und an die Erste Armee in Edirne beordert. Zeitgleich verschob die türkische Generalität die Zweite Armee die in Ankara stationiert war, weiter nach Westen in die Provinz Balikesir, um eine Besetzung Istanbuls zu verhindern.

Die Dritte Armee wurde verstärkt in Erzurum stationiert, um einen Angriff aus Syrien oder der Sowjetunion zuvorzukommen. Insgesamt wurden zu dieser Zeit mehr als 1.300.000 Soldaten mobilisiert. Die Mobilisierung hatte jedoch verheerende Probleme verursacht. Die Inflation, die bis 1940 bei durchschnittlich rund 26 Prozent lag, erhöhte sich nach 1941 schlagartig auf 75,3 Prozent, bis 1944 verachtfachte sie sich sogar. Das führte unter anderem dazu, dass die Großstädte ab 1942 Brotmarken verteilten, Ende 1942 die berüchtigte “Varlik Vergisi” (Vermögenssteuer) eingeführt wurde, die nichtmuslimische Bürger am stärksten betraf.

Außer acht gelassen werden darf auch nicht, was nach dem 12. November 1940 während des Molotow-Besuch in Berlin beredet wurde, bei der unter anderem die Fortführung der russisch-deutschen Beziehungen geklärt werden sollte. Im Zuge dieser Gespräche trug Ribbentrop dem engsten Vertrauten Stalins, Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow, den detaillierten Entwurf eines “4-Mächte-Paktes” vor, in der auch der UDSSR in einem geheimen Zusatzprotokoll zugestanden wurde, auf Pachtbasis eine Basis für Land-und Seestreitkräfte im “Rayon des Bosporus und der Dardanellen” mit langer Pachtlaufzeit zuzugestehen, notfalls mit Gewalt. Stalin konnte sich zwar nach 1945 gegen die US-Amerikaner und Briten in der Frage der Dardanellen und des Bosporus nicht durchsetzen, beanspruchte aber kurze Zeit Ostanatolien für sich, was jedoch wieder am Widerstand der Allierten scheiterte.

Zu gleichen Zeit konnten oder wollten bis Ende 1943 die Allierten der Türkei keine Zugeständnisse machen und die Türkei wollte sich nicht am Krieg beteiligen, was auch daran ersichtlich ist, dass das Treffen zwischen Churchill und dem türkischen Staatspräsidenten Ismet Inönü in Adana in der Sache zum Kriegsbeitritt nicht fruchtete. Inönü entgegnete Churchill, dass die Türkei lediglich 4 Prozent der zugesagten Waffenlieferungen erhalten habe, um an der Seite der Allierten in den Krieg zu ziehen – wobei bis zu diesem Zeitpunkt nachwievor die Achsenmächte an der Westgrenze zur Türkei massiv Stellung bezogen hatten. Auch während der Kairoer-Konferenz Ende November 1943 kam man nicht überein.

Hitlers Einstellung zur Türkei hatte sich zu dieser Zeit bereits gewandelt und insofern von großer Tragweite, wenn man bedenkt, dass der Gründer der Türkei während seiner Ansprache in Obersalzberg bereits ein Jahr verstorben war:

“Seit dem Tode Kemals wird die Türkei von kleinen Geistern regiert, haltlose, schwache Menschen.” Im Ersten Weltkrieg war Deutschland mit dem Osmanischen Reich verbündet; die Geschichte dieser Militärkooperation reichte bereits ein Jahrhundert zurück. Auslöser für die Deutsche Affinität für die Türkei nach 1919 war der Beginn des türkischen Unabhängigkeitskrieges, in dem sich die Türkei gegen ihr Versailles, den Vertrag von Sèvres, aufgelehnt hatte. Dieser Krieg dauerte bis 1923, fiel also genau mit den Gründungsjahren der NS-Bewegung zusammen.

