Frankreichs Élysée-Palast wurde durch Sklavenhandel finanziert

  23 November 2020    Gelesen: 199
  Frankreichs Élysée-Palast wurde durch Sklavenhandel finanziert

Die Geschichte des heutigen Amtssitzes des Staatspräsidenten und Machtzentrums der französischen Republik will niemand so recht wahrhaben.

Seine Stimme ist sanft und ohne anklagenden Unterton. "Die historischen Fakten sprechen für sich", sagt Louis-Georges Tin. Und um es gleich zu betonen: Der 46-jährige Literaturwissenschafter aus dem französischen Karibik-Departement Martinique ist gar kein Historiker. Und was er vor einem Jahr entdeckte und seither erforscht, ist eigentlich gar keine neue Entdeckung – alles ist öffentlich zugänglich. "Ich würde eher von einer Erkenntnis sprechen", sagt der frühere Vorsteher des Dachrates der schwarzen Organisationen Frankreichs (Cran): "Es gibt Dinge in der Geschichte, die liegen offen zutage, und doch will sie niemand sehen oder hören."

Also hat Tin einen offenen Brief an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron verfasst. Er informiert ihn, in welchen vier Wänden er eigentlich lebt. Denn das 300 Jahre alte Palais an der Rue du Faubourg Saint-Honoré in Paris ist einst aus den Einnahmen des Sklavenhandels finanziert worden. Geldgeber war Antoine Crozat, genannt Marquis de Châtel, bekannt als reichster Franzose des beginnenden 18. Jahrhunderts.

Weniger bekannt ist, dass Crozat ein "négrier" war – ein Sklavenhändler. Sein Vermögen beruhte zu weiten Teilen auf dieser sehr lukrativen Aktivität. Crozat belieferte Karibikinseln wie Haiti sowie Louisiana. Die damals französische, nach König Ludwig XIV. benannte Kolonie war zeitweise Privatbesitz des unternehmungsfreudigen Marquis. 1701 erhielt er auch das Recht, die spanischen Kolonien mit afrikanischen Arbeitskräften zu beliefern.

Herumirrende Gespenster
Tin zieht seine Folgerung: Der weltberühmte Élysée-Palast, seit 1873 Amtssitz des französischen Staatschefs und stolz beflaggter Mittelpunkt der Republik, wo heute alle Fäden der Nation zusammenlaufen und gezogen werden – er wurde laut Louis-Georges Tin "mit dem Blut afrikanischer Sklaven" finanziert: "In den Mauern des Élysée irren noch ihre Gespenster herum", schreibt der Literaturprofessor der Universität Orléans. Tin macht Macron keine Vorhaltungen. "Sie sind Erbe dieser Geschichte, Sie tragen keine Verantwortung", schreibt er.

Doch wie auch das Weiße Haus in Washington, an dem schwarze Sklaven mitgebaut hätten, sei der Élysée-Palast wegen seiner Funktion als Präsidentensitz ein hochgradiges Symbol. Nicht nur die USA hätten eben eine Sklavenvergangenheit – und damit ein Problem mit dem polizeikritischen Slogan "Black Lives Matter" (BLM). Zudem sei der Élysée-Palast kein Einzelfall: Viele Pariser "hôtels" (Paläste), Banken und Institutionen seien dank "schmutzigen Gelds" aus dem Sklavenhandel entstanden. Dazu gehört ein Teil des Hotels Ritz, hat Tin eruiert. Oder die im Jahr 1800 gegründete Banque de France.

Auf ihr Betreiben hin habe ihr Erstaktionär Napoleon Bonaparte die Sklaverei in Frankreich 1802 wieder zugelassen. Erst acht Jahre zuvor war sie in der Französischen Revolution aufgrund des Gleichheitsgebotes abgeschafft worden. Tin billigt französischen Hafenstädten wie Nantes, Le Havre oder La Rochelle zu, dass sie sich heute bemühten, das düstere Geschichtskapitel des Menschenhandels aufzuarbeiten.

Keine politische Debatte
Frankreich begeht seit 2006 jeweils am 10. Mai einen nationalen Gedenktag zur Abschaffung der Sklaverei. Die Stadt Paris plant im Tuilerien-Park eine Mauer mit den Namen der von französischen Schiffen deportierten Sklaven – nahezu 1,3 Millionen Afrikaner. Die BLM-Bewegung bestärkt – und politisiert – diese Bestrebungen in Frankreich. Skulpturen und Straßennamen von Händlern werden landesweit attackiert. Namentlich Jean-Baptiste Colbert, der illustre Handelsminister von Sonnenkönig Ludwig XIV.: Heute gilt der Begründer des Merkantilismus auch als Autor des französischen "code noir" (schwarzes Gesetzbuch), der Sklaven Möbeln gleichstellte.

Macron, der den Kolonialismus vor drei Jahren noch als "Verbrechen gegen die Menschheit" bezeichnet hat, lehnt die Neuschreibung der Geschichte und die Säulenstürze allerdings ab. "Wir müssen die Geschichte akzeptieren, so wie sie ist", deklamierte er unlängst. Tins Antwort: Richtig, die Geschichte müsse akzeptiert werden, Herr Präsident: "Sie leben im Palast eines Sklavenhändlers."

Diese Einsicht fällt Frankreich schwer. Der Élysée-Palast ist Kern des französischen Staates. Dort lässt sich die Vergangenheit nicht einfach mit einer Gedenktafel beseitigen. Im Raum steht die Frage der Wiedergutmachung – moralisch und finanziell. Ein Konfliktthema. Gerichtsklagen, die auch Reparationen verlangen, sind bisher in Frankreich nicht weit vorgedrungen. Das mediale Echo war sehr dürftig, eine politische Debatte kam nie in Gang. Auch über die Finanzierung des Élysée-Baus berichten Medien kaum. Nur die Zeitung "Libération" veröffentlichte Tins offenen Brief. Online schnellte er sofort auf Platz eins der meistgelesenen Beiträge. Das Interesse der Franzosen für das "historische" Thema ist also durchaus groß.

derstandard


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