Zwei Ziele schlagen: Warum Washington Raketen im Nordpazifik stationiert

  15 Auqust 2019    Gelesen: 180
  Zwei Ziele schlagen: Warum Washington Raketen im Nordpazifik stationiert

Nach Europa wird Amerika vermutlich keine Raketen bringen, die im INF-Vertrag verboten waren. Dafür aber nach Asien. Das setzt China und Russland unter Druck, erklärt ein Experte. Ins Fadenkreuz der USA gerät die Fähigkeit dieser zwei Länder, nuklear zurückzuschlagen.

Zwei Ziele hat die US-Führung im Sinn, wenn sie Raketen im Nordpazifikraum stationieren will. Ein „Enthauptungsschlag gegen China“ ist das eine, ein „Entwaffnungsschlag gegen Russland“ ist das andere Ziel, erklärt Militärexperte Konstantin Siwkow, Vize-Präsident der Akademie für geopolitische Probleme.

Damit kommentiert der Analyst eine Erklärung des US-Botschafters in Moskau, Jon Huntsman. Dieser sagte in einem Radiointerview am 14. August, die amerikanischen Raketen „werden wahrscheinlich auf der ersten Inselkette im Asien-Pazifik-Raum stationiert, nicht in Europa“.

Die genauen Aufstellungsorte sind sicherlich Japan und Südkorea, erklärt Militärexperte Siwkow: „Südkorea kann dazu gezwungen werden, wenn Washington es will. Aber viel wichtiger ist Japan für die Stationierung. Woanders machen Kurz- und Mittelstreckenraketen keinen Sinn, wenn damit die zwei Ziele erreicht werden sollen.“

Den „Enthauptungsschlag gegen China“ versteht der Experte als „Zerstörung von Führungszentren für die ballistischen Interkontinentalraketen, Zerstörung der Raketen selbst und der chinesischen Atom-U-Boote, die solche Raketen an Bord haben“. Dadurch würde Peking die Möglichkeit eines nuklearen Gegenschlags genommen.

Beim „Entwaffnungsschlag gegen Russland“ geht es Washington laut dem Experten darum, die russischen U-Boote zu treffen, „die mit ballistischen Interkontinentalraketen bewaffnet und in Petropawlowsk-Kamtschatski beheimatet sind“, im größten Hafen auf der Halbinsel Kamtschatka.

Das besonders Gefährliche bei alledem ist: Die Vorwarnzeit bei einem Raketenangriffwäre viel zu kurz, um noch richtig reagieren zu können. „Wenn die USA Kurz- und Mittelstreckenraketen in Japan stationieren, verkürzt sich die Frühwarnzeit radikal. Sie beträgt dann nur wenige Minuten“, so der Experte Siwkow.

Amerika setzt auf Überraschungsangriff

Bestehende Frühwarnsysteme sind eh nicht perfekt. Es kommt vor, dass die Sensoren auch Fehlalarme geben. „Die Flugzeit einer Rakete von Amerika nach Russland beträgt zirka 30 Minuten – genug, um den Gegencheck zu machen: Ist es ein echtes oder ein falsches Ziel? Wenn die Anflugzeit sich auf 5 bis 8 Minuten verringert, hast Du diese Möglichkeit nicht mehr. Du musst dann einfach reagieren“, erklärt Siwkow.

Auf diesen Überraschungseffekt setzen die USA, wenn sie Raketen in Japan stationieren, ist der Experte überzeugt. Es steigt das Risiko, dass China oder Russland auf einen Falschalarm mit echtem Gegenschlag reagieren: „Die Gefahr eines massiven Atomkriegs wird größer.“ Und dass China noch gar kein ausgereiftes Frühwarnsystem gegen Raketen hat, macht die Lage nicht besser.

Auch Europa hat keinen Grund, nach der Erklärung des US-Botschafters Huntsman aufzuatmen. Was der Beamte im Radiointerview über die Stationierung gesagt hat, entspreche zwar höchstwahrscheinlich der offiziellen Position der US-Regierung. „Aber die Erklärung ist keine Garantie, dass keine US-Raketen nach Europa kommen“, sagt der Abgeordnete Konstantin Kossatschew, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Föderationsrats.

„Amerika ist doch nicht dafür aus dem INF-Vertrag ausgestiegen, um ihn weiter zu erfüllen“, betont der Parlamentarier. „Dieser Vertrag war die einzige Garantie, dass keine US-Raketen in Europa aufgestellt werden.“

Und diese Garantie ist am 2. August 2019 erloschen. An dem Tag ist der INF-Vertrag rechtsunwirksam geworden, nachdem die US-Regierung aus diesem Vertrag ausgestiegen war. Vorher galt, dass Russland und die USA alle ihre landbasierten Kurz- und Mittelstreckenraketen (mit Reichweiten von 500 bis 5.500 Kilometern) zerstören und auf die weitere Herstellung, Erprobung und Stationierung dieser Systeme verzichten. So hatten es Moskau und Washington im INF-Vertrag 1987 vereinbart.

Ohne diese Vereinbarung ist die Lage „unberechenbar und deshalb sehr besorgniserregend“, sagt der Außenpolitiker Kossatschew.

sputniknews


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