Auf die Nationalsozialistische Bewegung wirkte die türkische Gegenwehr wie Balsam auf das eigene Gemüt angesichts der erdrückenden Last durch das “deutsche” Versailles. Da leistete ein “Volk” Widerstand, “mit der Waffe in der Hand”, während man sich selbst unter der Knute von “Erfüllungspolitikern” wähnte. Wenige Tage nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages wurde Mustafa Kemal in der deutschen Presse das erste Mal erwähnt und Hitler, der die Schmach der Niederlage und der erdrückenden Reparationszahlungen miterlebte, sah in Mustafa Kemal Atatürk einen Volkshelden wie jeder andere Deutsche zu der Zeit auch. Dass die Türkei zwei Jahrzehnte später sich dennoch gegen die deutsche Diplomatie und Vereinnahmunsversuche positionierte, sich gegen Stalins Gelüste wie auch gegen die Alliierten standhielt und sich nicht von diesen einvernehmen ließ, spricht Bände.

Als Diplomat im Dienste Hitlers versuchte der ehemalige Vizekanzler im Kabinett von Hitler und späterer Botschafter des Deutschen Reichs in Ankara, Franz von Papen, die türkische Regierung zur Neutralität und zur Hilfe zu bewegen, damit der Feldzug gegen Russland reibungslos verläuft – Hitler wollte somit verhindern, dass die Briten über Mesopotamien und über die Türkei im Rücken der Front den Feldzug gegen die Sowjetunion gefährden. Hitler versuchte dabei vor allem mit der Inselfrage in der Ägäis die Türkei dazu zu bewegen, ihre Neutralität gegenüber dem Deutschen Reich zu wahren und gleichzeitig geheime Waffenlieferungen zuzulassen.

Dazu musste Hitler nur die Italiener dazu bewegen, ein oder zwei Inseln in Sichtweite zum kleinasiatischen Festland an die Türkei abzutreten, wogegen sich Mussolini zunächst vehement wehrte. Doch angesichts der Notwendigkeit der Sicherung solcher Schlüsselpositionen wie der Türkei oder dem Irak, bereitete Franz von Papen höchstselbst eine Geheimabkommen vor, in der man der Türkei versicherte in der Inselfrage die Grenzen zu ihren Gunsten zu verschieben, sich sogar dafür einzusetzen, dass der Vertrag von Montreux neu vereinbart wird. Dieses Ansinnen war nicht ohne Gegenleistung.

Zwar regelte der Vertrag von Montreux bereits 1936 die Souveränität der Türkei über die Dardanellen und die Durchfahrtsrechte durch den Bosporus, doch dieser Vertrag verhinderte zugleich die Durchfahrt von Kriegsschiffen der Achsenmächte durch die Meerenge – was auch im Nachhinein eintraf. Die Türkei sperrte die Meerenge, als kleinere bewaffnete Kriegsschiffe der Achsenmächte versuchten, in das Schwarze Meer zu gelangen, um die Sowjetunion zu bedrohen. London und Moskau hatten dagegen energisch protestiert, weshalb die Türkei die Durchfahrt versperrte. Bis heute gibt es in Zusammenhang mit dem Vertrag von Montreux von 1936 auch ein Disput zwischen der Türkei und Griechenland um die östlichen Ägäisinseln Limnos, Samothrake, Gökçeada, Bozcaada und Tavcan, die durch den Vertrag von Lausanne entmilitarisiert wurden.

Franz von Papen hatte aber mehr im Sinn, als nur die Türkei zur Neutralität zu bewegen. Dem Deutschen Reich ging es vor allem darum, im Irak eine Pufferzone einzurichten, die die britische Vorherrschaft zurückdrängt. Das englische Irak-Mandat wurde 1930 zwar einvernehmlich aufgehoben, sie war jetzt Mitglied des Völkerbunds, aber er blieb eng an England gebunden und hatte per Vertrag versprochen, sich im Kriegsfall wie ein Verbündeter zu verhalten. Also musste das Land dem Deutschen Reich im Zweiten Weltkrieg den Krieg erklären. Die irakische Regierung wollte das auch tun, wurde aber entmachtet. Mit dem Militärputsch im Irak im April 1941 eröffnete sich für das Deutsche Reich die Gelegenheit, die britische Vorherrschaft im Irak zu beenden. Offiziere des “Goldenen Quadrats“ um den Politiker Raschid Ali al-Gailani gelang es, die irakische Regierung und den minderjährigen König Faisal II. zu stürzen und den Einfluss Großbritanniens zumindest sehr kurz zu beenden.

