Kommt ein Kajakfahrer zum Arzt ...

  15 Juli 2018    Gelesen: 555
Kommt ein Kajakfahrer zum Arzt ...

Ein 46-Jähriger klagt über starke Schmerzen im Brustbereich. Der Mann hat intensiv für einen Kajak-Wettbewerb trainiert. Die Ärzte vermuten sofort einen Zusammenhang - doch der Schein trügt.

 

Tagsüber arbeitet der 46-Jährige im Büro, in seiner Freizeit aber bewegt er sich viel: Er fährt Kajak. Normalerweise paddelt er zweimal pro Woche für zwei Stunden. In Vorbereitung auf einen Wettbewerb hat der Mann nun sein Training intensiviert und ist viermal pro Woche je zwei Stunden unterwegs.


Das scheint ihm schlecht zu bekommen. Eines Tages verspürt er plötzlich Schmerz, als er zuhause vom Sofa aufsteht. Die Pein sitzt am hinteren Brustkorb im Bereich von Rippen und Brustwirbelsäule. In den kommenden Wochen und Monaten bleibt der Schmerz bestehen. Wenn der Mann läuft, niest oder hustet, tut es noch heftiger weh.

Fünf Monate voller Schmerz - Der Mann nimmt am Kajak-Wettbewerb teil, danach sind die Beschwerden deutlich schlimmer. Endlich sucht der 46-Jährige medizinische Hilfe, inzwischen lebt er fünf Monate mit den Schmerzen. Im Zentrum für Sportmedizin am Royal Orthopadic Hospital in Birmingham, Großbritannien, nehmen sich Ärzte seines Falls an.

Den Medizinern um Guy Morgan Evans fällt auf, dass der Mann sowohl die rechte Schulter als auch das rechte Becken leicht hochzieht. Beim Abtasten hat er Schmerzen im mittleren Bereich der Brustwirbelsäule - und zwar auf der linken Seite bei den sogenannten Zwischenwirbelgelenken sowie den Gelenken, die Wirbelsäule und Rippen verbinden.

Als die Ärzte ihn auffordern, seinen Oberkörper zu drehen, gelingt dem Patienten dies in die linke Richtung nicht so gut wie in die rechte. Mit der Lendenwirbelsäule und den Beinen ist dagegen alles in Ordnung. Auch hat der Mann keine Probleme oder Auffälligkeiten beim Wasserlassen, berichten die Mediziner im "Clinical Journal of Sport Medicine".

Warten auf den MRT-Termin - Die Ärzte wollen den Patienten genauer untersuchen und ordnen eine Magnetresonanztomografie (MRT) an. Bis dahin stellen sie eine vorläufige Diagnose: Der Mann hat wohl aufgrund seines erhöhten Sportpensums eine Gelenkverletzung oder einen Ermüdungsbruch an den Rippen.

Auf den MRT-Termin muss der Mann eine Weile warten. Die Ärzte raten ihm, in dieser Zeit von anstrengenden Tätigkeiten abzusehen. Sich zu schonen ist tatsächlich die wichtigste Empfehlung bei einem Ermüdungsbruch, der sich von einem Knochenbruch durch einen Unfall deutlich unterscheidet. Beim Ermüdungsbruch, auch Stressfraktur genannt, entstehen kleine Risse im Knocheninneren, die sich weiter ausweiten - bis auch die Außenhaut des Knochens reißt. Schonen sich Betroffene, heilt der angeknackste Knochen von selbst.

Doch der Zustand des 46-Jährigen verschlechtert sich. Die Schmerzen nehmen zu und sind jetzt deutlicher im Bereich des achten und neunten Rippenbogens verortet. Das spricht für eine der vorläufigen Diagnosen: den Ermüdungsbruch der Rippen.

Keine Risse an den Rippen - Als die Ärzte schließlich das MRT durchführen und die Bilder auswerten, müssen sie ihre Einschätzung jedoch korrigieren. An den Rippen sind keinerlei Risse zu erkennen. Auch die Muskeln in dem Bereich scheinen in Ordnung.

Trotzdem liefert die Aufnahme den richtigen Hinweis: In der linken Niere sind die Strukturen geweitet, durch die Flüssigkeit geleitet wird. Medizinisch spricht man von einer Wassersackniere oder Hydronephrose. Mit dem Kajakfahren hat die Erkrankung nichts zu tun.

Die Sportmediziner überweisen den Patienten sofort zu anderen Spezialisten - in die urologische Chirurgie. Dort finden die Ärzte die Ursache des Problems: Nierensteine verstopfen den Harnleiter. Der Patient bekommt einen Katheter eingesetzt, damit der Harn zügig abfließen kann und die Niere entlastet wird. Danach erholt sich der Mann vollständig, heißt es im Fallbericht.

Ob die Steine anschließend durch einen chirurgischen Eingriff entfernt oder zertrümmert wurden, erwähnen die Sportmediziner nicht. Dies kann bei größeren Nierensteinen notwendig sein, die nicht von selbst mit dem Urin aus dem Körper gespült werden.

spiegel


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