Lira im Sturzflug: Anleger fürchten Krisen-Epidemie in Schwellenländern

  16 Auqust 2018    Gelesen: 609
Lira im Sturzflug: Anleger fürchten Krisen-Epidemie in Schwellenländern

Die Wirtschaftsturbulenzen in der Türkei machen die Finanzmärkte nervös. Investoren fürchten „Ansteckungseffekte“ für die großen Volkswirtschaften Lateinamerikas und für Russland. Experten schließen nicht aus, dass die Krise auf die ganze Welt übergreifen könnte. Andere Analysten sehen die Schwellenmärkte robuster denn je.

Die US-Sanktionen gegen die Türkei haben die türkische Lira ins Bodenlose gestürzt. Sie könnte die Währungen anderer Volkswirtschaften mit in den Abgrund reißen: Der brasilianische Real, der mexikanische, chilenische und kolumbianische Peso geben schon nach, der russische Rubel muss doppeltem Druck standhalten.

Seit Jahresbeginn ist die Lira gegenüber dem Dollar um 40 Prozent gefallen. Allein nach der Einführung der US-Importzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei ist die türkische Währung binnen weniger Tage um mehr als 25 Prozent abgesackt.

Die Zentralbank in Ankara hat Notmaßnahmen angekündigt und den Banken des Landes eine Liquiditätsspritze in Aussicht gestellt. Mit rund 10,5 Milliarden Dollar aus dem nationalen Reservefonds will die Notenbank die heimische Wirtschaft auf den Beinen halten.

„Der Kurssturz der Lira ist zweifelsohne ein präziser und geplanter Angriff, der vom größten Akteur des Finanzsystems vorgenommen wurde“, sagte der türkische Finanzminister Berat Albayrak.

Geholfen hat in diesem Moment, dass Präsident Erdogan einen Boykott für Hightech-Geräte aus den USA verkündet hat. Die Lira ist wieder um sechs Prozent gestiegen, doch den Verfall der letzten Tage hat sie nicht aufholen können: Die türkische Währung wird in Relation zum Dollar weiterhin auf historisch tiefem Stand gehandelt.

Derweil greift die Krise auf die Finanzmärkte von Schwellenländern über. Die verunsicherten Anleger betrachten die Emerging Markets ohnehin seit einiger Zeit ziemlich kritisch, jetzt haben sie den Rückzug von den aufstrebenden Märkten beschleunigt.

Der Sammelindex solcher Währungen wir Lira, Peso und Real hat erneut einen Tiefststand erreicht. Der Rubel ist da keine Ausnahme: Noch vor der Verschärfung der Krise in der Türkei ist die russische Währung gegenüber dem Dollar auf den tiefsten Wert der letzten zwei Jahre gefallen. Auslöser dafür waren weitere US-Sanktionen.

Anschließend musste der Rubel einen kräftigen Stoß von Panikverkäufen verkraften. Allerdings steht die russische Währung als einzige in den Schwellenmärkten seit dem 13. August wieder im Plus – was auch zu erwarten war: Die Investoren haben sich beruhigt, die Panik hat sich gelegt.

Experten sehen Dominoeffekt

Was gegenwärtig auf den Finanzmärkten passiert, hat für viele Fachleute dennoch die Anzeichen einer neuen weltweiten Finanzkrise. Weitere geopolitische Gegensätze, die auf die Spitze getrieben werden, könnten den Crash lostreten.

Zudem erinnert die heutige Situation an die Zeit vor zwei Jahrzehnten, kurz vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems 1998.

Damals hatte alles in Asien begonnen: Erst waren die Märkte in Thailand eingebrochen, dann folgten Indonesien, die Philippinen, Malaysia, Südkorea, schließlich der Crash in Russland. Die Investoren stiegen fluchtartig aus den Staatsanleihen der Schwellenländer aus.

Heute geht die Gefahr laut Experten von der Türkei und Argentinien aus: beides große Wirtschaften, die mehr ein- als ausführen und stark von ausländischem Geld abhängig sind.

Nobelpreisträger Paul Krugman hat darauf im Mai dieses Jahres hingewiesen: „Der freie Fall der türkischen Lira ist beeindruckend. Aber auch Argentinien sieht nicht besser aus, trotz dem steilen Anstieg der Leitzinsen.“ Die Unternehmen in den Emerging Markets hätten sich exorbitant im Ausland verschuldet, hauptsächlich in US-Dollar, erklärte der Wirtschaftswissenschaftler.

Einige Fachleute sehen die Lage wiederum nicht so kritisch. Der Kursverfall der türkischen Lira übe nur „mäßigen Einfluss auf einige instabile Schwellenländer“ aus, „wie etwa Südafrika“, sagte der Chef-Währungsanalyst der Saxo-Bank, John Hardy. Wenn eine weitere Panik bei den Investoren ausbleibe, werde die Krise kaum um sich greifen.

Schwellenländer sind krisenfester

Eigentlich sind die aufstrebenden Märkte die ersten Leidtragenden, wenn es zu Verwerfungen auf den globalen Finanzmärkten kommt. Etliche Experten weisen aber auch auf einen anderen Umstand hin, der dazu führen könnte, dass eine Krisen-Epidemie ausbleibt.

Die Volkswirte Carmen und Vincent Reinhart vom Vermögensverwalter Standish Mellon Asset Management sagen, seit 2011 sei die Finanzlage der Länder weniger dramatisch ausgefallen, obwohl der Kapitalfluss sich verringert habe.

Staaten mit großer Schuldenlast sei es gelungen, die Rückzahlung auf spätere Zeiträume zu besseren Konditionen aufzuschieben. Außerdem seien Schwellenländer durch Verringerung von Handels- und Haushaltsdefiziten heute weniger anfällig für eine Verschärfung der Geldpolitik auf den Finanzmärkten.

Deshalb sehen diese Experten nicht die  Gefahr einer Kettenreaktion auf den globalen Finanzmärkten. Staatspleiten würden weniger massiv ausfallen, sie würden eher begrenzt stattfinden, ohne bisher bekannte systemische Folgen.

Was aber den Rubel angeht, so wartet auf die russische Währung im kommenden September eine weitere Prüfung: Ein weiteres Sanktionsgesetz in den USA (derzeit im Entwurf) sieht vor, Transaktionen mit russischen Staatsbanken und Investitionen in russische Staatsanleihen zu verbieten.

sputniknews


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