Viele Araber hofften bereits zu dieser Zeit, dass Erwin Rommels Afrikakorps die Engländer aus Ägypten vertreibt, in Kairo einzieht, an deren Küste bereits die Italiener gelandet waren und erfolglos versuchten, die britische Vorherrschaft zu zurückzudrängen. In Syrien herrschte die französische Mandatsherrschaft Frankreichs unter dem Vichy-Regime. al-Gailani war sich jedoch bewusst, dass der Umsturz im Irak nur von kurzer Dauer sein würde, wenn er nicht alsbald Hilfe erhält. Die Achsenmächte boten sich dabei regelrecht an, sich von der britischen Vorherrschaft zu lösen, weshalb Raschid Ali al-Gailani sowie der Großmufti von Jerusalem auch gemeinsam in Berlin auftraten. Für das Hitler-Regime stellte sich jedoch zu der Zeit die dringlichere Frage, wie man in der Kürze der Zeit eiligst Waffen an die irakischen Putschisten liefern kann und hier kam die Rolle der Türkei zum Tragen.

Als einziges Land mit direkter Land- sowie Zugverbindung zum Irak bot sich die Türkei geradezu an, woraufhin Franz von Papen Geheimgespräche einleitete und die ägäischen Inseln als Gegenleistung anbot, ohne dabei aber konkret zu werden. Joachim von Ribbentrop, Reichsminister des Auswärtigen, war davon wenig erfreut, sogar erbost, zumal man die Italiener einerseits noch nicht überzeugt hatte, sich von manchen Inseln loszusagen, andererseits die türkische Regierung sich noch nicht zu den Waffenlieferungen an die Militärputschisten im Irak geäußert hatte. Ersichtlich wird das durch ein Telegramm am 29. Mai 1941, in der Ribbentrop von Papen darüber aufklärt, dass die Italiener noch nicht dazu gewonnen werden konnten, bei der Inselfrage entgegenzukommen oder dass die Türkei noch keine Zusage gemacht habe, Waffenlieferungen über ihr Territorium zuzulassen. von Papen entgegnete darauf, dass er der Türkei namentlich keine Inseln genannt habe und auch in der Grenzfrage in Thrakien keine konkreten Angaben gemacht hätte. Zu dieser Zeit hatte sich das Blatt im Irak bereits gewendet, die Briten landeten in Basra, richteten sich danach in al-Habbaniyya mitten im Irak ein und warfen die irakischen Streitkräfte zurück, woraufhin al-Gailani sich ins Exil begab.

Am 4. Juni 1941 telegrafierte Ribbentrop an von Papen, dass er sich bei der Inselfrage zurückhalten und der Türkei keine Zugeständnisse mehr machen bzw. ruhig verhalten solle, so lange die türkische Regierung das Thema nicht selbst anschneidet. Am 12. Juni 1941 telegrafierte von Papen nach Berlin, in der er die Antwort des türkischen Außenministers Şükrü Saracoğlu mitteilte. Darin erklärte die türkische Regierung, dass die Türkei kein Interesse daran habe, das Geheimprotokoll zu unterzeichnen, somit nicht Willens sei, über ihr Territorium Waffen zu verschieben. Am 18. Juni unterzeichnete die Türkei den Deutsch-türkischen Freundschaftsvertrag. Sie dauerte bis zum 24. Oktober 1945. Vier Tage später, am 22. Juni 1941 fielen die deutschen Truppen jedoch in die Sowjetunion ein, was in der Türkei berechtigterweise Ängste eines erneuten Vertragsbruchs weckte – aufgrund des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von 1939.

Die Ängste waren wohl begründet, aber bis heute ist nicht erklärbar, warum Hitler vor der türkischen Grenze Halt machte und mit mehr als einem Dutzend Divisionen anderthalb Jahre in Bulgarien ausharrte. Ein Logische Schlussfolgerung wäre, das Hitler genau wusste, dass die Türkei in ihrer Neutralität vor allem die Alliierten verärgern würde und so die Türken gegenüber dem Deutschen Reich noch weiter solidarisiert und Stellung beziehen lässt. Andererseits hätte Hitler somit seine Truppen geschont und nicht in ein Land schicken müssen, in der die Verluste unkalkulierbar wäre. Fest steht, dass innerhalb der Generalität im Deutschen Heer Einmarschpläne geschmiedet wurden, jedoch die Meinung überwog, dass die Verluste bei einem Einmarsch unkalkulierbar sind und ein Minenfeld eröffnet wird, die die Sowjetunion sowie die Briten alarmiert.

Wie stark man auf die Türkei in der Causa „Neutralität“ setzte, kann man während der Besetzung Bulgariens feststellen: viele Bulgaren türkischer Abstammung, die diese Zeit erlebten, bezeichneten die deutschen Soldaten als zuvorkommend, hilfsbereit und gegenüber ihnen sehr freundlich, während die slawische Bevölkerung, vor allem die bulgarisch-jüdische Bevölkerung unter der Besatzungszeit enorm litt. Es gab augenscheinlich die Order, dass die türkischstämmige muslimische Bevölkerung nicht zu Schaden kommt, um damit das Wohlwollen der türkischen Regierung, aber vor allem auch der muslimischen Welt zu sichern, auch wenn die Türkei bereits damals das Kalifat über die muslimische Welt nicht mehr innehatte.

In diesem Zusammenhang ist auch in anderen Konfliktregionen die Islam-affine Haltung des Hitlers-Regimes zu verstehen. Letztlich wird derzeit in deutschen Medien ein geradezu trivialer Sachverhalt skandalisiert. Unter der Redewendung “Der Feind meines Feindes ist mein Freund.” kann man nicht nur die “Muslime” erfassen, die gegenüber dem Hitler-Regime eine wohlwollende Haltung einnahmen, sondern auch Armenier oder Georgier, die sich in Legionen der Wehrmacht anschlossen, um sich vom stalinistischen Joch zu befreien. Selbst die radikal-zionistische, paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina, Lechi, folgten dieser Redewendung.

Als Ende 1940 mit England nur noch ein einziger europäischer Staat gegen das Hitler-Regime Widerstand leistete und der Ausgang des Krieges mehr als ungewiss schien, suchte ausgerechnet die Lechi aus Palästina in ihrem Kampf gegen die Mandatsmacht der Briten Unterstützung bei Nazi-Deutschland. Anfang 1941 traf Naftali Lubentschik im von Vichy-Frankreich kontrollierten Beirut mit dem deutschen Geheimdienstler Rudolf Roser und dem Diplomaten Werner Otto von Hentig zusammen und händigte ein Memorandum aus. Lechi regte darin an, dass ein vom Hitler-Regime beabsichtigtes “Neues Europa“ ohne Juden nur errichtet werden könne, wenn man die Juden nach Palästina bringe und dort einen zionistischen Staat errichten lasse, der mit dem Deutschen Reich vertraglich verbunden und verbündet sein sollte. Die deutschen Unterhändler lehnten das Ansinnen jedoch ab und unterstützten stattdessen das Unabhängigkeitsbestreben der Araber um den Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini.

Am 12. Februar 1942 wurde zwar der Anführer der Lechi, Avraham Stern von der britischen Polizei in seiner Wohnung erschossen, viele Mitglieder verhaftet, doch die Untergrundorganisation wurde später unter der Führung von Israel Eldad, Nathan Yellin-Mor und Jitzhak Schamir wiederbelebt. Sie setzten letztendlich das fort, was damals Stern dem Nationalsozialismus nicht entlocken konnte und dass der Großmufti von Jerusalem zeitgleich mit dem Hitler-Regime zu verhindern versuchte.

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